Zeitung Heute : Im Reich der Mittel

Er spricht bestes Mandarin und wundert sich inzwischen über nichts mehr: Warum ein Berliner Unternehmer in China Erfolg hat

Harald Schumann[Schanghai]

Die Wände sind schmutzig grau, die blinden Fenster jahrzehntealt, der ungeheizte Werkraum ist kalt und zugig. Rund 20 junge Frauen und Männer in weißen Kitteln über dicken Anoraks löten an Leiterplatten und elektronischen Geräten, umgeben von Kistenstapeln und vollgestellten Regalen, die wenig Platz für Bewegung lassen. Die kleine Fabrik in einem abgelegenen Winkel von Schanghais Finanz- und Shopping-Bezirk Pudong erscheint kaum mehr als eine provisorische Werkstatt ohne Zukunft. Doch der Eindruck täuscht.

Denn hier, in der nur wenig renovierten alten Kantine eines staatlichen Reislagers, betreibt ein deutscher Auswanderer aus Berlin eine Firma mit Millionenumsätzen und glänzenden Aussichten. Candeias Electronics, benannt nach ihrem Gründer Carlos Candeias, zählt zu den führenden Herstellern von hochklassigen Musikanlagen. Weil seine CD-Spieler und Verstärker mittels komplexer Elektronik Musik so wiedergeben können, wie sie auch im Konzertsaal klingt, konnte Candeias seiner Firma einen kleinen, aber höchst lukrativen Markt erschließen – und sich selbst einen Lebenstraum erfüllen. Gut 10 000 Geräte im Wert von rund fünf Millionen Euro haben die kleine Fabrik im vergangenen Jahr verlassen. Wäre es nach seinen Kunden gegangen, hätten es auch gut doppelt so viele sein können, sagt Candeias. Aber Platz- und Personalmangel standen dem Wachstum bisher entgegen.

Im kommenden Herbst steht darum der Umzug in eine nagelneue Fabrikanlage in einem Nachbarbezirk von Schanghai an. Dort verheißen die Lage am Seeufer und eine nahe gelegene hübsche Kleinstadt im altchinesischen Stil den Abschied von Verkehrsstress und Abgasgestank. Zwei Hektar Land sind schon gekauft, ein Schild mit einer Computerzeichnung der künftigen Anlage steht schon. Bei den örtlichen Wirtschaftsfunktionären ist der „europäische Investor“ hochwillkommen, fünf Jahre Steuerfreiheit inklusive. Nach den chinesischen Neujahrsferien sollen im März die Baufirmen anrücken. „Wenn die neue Fabrik läuft, beginnt ein anderes Leben“, hofft Candeias, und sein Blick auf die Entwurfsplanung auf dem Bildschirm verrät, wie innig er auf diese Befreiung aus dem Mangel hofft.

Schließlich war der Weg dahin alles andere als geradlinig. Der 41-Jährige arbeitet schon seit 20 Jahren am Aufbau seiner Firma. Doch das Einzige, was stets rundlief, war die von ihm erfundene Technik. Als Chorjunge in Berlin lernte er einst die musikalischen Grundlagen. In die elektronischen führte ihn ein befreundeter älterer Bastler ein. Da lag es nahe, das Studium der Elektrotechnik mit dem Bau von Musikanlagen zu finanzieren. „Mit einem halben Tag Arbeit konnte man damals einen Verstärker so verbessern, dass die Leute 400 Mark dafür bezahlten“, erzählt Candeias. Und die brauchte er dringend. Als Sohn einer siebenköpfigen portugiesisch-spanischen Einwandererfamilie musste er ohne elterliche Zahlungen auskommen. Nach vier Semestern lief das Geschäft so gut, dass es nicht mehr nebenbei zu bewältigen war. Die Aussicht auf Einkommen und Selbstständigkeit trieben ihn weg von der Uni und hinein ins Geschäftsleben. „Mit der Firma lernte ich mehr als mit Studieren“, sagt er heute. Sicher ist jedenfalls, dass er es als Autodidakt zu erheblichem technischen Können brachte. Souverän jongliert er mit komplexen Schaltplänen und referiert die Fortschritte seines „Digital-Analog-Wandlers mit Load Free Effect“. „Technik im Dienst der Kunst“, nennt Candeias diesen Teil seiner Arbeit, für die ihm die Fachwelt höchstes Lob zollt. Umso härter lief der Lernprozess als Geschäftsmann.

Erstens war die Produktion von HiFi-Anlagen in Deutschland gerade im Niedergang. Zweitens hatte Candeias mit der Auswahl seiner Geschäftspartner Pech. Zwar gewann er vor Gericht einen erbitterten Streit um Anteile und Patente. Aber hohe Kreditzinsen und Arbeitskosten drückten die Gewinne seines Kleinbetriebs gegen null. Seine Anlagen erzielten Bestnoten bei den Testern der Fachzeitschriften, aber mit Preisen ab 12 000 Mark aufwärts gab es nur wenig Kunden. „Juwelier-HiFi war die falsche Strategie“, sagt Candeias.

Die Rettung kam aus Japan. Bei der Berliner Funkausstellung wurde ein Vertreter der japanischen Firma CEC auf ihn aufmerksam, die damals gerade vom Weltkonzern Sanyo geschluckt worden war. CEC, einst weltführend bei der Herstellung von Plattenspielern, brauchte neue Produkte, und Candeias hatte sie. Nach langwierigen Verhandlungen bestellten die Japaner ab 1997 seine Spezialtechnik, um sie in CD-Spieler und Verstärker einzubauen, die in Taiwan hergestellt wurden. Doch kaum im Geschäft, bekam Candeias die harten Praktiken im wilden Osten zu spüren. Die Taiwan-Firma kopierte kurzerhand sein „Universalverstärker-Modul“ und das so schlecht, dass die ersten Geräte bei allen Tests durchfielen. Die Kopisten mussten zurückstecken, und fortan war Candeias auch in Festlandchina für CEC als Entwickler und Kontrolleur unterwegs.

Von da an war die Auswanderung nur eine Frage der Zeit. „Mein Markt war in Asien“, sagt Candeias. Und so wurde die wirtschaftliche Globalisierung ein zentraler Bestandteil seines Lebensplans. Dabei schreibt er seinen erfolgreichen Umgang mit den bei deutschen Unternehmen gemeinhin als schwierig geltenden Managern aus Japan und China auch seiner Erziehung zu. Das Umschalten zwischen verschiedenen Gebräuchen und Umgangsformen mussten auch seine Eltern schon lernen. Als er dann von einem deutschem Banker auf eine Kreditanfrage zu hören bekam, dass er als „Südländer“ nicht ausreichend vertrauenswürdig sei, hielt ihn in Deutschland nichts mehr. Am 2. Januar 2001 schickte er einen Container mit all seiner Habe und voller elektronischer Gerätschaften auf die Reise nach Fernost und startete mit dem Geld von Freunden seine Firma neu. Das begann zunächst in der Südprovinz Guangdong, wo er als selbstständiger Entwickler im Auftrag japanischer Kunden die Produktion bei „Arts Electronics“ steuern sollte, einem der ganz großen Produzenten im internationalen Musikgerätegeschäft. Aber auch das geriet zum Fehlstart. Der chinesische Hersteller kam mit der Candeias- Technik nicht klar und verschleppte die Produktion der CEC-Geräte.

Chaotische Monate, die das junge Unternehmen an den Rand der Pleite führten, mündeten schließlich in einen Satz: „Sie müssen die Produktion selbst machen“, erklärte der japanische CEC-Chef, und Candeias nahm einen dritten Anlauf. Der führte unter Verbrauch aller Ersparnisse schließlich in die Kantine des alten Reislagers in Schanghai. Seitdem erfährt Candeias alle Höhen und Tiefen des chinesischen Wirtschaftslebens. Von angeblichen Ingenieuren mit gefälschten Zeugnissen über die legalisierte Korruption beim Verkauf von Exportlizenzen bis zu den Wirren des Liebeslebens der jungen Wanderarbeiterinnen in seinem Betrieb ist ihm nichts mehr fremd.

Fünf Jahre nach dem Start der Hinterhof-Produktion hat Candeias so erheblichen lokalen Ruhm erworben. Er wird gerne zu Talkshows und Zeitungsinterviews eingeladen. Und als ersten Ausländer überhaupt erkoren ihn Kader der Kommunistischen Partei zum Mitglied des Nachbarschaftskomitees seiner Hochhaussiedlung. Dort darf er sich jetzt um Sicherheitsfragen kümmern.

Dass er sich als Ausländer ohne einen Konzern im Rücken im ruppigen Business-Milieu der 15-Millionen-Metropole etablieren konnte, verdankt er nicht zuletzt dem Glück in der Liebe. Passend zu seinem Leben zwischen den Welten lernte er seine Frau Rong Zhen im Internet kennen, live traf er sie erstmals im Schanghaier Drachenblumen-Tempel, der Liebenden Glück bringen soll. Heute ist die resolute 33-jährige Chinesin nicht nur seine Frau und Mutter zweier Söhne, sondern auch Einkaufsmanagerin, die mit den gut 50 Zulieferern harte Preisverhandlungen führt. Und gewiss war sie nicht unbeteiligt daran, dass der Berliner Migrantensohn heute seine chinesischen Gesprächspartner mit bestem Mandarin verblüffen kann.

Anders wäre er wohl auch längst gescheitert. Denn jenseits von Technik und Geschäft kämpfen Candeias und seine Frau vor allem mit der „Personalkatastrophe“, in der sich die ganze Zerrissenheit der chinesischen Gesellschaft spiegelt. Anders als das Klischee von der chinesischen Ausbeuterindustrie erwarten lässt, sehen sie sich vor allem genötigt, fortwährend um ihre Mitarbeiter zu werben. Im Durchschnitt benötigt Candeias Electronics nur rund 35 Beschäftigte, aber mehr als 200 Arbeiter und Techniker hat der Betrieb in nur vier Jahren schon wieder verloren. „Es gibt keine Firmenloyalität“, klagt Candeias, „die Leute gehen schon nach der kleinsten Kritik oder auch nur wegen eines Gerüchts.“ Die Fluktuation sei extrem hoch, auch in anderen Unternehmen. Deutsche Vorstellungen vom ordentlichen Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber könne man „in China vergessen“. So sei es schon mühsam, den Arbeitern „den Zusammenhang zwischen Arbeit und Leistung“ zu erklären, sagt Candeias und erinnert unfreiwillig an die Fabrikherren des 19. Jahrhunderts in Europa, die auch nur mit Mühe die Bauernkinder ihrer Zeit zu disziplinierten Proletariern erzogen.

Folglich verbringen der Firmenchef und seine Frau gut ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit steter Beratung und Ausbildung ihrer Angestellten. Dabei muss Candeias abwechselnd den Patriarchen, den Lebensberater oder den Streitschlichter spielen. Und immer samstags ab 15 Uhr macht er auch noch für zwei Stunden den Lehrer, der seiner Klasse „Mittelstufenwissen über Elektrotechnik und Akustik“ vermittelt.

Dabei zahlt Candeias für chinesische Verhältnisse nicht schlecht. Das Grundgehalt für Ungelernte beträgt 1200 Yuan netto im Monat, bei 50 Stunden Arbeit an sechs Tagen pro Woche. Das sind wegen der Unterbewertung des Yuan nominell nur 100 Euro, es entspricht aber an der Kaufkraft gemessen nach Kalkulation der Weltbank etwa 400 Euro. Und das sind rund 20 Prozent mehr als der übliche Durchschnittslohn. Unterkunft und Mittagessen sind zudem inklusive. Ausgebildete Ingenieure kommen sogar auf 5000 Yuan netto, also etwa 2000 Euro.

Doch größere Unternehmen bieten mehr Verdienst durch weit mehr Arbeitszeit. Vor allem aber kommen viele der jungen Frauen und Männer in den Fabriken mit den Anforderungen der Industriegesellschaft auf Disziplin und Lernbereitschaft nicht klar. Das neue Leben hat so gar nichts mit der traditionellen Lebensweise in den Dörfern zu tun, aus denen sie kommen.

Li Jiao Xa zum Beispiel, 23, reiste vor sieben Jahren aus dem über 1000 Kilometer entfernten Sechuan in die Industrieregion Guangdong auf der Suche nach Arbeit. Dabei machte sie einen Sprung, für den die Europäer einst ein ganzes Jahrhundert benötigten. Ihr Elternhaus hatte noch Lehmböden, und es gab keinen Strom. Heute hat sie einen Führerschein, lernt Englisch und beaufsichtigt bei Candeias die Produktion für das Fünffache des Gehalts ihrer jüngeren Kolleginnen. Auch sie ist schon einmal wegen einer Nichtigkeit davongelaufen, später aber zurückgekehrt. Jetzt ist sie die größte Hoffnung ihres Chefs. Gemeinsam mit einem älteren Aufseher hat sie seit kurzem das Personalmanagement übernommen.

„Da kann sie den Jüngeren ihren eigenen Lernprozess erklären“, sagt Candeias – eine Perspektive, die ihm mindestens so wichtig ist wie die eigene Fabrik. Gehe es so weiter, dann könne er in zwei Jahren das Tagessgeschäft seinen chinesischen Mitarbeitern überlassen, hofft der Neu-Chinese aus Berlin. Gut möglich, dass er dann auch wieder mehr in Deutschland leben wird, „schon wegen der Ausbildung der Kinder“, sagt er. Ein paar Grundstücke im Hamburger Umland haben er und seine Frau jedenfalls schon besichtigt. Schließlich sei es das Beste, „wenn ich zwischen den Welten frei pendeln kann“.

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