Zeitung Heute : Im Revier des Hasses

Hamouds Mutter weiß nicht, woher das Geld kommt. Ihr Sohn verdient es in Bagdad auf der gefährlichsten Polizeiwache der Welt

Erwin Decker[Bagdad]

Er ist gerade aufgestanden, fünf Uhr, er hat den Teppich ausgerollt und Richtung Mekka gebetet. Er ist auf den Stuhl gestiegen und hat vom Kleiderschrank einen alten Zuckersack aus Kunststoff geholt. Nur sein Bruder, mit dem er das Zimmer teilt, kennt den Inhalt. Es sind zwei Polizeiuniformen mit Schuhen und zwei blauen Hemden. Hussein Hamoud, 22 Jahre alt, ist Polizist. Seine Mutter weiß es nicht.

Ohne Tee zum Frühstück verlässt Hamoud das Haus durch das Erdgeschossfenster. Die Eingangstür quietscht und könnte die Mutter wecken. Um diese Zeit schlafen die meisten der auf über eine Million geschätzten Einwohner des Bagdader Elendsviertels Sadr-City noch. Mit seinen Jeans, Plastiksandalen, dem schmutzigen grünen Hemd und dem Sack über der Schulter sieht Hamoud aus wie ein Tagelöhner auf der Suche nach einem Job. Er nimmt jeden Tag einen anderen Weg in das eine Stunde Fußmarsch entfernte Polizeirevier. Brennender Müll, stinkende Abwasserkanäle neben den Straßen und zerschossene Autos säumen seine Weg zur gefährlichsten Polizeistation der Welt.

„Wenn ich in meiner Uniform nach Hause ginge, käme das einem Selbstmord gleich. Es würde keine Woche dauern, bis die Widerständler und Terroristen mich hinrichten würden“, sagt Hamoud.

Das Polizeirevier ist eine Festung, drei Meter hohe weiße Außenmauer, Stacheldraht und Betonbarrieren. Auf einem Wachturm sitzt ein US-Soldat mit einem Maschinengewehr. Das Revier wird fast täglich beschossen, acht Mal explodierten Bomben vor dem Eingang, jede Woche sterben im Durchschnitt zwei Polizisten. Das ist Hamouds Arbeitsplatz.

Ein knappes „Marhaba“ an die müde Nachtschicht am Eingang, die er gleich ablösen wird. Außer den Offizieren die mit dem Auto kommen, trägt jeder Polizist seine Uniform in einer Tüte oder einem Sack in das Revier. Hamoud geht in ein leeres Büro und zieht sich um. Kleiderspinde gibt es für die 70 Polizisten nicht.

Der Schichtleiter Raas Najin lässt im Hof antreten und erklärt die Lage. Die gute Nachricht zuerst: Es gab in der Nachtschicht keine Toten. Die schlechte: Ein Stromgenerator ist ausgefallen, die Scheinwerfer außen an der Mauer waren eine Stunde aus, das haben ein paar Kriminelle ausgenutzt und Handgranaten über die Mauer geworfen. Vier Streifenwagen ausgebrannt, zwei Polizisten verletzt.

Hussein Hamoud erhält den Auftrag, das Maschinengewehr auf dem Pickup am Eingang zu besetzen. Er soll unbedingt die doppelte der sonst üblichen Menge an Munition mitnehmen.

Warum macht Hamoud diese Arbeit? Mit einem Iraker könnte er darüber nicht reden. Bei einem deutschen Reporter, der ihn seit Tagen begleitet und zu dem er Vertrauen hat, fällt es ihm leichter. „Mein Vater starb im Krieg, und wir sind acht Kinder. Es gibt fast keine Jobs in Bagdad. Die Polizei zahlt gut und pünktlich. Welche Wahl habe ich da? Ich bin der Einzige; der in unserer Familie Geld verdient.“ Der Verdienst bei der Polizei ist für irakische Verhältnisse sehr hoch. 140 Dollar Grundgehalt, und für die Polizisten in Sadr-City noch einmal 100 Dollar Gefahrenzulage.

Er muss der Familie erklären, woher das Geld kommt. Er erzählt, dass es Provisionen eines Autohändlers für die Vermittlung von Käufern sind.

Hamoud geht in die Waffenkammer und quittiert den Empfang einer Kalaschnikow AK 47 plus zehn Magazine mit je 34 Schuss Stahlmantelmunition. Das Gewehr kommt in die Halterung auf der Pritsche eines Pickups am Eingang des Polizeireviers. Die Magazine liegen verstreut daneben. Polizisten, die gerade von der Ausbildung kommen wie er, haben noch keine Schutzwesten. Das Thermometer zeigt um zehn Uhr schon 41 Grad. Schweiß läuft über Hamouds Gesicht, er verbrennt sich fast die Hände am dunklen Metall der Waffe.

Hamoud beobachtet über Kimme und Korn seines Gewehres die Menschenansammlung vor dem Polizeirevier. „Meine größte Sorge ist, dass vielleicht einer meiner Freunde bei den Widerständlern ist. Wie soll ich entscheiden, wenn ich Dschallal oder Mohammed, meine Kumpel aus unserem Stadtviertel, im Visier habe ?“ Er verdrängt den Gedanken und zieht seine neue, verspiegelte Sonnenbrille auf. So wie die US-Soldaten es tun, die mit ihren riesigen Geländewagen durch Bagdad fahren. Er versteckt seine Gewissensbisse hinter den dunklen Gläsern und hofft, dass ihn so niemand erkennt.

In seiner dreimonatigen Ausbildung hat Hussein Hamoud niemand einen Ausweg aus seinem Dilemma gezeigt. Autofahren, Schießen und Polizeitagebuchführen waren die einzigen Dinge, die man ihm beigebracht hat. Über Gesetze, die auch für die Polizei gelten oder die Rechte der Bürger, die sie eigentlich schützen sollen, wurde nie geredet.

Bisher schützt sich die Polizei in Sadr-City auch in erster Linie selbst. Das Polizeirevier hat nicht einmal ein Telefon. Erstes Gebot ist, die Position des Reviers zu halten. Nicht immer gelingt das. Viermal wurde die Anlage von Angreifern überrannt. Wenn nachts Plünderer und die Milizen von Muktada al Sadr den Polizeiposten angreifen, musste der Revierleiter schon ein paar Mal über Funk den 500 Meter entfernten US-Posten mit seinen Panzern um Hilfe bitten.

Hamoud weiß, dass die Polizisten nicht viel mehr als Kanonenfutter sind. Der US-Marine auf dem Wachturm hinter ihm mit seinem schweren Maschinengewehr ist die eigentliche Verteidigung. Man kann ihn kaum hinter den Sandsäcken erkennen. Das ist auch gut so. Wenn die Mahdi-Milizen wüssten, dass ein US-Soldat im Revier ist, gäbe es noch mehr Angriffe. Hamoud beneidet den Amerikaner nicht nur um seine bessere Waffe, er beneidet ihn in erster Linie darum, dass er nicht auf seine Landsleute schießen muss.

Die Menschenansammlung vor dem Polizeirevier wird immer größer. Die ersten Steine fliegen. Es sind die üblichen Rufe, dass die Polizeibeamten nur die Erfüllungsgehilfen der verhassten „Ameriki“ sind. Als Hamoud die erste Kalaschnikow in der Hand eines Demonstranten sieht, muss er handeln. Er ist unsicher und sucht den Blick zum 20 Meter entfernt stehenden leitenden Offizier. Der schreit ihn an: „Schieß in die Luft.“ Hussein drückt den Sicherungsbügel des MGs auf Dauerfeuer, richtet den Lauf in Richtung Himmel und gibt einen Feuerstoß ab. Die Menschen laufen in alle Richtungen davon. „Nachts hätten sie mich jetzt unter Feuer genommen, am Tag ist das eher selten. Aber was soll ich machen? Wenn wir nachsichtig sind, wird das nach irakischer Tradition als Schwäche angesehen, und sie fallen über uns her.“

Um zwölf Uhr wird Hussein Hamoud abgelöst. Er muss in das Wachbuch über seinen Dienst am Tor berichten. Er schreibt: keine Vorkommnisse.

Die Polizisten des Sadr-City-Reviers müssen sich mit Essen und Trinken selbst versorgen, aber aus Sicherheitsgründen können sie die Anlage nicht verlassen. Also verkauft ihnen ein fliegender Händler mit einem Handwagen das Nötigste im Innenhof.

Die jungen Polizisten bekommen nach ihrer Ausbildung eine Neun-Millimeter-Pistole der Marke „Glock“ und ein Ersatzmagazin. Die Uniformen gibt es nur in einer Einheitsgröße. Da diese meistens nicht passen, lässt sich jeder Polizist zwei Uniformen beim Schneider auf eigene Kosten nähen. Auch die Schuhe müssen sie von ihrem Geld kaufen.

Für Hamoud ist heute Zahltag. Alle zwei Wochen gibt es Geld. Auf einem Metallschreibtisch in einem kahlen Büro liegen die gestapelten neuen irakischen Dinar-Scheine. Hamoud ist jedes Mal aufgeregt wenn er sein Gehalt abholt. Es ist der Lohn der Angst. Er gibt einen Teil seiner Mutter, genug, dass sie die Familie durchfüttern kann, etwas Taschengeld für seinen Bruder Banan, den Rest spart er. Der Zahlmeister zählt ihm das Geld laut vor. 210000 Dinar. Er muss laut nachzählen und unterschreiben. Während er das Geld in seine Tasche steckt, ruft der Imam von der gegenüberliegenden Al-Mahsin-Moschee zum Mittagsgebet. Der Imam nennt das, was Hamoud gerade eingesteckt hat, Judaslohn. Ein Muslim soll einem Imam nicht widersprechen, aber Hamoud zweifelt mit jedem Tag mehr an den Worten des Klerikers. „Jedes Land braucht eine Polizei. Auch der Irak. Wer soll das Chaos hier stoppen? Wer soll den Menschen – irgendwann – Sicherheit geben, damit sie wieder ein normales Leben führen können?“ Dies würde er gerne den Imam und die Mahdi-Milizen von Muktada al Sadr fragen.

Für den gläubigen Muslim Hussein ist es Zeit für das Mittagsgebet. In einem leeren Büro kniet er auf seinem Gebetsteppich. Während er die Augen schließt und in Gedanken bei seinem Gott ist, beginnt die Torwache auf dem Pickup Schüsse mit dem Maschinengewehr abzufeuern. Die Alarmsirene des Reviers heult auf. Der US-Marine auf dem Wachturm beginnt ebenfalls mit seiner Maschinenkanone zu feuern. Mit einem leisen „Alahu Akbar“, Gott ist groß, beendet Hussein hastig das Gebet.

Was ist passiert? Ein Auto raste auf die Betonblöcke am Eingang des Reviers zu. Vermutlich ein Selbstmordattentäter. Der Wagen wird von den beiden MGs durchlöchert. Der Fahrer stirbt, bevor er die Bombe im Wagen zünden kann. Keiner der Polizisten traut sich hinter den dicken Betonwänden hervor. Die Angst, dass der Sprengstoff doch noch verzögert explodiert, ist groß. Bei der letzten Autobombe starben acht Polizisten des Reviers. Die Beamten flüstern. Es ist nur der Funksprechverkehr mit den Streifenwagen zu hören. Die breite Straße vor dem Revier ist wie leergefegt. Kein Mensch ist mehr zu sehen. Der MG-Schütze kauert jetzt hinter dem Pickup.

Pech für Hussein Hamoud, dass er gerade neben dem Revierleiter steht. „Zieh dir eine Schutzweste an und sieh draußen nach“, ist der knappe Befehl an den 22-Jährigen. Hamoud wird bleich. Er sieht in die Runde des Wachraumes. Keiner will zugeben, dass er Angst hat. Er sieht den Reporter an, als erwarte er von ihm eine Antwort. Männer haben im Irak keine Angst. Hamoud streift eine 16 Kilogramm schwere amerikanische Splitterschutzweste über seinen Oberkörper, nimmt die Pistole in die Hand und verlässt mit weichen Knien den Raum.

Das zerschossene Fahrzeug steht 20 Meter vom Eingang des Polizeireviers entfernt. Ein langer Weg, wenn man weiß, ob jeden Augenblick der Sprengstoff explodieren kann. Wer wird in diesem Fall seine Mutter informieren, was würde sie sagen? War sein Leben so gut, dass sein Schöpfer ihn bei sich aufnehmen wird? Findet seine Arbeit bei der Polizei Allahs Wohlwollen, ist sie im Sinne des Korans? Er blickt kurz zur Moschee gegenüber.

Auf dem Beifahrersitz liegen zwei Kabel neben einem Kasten. Der Zünder funktioniert offensichtlich nicht mehr. Der Kofferraumdeckel ist offen. Kartons mit Sprengstoff und zwei Gasflaschen, aus denen Kabel kommen, sind eindeutige Belege eines versuchten Bombenattentats. Aber das müssen später die Experten klären. Hamoud hebt die Hand und ruft „Maku“. Keine Gefahr mehr.

Es sind nicht nur die 46 Grad, die den Schweiß unter der Schutzweste von Hamoud laufen lassen. Er ist mit den Nerven am Ende. Als er zurück zum Revier kommt, wird er kaum beachtet. Der Held ist der irakische MG-Schütze, der den Attentäter getötet hat. Nach dem Ablegen der Schutzweste, wäscht sich Hamoud am einzigen Wasserhahn des Reviers den Schweiß aus dem Gesicht. Plötzlich legt jemand von hinten einen Arm auf seine Schulter. Der US-Soldat, der auch mit seinem Maschinengewehr auf den Attentäter geschossen hat, ist von seinem Wachturm heruntergekommen. Er sagt nur „Good Boy“. Hussein kann zwar die Worte nicht verstehen, hört jedoch am Tonfall des Amerikaners, dass es gut gemeinte Worte sind. Die beiden Männer geben sich schweigend die Hand. Plötzlich lachen sie beide. Der Amerikaner ist der Einzige im ganzen Polizeirevier, der die mutige Tat von Hamoud zur Überprüfung des Bombenfahrzeugs würdigt. Sie rauchen schweigend eine Zigarette zusammen, und Hamoud hat das Gefühl, neben einem Freund zu sitzen. Der Soldat fasst in seine Tasche und zeigt ihm ein Foto. Es ist seine Familie in Ohio. Er heißt Jerome. Noch ein Geheimnis, das der Polizist Hussein Hamoud aus Sadr-City für sich behalten muss: einen Amerikaner mit dem Namen Jerome aus Ohio als Freund zu haben.

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