Zeitung Heute : Im Roten Salon ist Raffaels Porträt unter der Tapete versteckt

Der Tagesspiegel

„Im Kinderzimmer malte ich en grisaille die drei Märchen vom Aschenputtel, Dornröschen und Schneewittchen an die Wand in romanischen Bogenstellungen, die Decke blau mit goldener Sonne und Sternen (…); im rot gehaltenen Salon die Bildnisse von Rafael, Tizian, Rembrandt, Dürer, Holbein, Velasquez und Murillo in reicher Renaissance-Dekoration.“ Anton von Werner (unteres Bild) hatte sich alle Mühe gegeben, sein Wohnhaus an der Potsdamer Straße standesgemäß zu dekorieren. Auf der sozialen Leiter war der Maler rasch immer höher geklettert, das sollte nach außen dokumentiert werden. 1873/74 war er in die neue Reichshauptstadt übergesiedelt und hatte seine von Ernst Klingenberg entworfene Stadtvilla an der heutigen Potsdamer Straße 81 a in Tiergarten bezogen.

Das Haus, eines der letzten Beispiele für die Künstlervillen des 19. Jahrhunderts, ist Thema einer kleinen Ausstellung, die jetzt im leerstehenden Ladengeschäft in der Potsdamer Straße 87 eröffnet wurde. Im Mittelpunkt stehen Fotos von den Wandgemälden, die 1988/89 hinter Tapeten- und Farbschichten wiederentdeckt und teilweise freigelegt wurden. Ergänzend werden Beispiele anderer Künstlervillen wie das Lenbachhaus und die Villa Stuck in München vorgestellt, auch die von der Restauratorenfirma angefertigten Pläne sind zu sehen.

Anlass der Ausstellung über die alte, hinter dem Tagesspiegel-Redaktionsgebäude gelegene Stadtvilla ist deren geplante Sanierung. Der Eigentümer, die Tsp Druck- und Verlagsbeteiligungsgesellschaft, wird sie dem Verein Neue Akademie Berlin (NAB) zur Verfügung stellen, der dort eine „Fördereinrichtung für künstlerisch Begabte und Interessierte im Bereich Bildende Kunst, insbesondere Zeichnung, Malerei, plastisch-räumliche Gestaltung, Medien“ betreiben will, wie es in der Vereinssatzung heißt. Mittels Lehrveranstaltungen, Symposien, Workshops und Ausstellungen sollen Studium und Schulunterricht ergänzt werden. Der laufende Betrieb könne selbst getragen werden, für die Sanierung braucht der Verein aber öffentliche Gelder. Im Mai sollen die entsprechenden Anträge, etwa bei der Stiftung Denkmal, gestellt werden, bis Herbst muss dann der Nachweis über den Eigenanteil erbracht werden, sagte Vereinsvorsitzender Wolfgang Watzlaw.

Insgesamt werde die Sanierung rund fünf Millionen Euro kosten, ein Drittel müssten selbst erbracht werden. Das Haus, das sich in einem schlechten baulichen Zustand befindet und als Lager, für zwei Ateliers und im obersten Stock als Wohnung genutzt wird, soll repariert und die Wandbemalung gesichert werden.

Allerdings ist nicht geplant, die bislang nur zu kleinen Teilen sichtbaren Gemälde Anton von Werners freizulegen. Ziel der Arbeiten, die Stockwerk für Stockwerk vor sich gehen sollen, sei es, das Gebäude wieder nutzen zu können, nicht, daraus ein Museum zu machen. Doch schon die wenigen freigelegten Werke geben einen Eindruck von der Pracht, die in dem Haus einmal geherrscht haben muss. Im Roten Salon etwa, dem Mittelpunkt des Gebäudes, ist Raffael wieder zum Vorschein gekommen, Zentimeter für Zentimeter mit dem Skalpell freigelegt. Umrahmt wird er von einem illusionistisch gemalten Prunkrahmen, scheinbar geschnitzt, in dunklen Holztönen gehalten. Flankiert wird das Gemälde durch zwei ebenfalls in Öl gemalte Schein-Gobelins, mit Porträtmedaillons von Dürer und Holbein. Auf diese Bilder sind einst erlauchte Blicke gefallen, wie Anton von Werner in seinem Gemälde „Taufe in meinem Hause“ (1880) verewigt hat. Taufpatin von Werners ältestem Sohn war Kronprinzessin Viktoria, mit dabei der Kronprinz, der spätere 99-Tage-Kaiser. Andreas Conrad

Potsdamer Str. 87 in Tiergarten, geöffnet monntags, dienstags und mittwochs 10 bis 13 Uhr oder nach Vereinbarung unter 0177-3415233

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