Zeitung Heute : Im Ruhrgebiet

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Ich glaube, jetzt drifte ich doch ein bisschen in die Ruhrgebietshuldigung ab. Von meiner Bochumer Oma habe ich nämlich einen Merkvers gelernt. Die war italienische Zigeunerin, und damit hat man natürlich automatisch ziemlich wenig Leute, auf die man herabblicken kann, und ist entsprechend mürrisch. Und da kamen natürlich die polnischen Arbeitsimmigranten wie gerufen, und deshalb dieser Merkvers: „In Kruppsche Baracken, da wohnen Polacken, da laufen die Kakerlaken die Polacken hinab, und da nehmen die Polacken die Pickhacken und tun die Kakerlaken kaputt hacken.“ Die sind natürlich alle inzwischen vorbildlich integriert. Ich erinnere nur an das legendäre Länderspiel Deutschland – Polen, da wusste man überhaupt nicht, wer bei wem mitspielt.

Am 17. Dezember 2003 war in Köln die große LindenstraßenGala zugunsten des Kölner Mädchenhauses, und da saß ich am Honoratioren-Tisch, und da war auch Fritz Pleitgen, der Intendant, und da habe ich ihm diesen Merkvers aufgesagt. Ich sag’ ihn vorsichtshalber noch mal: „In Kruppsche Baracken, da wohnen Polacken, da laufen die Kakerlaken die Polacken hinab, und da nehmen die Polacken die Pickhacken und tun die Kakerlaken kaputt hacken“. Und Fritz Pleitgen sagte: „Ich persönlich bin ja aus Duisburg, und ich kann dat nur bestätigen.“

Und am 7. Januar 2003 saß ich in Unna am frühen Nachmittag in der Fischhandlung Schröter und aß da, als plötzlich die Fischhändlerin dem Fischhändler zurief, der filetierte so im Verborgenen oder machte da irgendwas: „Du, ich glaub, der Hummer will schon wieder aus seinem Bassin raus,“ und da rief der Fischhändler nach vorne: „Dann musste ihn beschimpfen.“ Dann sammelte sich die Fischhändlerin kurz, denn das will ja auch gekonnt sein, wenn man einen Hummer verbal zur Schnecke macht und herrschte dann den Hummer an: „Machste wohl, dass du mit deinem Hintern wieder im Bassin reinkommst, du olle Sausack.“

Dann ging die Tür auf. Eine ältere Dame, so in meinem Alter, kam rein und sagte: „Frohes neues Jahr. Mechthild ist schon wieder im Krankenhaus.“ Die Fischhändlerin sagte: „Mit was denn?“ Die ältere Dame sagte: „Mit was wohl“, und ging wieder weg. Das habe ich natürlich abends brühwarm bei der Lesung weitererzählt. Und da hätte ich genauso gut auch gleich wieder weggehen können, die haben sich alle dermaßen ochsig amüsiert. Die kannten natürlich alle den Hummer persönlich und wussten, mit was Mechthild im Krankenhaus war. Da habe ich dann praktisch nur noch gestört.

Am nächsten Tag war ich in Oberhausen und hörte da zufällig, wie ein stark angetrunkener Penner in anbetender Manier zu einer wunderschönen Rothaarigen sagte: „Nen rostiges Dach lässt meist auf feuchten Keller schließen.“ Wiederum am nächsten Tag in Duisburg saßen zufällig drei wunderschöne rothaarige Damen auf einem Klumpen, und als ich das erzählte, lachten zwei gellend auf, und erklärten es dann der dritten.

Edition Tiamat, Verlag Klaus Bittermann, Berlin 2005, CD, aufgenommen in der Berliner Volksbühne.

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