Zeitung Heute : Im Ruhrgebietsmuseum

Auf die Kohle folgten moderne Industrien, und auf die SPD die CDU – Nordrhein-Westfalen hat sich gewandelt. Die Stadt Marl aber nicht. Warum?

Sebastian Bickerich[Marl]

Dietmar Bartsch hat nur wenig Zeit zum Nachdenken. Die Morgenschicht in der Zeche Auguste Victoria-Blumenthal in Marl hat gerade begonnen. Der Förderkorb rast in die Dunkelheit des Schachts, über 900 Meter tief, zwölf Meter pro Sekunde. „Glück auf“, so haben sie sich begrüßt heute früh, wie immer. Und doch ist alles anders, seit Montag, hier in der Zeche, hier in Marl, einer der letzten Bastionen der Steinkohle, einer der letzten Bastionen der Sozialdemokratie.

Bartsch denkt an zwei Ergebnisse, die nicht recht zueinander passen wollen. 50,6 Prozent ist das eine. So viele Stimmen haben sie hier geholt, die Sozialdemokraten. In einigen Wahlkreisen der Stadt, drüben zum Beispiel in der Carl-Duisberg-Straße gleich neben der Zeche, über 75 Prozent. Das andere Ergebnis lautet 44,8 Prozent. So viele haben in Nordrhein-Westfalen für Jürgen Rüttgers, für die CDU gestimmt.

„Wir haben hier für unsere Arbeitsplätze gestimmt“, sagt Bartsch, Vertrauensmann der Zeche, seit 26 Jahren Kumpel. „Die SPD, das war nun mal unser verlässlichster Partner in all den Jahren.“ Marl, das ist so etwas wie das letzte Dorf, das sich entgegenstellt gegen das, was sie in Düsseldorf und Berlin Strukturwandel nennen.

Lenkerbeck, Hüls, Sinsen, Brassert, Drewer, Hamm, Polsum, Alt-Marl: Vor 100 Jahren lebten in den Dörfern hier nicht mal 4000 Menschen. Bis die erste Zeche kam, benannt nach der Frau des letzten deutschen Kaisers: Auguste Victoria. Am 1. Mai 1900 wurde der erste Schacht abgeteuft. Später kam eine weitere Zeche hinzu, Marl wurde Stadt. Das war in den 30er Jahren. 1938 stellte der IG-Farben-Konzern die Chemischen Werke Hüls in die Heidelandschaft. Der drittgrößte Chemiestandort in Deutschland war geboren.

Nach dem Krieg wollten sie hoch hinaus hier, einige träumten von der größten Stadt Europas. „Wir waren damals eine der reichsten Städte Deutschlands – und haben uns viel geleistet“, blickt Uta Heinrich zurück, die heutige Bürgermeisterin. Wohngebiete entstanden. Und Kultur. Das Theater Marl, das erste überhaupt, das in der Bundesrepublik neu gebaut wurde. Die Volkshochschule. Seit 40 Jahren wird in der Stadt der Grimme-Preis, Deutschlands hoch angesehener Fernsehpreis, verliehen. Die Regisseure Heinrich Breloer und Sönke Wortmann kommen von hier. Ein Orchester von Weltruhm bekam Marl auch. Nach dem Aufstand der Ungarn 1956 überredete der damalige Bürgermeister Kanzler Adenauer, das Ungarische Philharmonische Orchester hier anzusiedeln.

Und dann die City. Ein Zentrum auf der grünen Wiese, als neue Mitte für die weit auseinander gezogene Dörferlandschaft. Die „Krone“, das war das Rathaus. Noch immer pilgern Architekturfreunde aus der ganzen Republik nach Marl, um sich die kühne, selbsttragende Stahlbetonkonstruktion anzuschauen, die heute wie ein etwas vergammeltes Ufo im zubetonierten Stadtzentrum steht.

Einkaufen sollte man können. Nicht nur so. Karstadt-Planer brachten in den 60ern etwas ganz neues mit, aus Amerika: die Shopping Mall. Den „Marler Stern“. Mit dem größten Luftkissendach Europas. Als alles fertig war, inklusive „Goliath“ und „Laubfrosch“, zwei Plattenbauten, die gebaut wurden, um Kunden anzusiedeln neben dem Einkaufszentrum, als die autobahnähnlichen Straßen fertig waren und der künstliche See – ausgelegt mit der Kleingartenteichfolie, die die Chemischen Werke in Hüls gerade erfunden hatten – , da schrieb die örtliche Zeitung: „Wieder einmal blickt die Welt nach Marl. Marl ist und bleibt auch künftig eine Stadt mit Hang zum Höheren“.

Die ungarischen Philharmoniker waren die ersten, die gehen mussten. Der Bund mochte sie nach der Wende in Osteuropa nicht mehr bezahlen. Jetzt sind die Mieter aus dem „Goliath“ raus. Die Sozialstruktur stimmte nicht mehr, vom kaufkräftigen Publikum für den „Marler Stern“ keine Rede. Das Haus wartet auf den Abriss – den die Stadt nicht mehr bezahlen kann. „Auch der Laubfrosch ist mittelfristig nicht zu halten“, sagt Bürgermeisterin Heinrich. Sie sagt, es liege an der Wohnform, die die Leute nicht mehr anzieht. Und dann sagt sie diesen einen Satz: „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt.“

Marl heute, das ist ein Abglanz vergangener Zeiten. Die Gewerbesteuereinnahmen sind gesunken. Statt erwarteten 200000 Einwohnern hat Marl nur 91000, seit fünf Jahren geht ihre Zahl zurück. Fast 15 Prozent sind arbeitslos.

Die Räder hilflos dem Himmel zugewandt, rostet sie seit zwölf Jahren vor sich hin: „La Tortuga“, eine alte Kriegslokomotive, aus deren Fenster Gesprächsfetzen dringen. „Dort waren die Gleise, die zum Lager führten.“ Die umgedrehte, hilflose Dampflok liegt vor dem Theater, sie ist ein bis heute umstrittenes Werk des Künstlers Wolf Vostell. Die Stadt mag sich in dem Symbol des untergegangenen Industriezeitalters nicht erkennen. Kohle und Chemie: Mit den Industrien der Vergangenheit plant Marl schließlich seine Zukunft, noch heute.

„Vom Strukturwandel sind wir gar nicht betroffen“, wenn die 54-jährige Uta Heinrich das sagt, dann klingt das so, als sei ihre Stadt von einer Landplage verschont geblieben. 1999 kam die Juristin als Kandidatin der CDU an die Macht. Bald überwarf sie sich mit der Union und sitzt nun als Unabhängige auf dem Bürgermeisterstuhl. Letztes Jahr wurde sie wiedergewählt, wohl auch wegen ihres Bekenntnisses zu den alten Industrien. Noch immer arbeiten in Marl direkt und indirekt fast 30000 Menschen im Bergbau und in der Chemie.

Wenn heute einer der beiden Industriezweige dichtmacht, dann „sieht es düster aus“, sagt Dietmar Bartsch von der Zeche Auguste Victoria. 4200 Menschen fördern hier noch immer über drei Millionen Tonnen Steinkohle im Jahr, über 125 Kilometer ist das Stollennetz lang. Bis 2008 ist der Bestand des Bergwerks gesichert, heißt es. Und dann? 15,9 Milliarden Euro Kohlesubventionen zahlt die Bundesregierung von 2006 bis 2012, allein in diesem Jahr rund drei Milliarden Euro, 15000 pro Bergmann. Das Land NRW schießt jedes Jahr über 500 Millionen Euro zu, bis jetzt. Doch wenn der künftige CDU-Ministerpräsident Rüttgers seine Ankündigung wahr macht, wird diese Summe bis 2010 halbiert. „Wir müssen befürchten, dass die Zeche dann zugemacht wird“, sagt Uta Heinrich. Sie will das nicht zulassen. „Will Rüttgers lieber 10000 Arbeitslosengeld-II-Empfänger? Will er über 20 Prozent Arbeitslosigkeit hier?“

Sie hoffen jetzt vor allem auf einen. Ruhrkohle-Chef Werner Müller hatte kurz vor der Wahl bekannt gegeben, ein Genehmigungsverfahren für eine neue, privat finanzierte Zeche bei Hamm einzuleiten, keine 25 Kilometer von Marl entfernt. „Sonst werden wir Bergleute doch nur noch als Schmarotzer abgestempelt – doch die Kohle rechnet sich wieder“, sagt Dietmar Bartsch. Doch welcher Investor soll hier einsteigen, wenn trotz des immensen Koks-Hungers in China die deutsche Kohle pro Tonne noch immer 55 Dollar teurer ist als Importkohle aus Australien?

Auf Steinkohle zu setzen, sei die „richtige Strategie“, sagt Uta Heinrich. Schließlich sei die Kohle „der einzige Rohstoff in Deutschland, um Energie herzustellen“. Und: „Wir haben Kohle ohne Ende, für über 100 Jahre ist vorgesorgt.“ Außerdem seien die Subventionen für Kohle mittlerweile „genauso hoch wie für Windenergie – bei viel höherer Energieeffizienz“. Bartsch sagt das ganz genauso, fast wortgleich. Und ergänzt: „Man muss uns nur lassen.“

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