Zeitung Heute : Im Schatten da sein

„Du musst stehen“ – ganz für dich allein. Das lehrte Altkanzler Helmut Kohl den Sohn. Der nicht klar kam in einem kalten Leben Jetzt rechnet er ab

Das Jahr 2001. Auf die Hochzeit von Sohn Peter im Mai folgte im Juli die Nachricht: Hannelore Kohl ist tot. Am 11. Juli wurde sie beerdigt, Kohl und die Söhne Walter (Mitte) und Peter begleiten den Sarg. Fotos: dpa/p-a
Das Jahr 2001. Auf die Hochzeit von Sohn Peter im Mai folgte im Juli die Nachricht: Hannelore Kohl ist tot. Am 11. Juli wurde sie...Foto: picture-alliance / dpa

Es war kurz vor der Bundestagswahl 1976, bei der Helmut Kohl erstmals als Kanzlerkandidat der CDU/CSU antrat. „Unser Haus war zu einer Art Wahlkampfzentrale umfunktioniert, damit Vater sieben Tage in der Woche einsatzbereit sein konnte. Nicht nur in seinem Büro, auch in unserem Wohnzimmer und auf dem Flur summte und brummte es nur so vor hektischer Betriebsamkeit“, erinnert sich der Sohn, damals 14 Jahre alt. Und daran, dass ihm schlagartig eines aufging: „Hier ist jetzt keiner für dich da.“

Es war nicht das erste Mal, dass er so fühlte. Und nicht das letzte. Wie geht es einem, der der Sohn von Helmut Kohl ist, dem Jahrhundertpolitiker, 16 Jahre Kanzler Deutschlands, der Einheitsmacher, ein Gigant, auch körperlich?

In seinen „Erinnerungen“ schreibt Helmut Kohl über die Mitte-60er-Jahre: „Manchmal frage ich mich, wie Hannelore und ich das damals alles geschafft haben: Mit 34 Jahren war ich Vater eines Sohnes, und Hannelore war zum zweiten Mal schwanger. Im privaten Bereich hatte ich dank Hannelores großzügigem Verständnis riesiges Glück.“

Der private Bereich sah das offenbar anders. Das gibt es nun zum Nachlesen: „Leben oder gelebt werden“ (Integral Verlag). Walter Kohl, Jahrgang 1963, der Erstgeborene, rechnet ab mit einem Leben, das er nach dem Tod der Mutter im Selbstmord beenden wollte. Ein Leben im Schatten – eines Mannes, einer Partei, einer Karriere.

1963: Fraktionsvorsitzender der CDU in Rheinland-Pfalz. 1966: Landesvorsitzender. 1969: Ministerpräsident.

„Vater war nun ständig in den Schlagzeilen“, schreibt der Sohn, der begreifen lernen musste, dass Politik mehr ist als ein Beruf. Er wurde in der Schule als „der Sohn vom Kohl“ gehänselt, im Sportverein als „Bankert“ angeschrien, wusste nicht warum, und zuhause wollte niemand mit ihm darüber sprechen. „Du musst stehen!“, sagte der Vater ihm. Ein Satz, der dem Sohn „in seiner sprachlichen Schlichtheit und inhaltlichen Wucht wohl als typischer Helmut-Kohl-Satz“ gilt: „Du musst stehen – und zwar ganz für dich allein.“

Allein waren die Kinder oft. Der Vater hatte Termine, arbeitete auswärts oder daheim, die Mutter unterstützte ihn und wollte zugleich, dass die Kinder froh seien mit ihrem Leben.

Das einzige Familienritual, das lange Zeit hielt, war der sonntägliche Weg zur Kirche. Vater und Söhne zogen gemeinsam los, die protestantische Mutter kochte das Mittagessen. Walter Kohl schreibt: „Ich besuchte den Gottesdienst eigentlich gern, doch danach begann etwas, das für uns Brüder einer regelrechten Tortur gleichkam“: Draußen nämlich war großes Hallo. Der Ministerpräsident in der Kirche! Helmut Kohl wurde angesprochen, schüttelte Hände, scherzte, sprach Mut zu, war für alle da, und die Söhne standen vergessen dabei. „Wir liefen auf seiner politischen Bühne mit“, schreibt der Sohn, „als Teil des Bühnenbildes, aber ohne tragende Rolle.“

Mit dem Vater, der sich ob als Privatmensch oder als Politiker immer nur über seinen Führungsanspruch definierte, geriet der Sohn oft aneinander. Über Gefühle und Persönliches zu reden sei mit dem Vater unmöglich gewesen. Stets teilte er die Menschen in zwei Gruppen ein: für mich – oder gegen mich.

Es gab ein „System Kohl“, und es gab ein „System Familie Kohl“. Politisch überlebte Helmut Kohl, weil er die Zustimmung seiner Partei auch in schwierigen Phasen erhielt. In der Familie lebte Kohl so gut wie nicht. Sie musste ohne ihn funktionieren. Welche Opfer das von seiner Frau und den beiden Söhnen forderte, wird mit dem Umzug ins Eigenheim unübersehbar. „Mutter hatte 1971 das Haus so geplant“, schreibt Walter Kohl, „dass es uns eine gemütliche Heimat bieten konnte.“ Der Vater ist als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz ein mögliches Ziel für Terroristen. Das Haus, das gemütlich sein sollte, wird „zu einer Art Wohnfestung umgerüstet“.

Es sind nicht nur die „Ringe eines Sicherheitskordons“, die Walters Leben von da an prägen, die Streifenwagen an sämtlichen Zufahrtswegen, die zweistöckige „Sonderwache Marbacher Straße“ mit schussfesten Scheiben direkt vor dem Anwesen, die Leibwächter, die ihn zur Schule bringen, Videokameras, Bewegungsmelder, Infrarotgeräte, massives Panzerglas vor den Kinderzimmerfenstern, stark genug, um Raketenwerfern Stand zu halten. Vor allem im Verhältnis zu seiner Mutter, der er als Ältester besonders nahe steht, geht eine Sicherheit verloren, die er bis dahin für selbstverständlich gehalten hat.

Aufopferungsvoll und hilfsbereit empfand sich Hannelore Kohl nicht nur als Dienerin ihres Mannes, sondern zudem als „Managerin aller Familienangelegenheiten“, nach außen kämpferisch, nach innen ausgleichend. Für diese Philosophie, schreibt Walter Kohl, schuf die Mutter sogar ein eigenes Wort: „Familienhygiene“. Für sie galt: Alles, was nicht schlimmer ist als 1945, ist auszuhalten. Dem hielt sie selbst nicht stand. Walter Kohl sieht ihre Krankheit auch als körperliche Reaktion auf seelische Widersprüche.

Die Mutter krank an Widersprüchen, der Vater darüber stumm.

Eines Tages kommen drei hochrangige Polizeibeamte, um über mögliche Entführungen zu sprechen, es ist Deutscher Herbst. Sie sagen: Der Staat lasse sich nicht erpressen. Es gebe Regeln. Dazu gehöre, dass man Terroristen nicht jede finanzielle Forderung erfüllen könne. Die Mutter, die neben dem Jungen sitzt, hatte dessen Hand kurz zuvor fest gedrückt, wie zur Ermahnung, und dann losgelassen. „Der Höchstbetrag ist“, sagt einer, „so bis maximal fünf Millionen Mark.“ Und Walter denkt, dass nun neben dem Etikett der „Sohn vom Kohl“ auch noch ein Preisschild an seinem Leben klebt.

Es ist der Preis für den politischen Aufstieg. Und dass es später zum Bruch zwischen Vater und Sohn kommen wird, liegt an der Weigerung Kohls, solche Kosten überhaupt zu sehen.

Es war ein Freitag, der 1. Oktober 1982, als Helmut Kohl Bundeskanzler der schwarzgelben Koalition wurde. Am Samstag und Sonntag räumten Hannelore, die Söhne Peter und Walter, Kohls Fahrer Ecki Seeber und Büroleiterin Juliane Weber das Büro in der Villa Hammerschmidt ein. Und am darauffolgenden Montag, Helmut Kohls erstem Arbeitstag im neuen Amt, ging der Sohn Walter als Rekrut zur Bundeswehr.

Für zwei Jahre hatte er sich verpflichtet. Und schon sein erster Tag war schlimm. Er war Kanzlersohn statt Soldat. Und das in Zeiten von Nato-Doppelbeschluss und Friedensbewegung. „Los, Kohl, eine Ehrenrunde für den Sohn des Bundeskanzlers. Beweg dich!“

Bei vielen war sein Vater sehr unbeliebt. Ob es daran lag, dass seine Lehrgangskameraden peinlich berührt wegschauten, als nun einer von ihnen erst „für den Bundeskanzler“ durch das Gelände gescheucht wurde und dann „fürs Vaterland“? Niemand ist aufgestanden, um mitzulaufen.

Dass der ältere Sohn sich später gegen eine Karriere in der Politik entschied, erregte bei Helmut Kohl Misstrauen, „irgendwann sogar Missfallen“. Walter Kohl wurde Investmentbanker an der Wall Street, entfloh dem eigenen Namen und der Herkunft ins ferne Amerika. Einmal, im Sommer 1991, lud er die Eltern zum Besuch nach New York, zeigte ihnen an einem Sonntag seinen Platz im Großraumbüro – ein Tisch unter hunderten in einer Etage eines Wolkenkratzers. Der Vater war geschockt. „Ich wollte ihm meinen beruflichen Alltag schildern. Er aber drehte sich brüsk um und sagte nur einen einzigen Satz, an dessen Wortlaut ich mich genau erinnere: ,Das kann es ja wohl nicht sein’.“ Die Mutter folgte ihm wortlos zum Ausgang.

Dabei hatte es nur zwei Jahre zuvor eine kurze Zeit der Annäherung gegeben. Gemeinsam waren sie am Brandenburger Tor gewesen, der Sohn stand hinter dem Vater, dem „Kanzler der Einheit“. Der hörte umgekehrt den Sohn, den Ökonomen, als Ratgeber. „Ich fühlte mich erstmals von ihm als erwachsener Gesprächspartner ernst genommen … Er hörte mir geduldig zu, fragte mich nach meiner Meinung. Das war neu.“ Und als sich Kohl im April 1990 vor 130 Gästen in der Villa Hammerschmidt als Geburtstagskind feiern lässt, erhebt sich auch Walter für eine Rede. Er solle keine falschen Kompromisse eingehen, sagte er an seinen Vater gewandt, „auch wenn dies Schaden für unsere Familie bedeuten würde“. Sie würden immer hinter ihm stehen. Kohl stiegen Tränen in die Augen.

1999 wurde das Versprechen geprüft: Wie ein Blitz fuhr die CDU-Spendenaffäre in das Leben der Familie.

Plötzlich, schreibt Walter Kohl, der nie Mitglied der CDU war, richteten sich Verdächtigungen aller Art gegen die Familie, plötzlich schienen sie alle zu jeder Schandtat fähig. Der Name Kohl wurde zu „einem überschweren Erbstück“. Er habe das Pech gehabt, „in eine beispiellose mediale und politische Auseinandersetzung hineingezogen zu werden“. Und beklagt sich bitter: „Niemand stand auf und sagte: Lasst die Familie in Ruhe! Wo waren sie jetzt alle, die Freunde von gestern?“ Die Liste von Menschen, die mit ihm nichts mehr zu tun haben wollten, wurde immer länger. Walter Kohl fühlte sich wie ein Aussätziger. Auch das nicht zum ersten Mal.

Aber wo sollte er sich beklagen? „Du musst stehen – und zwar ganz für dich allein.“ Das ewige Motto des Vaters, an das hielt der sich auch selbst.

Nicht einen Tag schien der Vater zu begreifen, welche Wirkungen die Affäre auf seine Familie hatte. „Es war im Grunde wieder so wie früher“, schreibt der Sohn, „meine, unsere Bedürfnisse, Sorgen und Nöte wurden von ihm schlicht nicht anerkannt.“ Ein Vertrauensverlust war die Folge. Bis heute hat es kein klärendes Gespräch darüber gegeben.

Die Familie fiel weiter auseinander. Der jüngere Bruder heiratete im Mai 2001 in Istanbul die Bankerin Elif Sözen, zog mit ihr nach Großbritannien. Und dann kam der 5. Juli 2001.

Um zwölf Uhr mittags läutete bei Walter Kohl das Telefon. Juliane Weber, Helmut Kohls Büroleiterin, ist dran. Sie sagt: „Walter, deine Mutter ist tot.“

Er rast mit dem Auto von Frankfurt nach Oggersheim. Hannelore Kohls Leichnam liegt auf dem Bett – in seinem ehemaligen Kinderzimmer. „In diesem Moment“, schreibt er, „brachen alle Gefühle aus mir hervor wie aus einem vor Überdruck platzenden Kessel. Ich weinte und schrie wie von Sinnen.“

Kurz darauf trafen auch der Vater und der jüngere Bruder Peter ein. Helmut Kohl war in sich versunken, nicht ansprechbar. Eine völlig neue Situation für die beiden Brüder. Also waren sie es, die nun alles Organisatorische in die Hand nehmen mussten. Doch bei genauerem Zusehen, meint Walter Kohl, sei es doch wieder so gewesen wie immer: Der Vater kümmerte sich um die „wichtigen Dinge“, ums Privatleben kümmerte er sich nie. Hatte Helmut Kohl während der Krankheit seiner Frau sehr mitgelitten, war er nach ihrem Tod gänzlich hilflos, was alltägliche Aufgaben anging. Die hatte er stets der Ehefrau überlassen. Er benötigte eine neue Person, die sein Leben organisierte.

Den Vater hilflos hatte der Sohn zuvor nur einmal gesehen: als Helmut Kohl sich Mitte 1989 einer umfangreichen Prostata-Operation stellen musste, und Walter Kohl den Sommer über in Oggersheim blieb. „Mein Vater war zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, richtig krank.“ Nach Außen drang davon nur wenig. In der CDU sammelten sich die Gegner, und Kohl selbst machte sich Gedanken, ob er weitermachen könne. Der Parteitag im September erlebte ihn geschwächt. Doch dann wendete er das Blatt mit seiner typischen Mischung aus Androhung und historischer Verheißung – kurz zuvor waren die Grenzen in Ungarn geöffnet worden.

Im Sohn wirkte der Tod der Mutter lange nach. Eine große Leere ergriff Walter Kohl. Dazu kam die Entfremdung von seiner ersten Frau. Alle Träume von einem glücklichen Leben schienen geplatzt. „Ich kam mir vor wie eine bloße Hülle ohne Inhalt, nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut.“ Sollte er den Weg seiner Mutter gehen?

Er begann, Vorbereitungen für einen Selbstmord zu treffen. Wie ein Unfall müsste es aussehen. „Meine Überlegungen liefen auf einen Tod im Wasser hinaus.“ Das, dachte er, würde unverdächtig sein, denn er war ja ein passionierter Taucher. Er hatte schon alles vorbereitet, eine neue Taucherausrüstung gekauft, sogar den Ort des „Unfalls“ bestimmt: weit vor der Küste Ägyptens, im Roten Meer.

Es kam nicht dazu. Denn es kam der August 2002. Walter Kohl sah mit seinem kleinen Sohn im Fernsehen einen Bericht über das Elbehochwasser. Den Sohn erschreckten die dramatischen Bilder, er bekam Angst und fragte, ob das auch ihm geschehen könnte. Da verstand Walter Kohl, dass er sich nicht einfach davonstehlen kann. „Nein“, sagte er, „du musst dir keine Sorgen machen, dein Papa ist immer für dich da.“

Wenig später kam es zwischen Helmut und Walter Kohl wegen einer familiären Angelegenheit zu einem heftigen Streit. Doch diesmal war alles anders als bisher. Walter Kohl beschloss, das gewohnte Sohn-Schema von Anpassung und Nachgeben zu verlassen. „Mein Vater vertraute auf die üblichen Methoden in unseren Konflikten: erst Verniedlichung, dann Aussitzen und schließlich, wenn nichts anderes mehr half, rhetorische Härte und Abbügeln aller für ihn unangenehmen Argumente.“

Aber für den Sohn war diesmal eine rote Linie überschritten. Er „kündigte“ dem Vater, schreibt er, und zwar „in derselben rabiaten Art und Weise, mit der Vater sich selbst so manches Problem vom Hals zu schaffen pflegte“. Und wollte von nun an nichts mehr mit ihm zu tun haben. Es war eine Befreiung. „Manchmal kam ich mir vor wie beim Aufräumen eines alten, zugestaubten Dachbodens.“

zusammengestellt von Ariane Bemmer, Kai Müller, Wolfgang Prosinger und Katja Reimann

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