Zeitung Heute : Im Schatten des großen Bruders

Der vor 200 Jahren verstorbene Prinz Heinrich von Preußen ist in Rheinsberg allgegenwärtig

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Von Helmut Caspar

Zeit seines Lebens stand Prinz Heinrich von Preußen (1726-1802) im Schatten seines älteren Bruders König Friedrichs II., des Großen. Dabei war der Prinz, der sich als Freund alles Französischen Henri Louis nannte, ein bedeutender Feldherr und Diplomat, ein gern gesehener Gast an den Höfen in Paris, Sankt Petersburg und Stockholm und mehr als ein halbes Jahrhundert Herr über einen Musenhof im märkischen Rheinsberg.

Da Heinrich ein „nachgeborener" Prinz war, hatte er keine Chance zur Thronfolge, und so musste er sich auch alle Wünsche versagen, mehr als nur der verlängerte Arm seines königlichen Bruders zu sein. Es sei sein Schicksal, keine Anerkennung zu finden, „wie es das Schicksal Friedrichs ist, gelobt zu werden, selbst für Dinge, die er nicht getan hat", gestand Heinrich seinem jüngeren Bruder Ferdinand. Die Rolle des „ewigen Zweiten" wird auch in Rheinsberg deutlich: Vor dem Schloss, in dem die große Gedenkausstellung anlässlich des 200. Todestags des Prinzen gezeigt wird, steht nicht Heinrichs, sondern Friedrichs Denkmal.

Friedrich hatte unter seinem Vater, dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., viel zu leiden, und als der väterliche Despot 1740 gestorben war und sein Ältester als Friedrich II. den Thron bestieg, spielte dieser sich gegenüber dem 14 Jahre jüngeren Heinrich nicht weniger despotisch auf. Der kleine Prinz, sensibel, musisch veranlagt, immer kränklich, litt unter Friedrichs Bevormundung, sann nach Auswegen. Um sich vom König abzunabeln, nahm Heinrich sogar eine Heirat in Kauf. „Ich habe mir die Ketten der Ehe anlegen lassen, um meine Freiheit zu gewinnen", schrieb der Prinz, der Männer liebte und auch auf diesem Terrain mit dem ebenso empfindenden Bruder aneinander geriet.

Am Gängelband

Mit wachsendem Ärger sah Friedrich dem Treiben von Günstlingen am Rheinsberger Hof zu, und als einer von ihnen, der Major von Kaphengst, auf königlichen Wunsch in die Wüste geschickt werden sollte, unterlief Heinrich den Befehl, indem er dem Freund das Gut Meseberg nahe Rheinsberg schenkte. Das Herrenhaus steht noch heute, Fontane hat die Affäre in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg" beschrieben.

Die durch Heirat und freiwilliges Exil in Rheinsberg gewonnene Freiheit war relativ. Das Gängelband, an dem Friedrich seinen Bruder hielt, war lang, aber fühlbar. Um alles musste Heinrich bei Friedrich nachsuchen. Der schenkte ihm nach Gutdünken Geld und Brillanten, er bestimmte aber auch, was aus den von Heinrich in vielen Denkschriften niedergelegten Ideen in praktische Politik umgemünzt und wann der Prinz zu einer diplomatischen Mission fortgeschickt wird.

Friedrich nutzte Heinrichs hervorragende militärischen Talente im Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763), legte aber sein Veto ein, als Bestrebungen polnischer Magnaten laut wurden, den Preußenprinzen zu ihrem König zu wählen. Zwei Könige in der Familie Hohenzollern – das war zu viel und hätte auch Spannungen mit Russland provoziert.

Erfolgreicher war Heinrich, als es darum ging, Polen unter Russland, Österreich und Preußen zu teilen. Kurios ist das Anerbieten nordamerikanischer Monarchisten an ihn, sich als Regent an die Spitze der noch ganz jungen Vereinigten Staaten von Nordamerika zu stellen. Der Prinz lehnte ab. Konflikte mit beiden „Mutterländern" England und Frankreich wären unausweichlich gewesen.

Heinrichs Hoffnung blieb unerfüllt, nach dem Tod Friedrichs II. (1786) an hochrangiger Stelle seinem Land dienen zu können. Und auch sein Angebot, zwischen Preußen und dem – ab 1789 – revolutionären Frankreich zu vermitteln, fand kein Gehör. Der scharfe Verstand des alternden Prinzen wurde auch jetzt nicht gebraucht. Man beschwichtigte ihn statt dessen mit Geschenken und Nettigkeiten.

Rheinsberg – das war das wirkliche Königreich des Prinzen Heinrich. Hier konnte er schalten und walten. Im Schloss am Grienericksee gaben sich prominente Reisende die Klinke in die Hand. Im Berliner Prinz-Heinrich-Palais, seit 1810 Sitz der Humboldt-Universität, und in Rheinsberg stand dem Hohenzollern eine französische Theatertruppe zur Verfügung. Der Prinz spielte selber in Komödien und Tragödien und nötigte seine Höflinge, sich ebenfalls schauspielernd und musizierend zu betätigen.

„Sein Geist adelte seinen Körper“

Maler und Medailleure gaben sich keine Mühe, die wenig ansehnlichen Gesichtszüge des klein gewachsenen Prinzen zu schönen, die durch hervorstehende Augen, Pockennarben und eine Stubsnase auffielen. Doch alle, die mit Heinrich zu tun hatten, hoben hervor, dass diese Mängel im täglichen Umgang schnell vergessen waren. Ein Zeitgenosse, der französische Gesandte Graf Ségur, beschrieb Heinrich als charmanten Plauderer. „Wenn man mit ihm sprach, vergaß man bald seinen unansehnlichen Wuchs, die Unregelmäßigkeit seiner Augen und das Unangenehme seiner Gesichtszüge, das zunächst abstoßend wirkte. Sein Geist adelte seinen Körper, man sah in ihm nur noch den großen Mann und den liebenswürdigen Menschen." Voltaire nannte ihn in Anspielung auf einen berühmten Feldherren den „Condé von Rheinsberg", dem die Herzen Europas entgegen schlagen, einen Mann, der „den Siegerkranz Apollos mit dem von Mars zu vermengen geruht."

Bei so viel Lob, das ihn aus ganz Europa erreichte, muss es Heinrich besonders schmerzlich empfunden haben, dass seine Fähigkeiten daheim so wenig genutzt wurden. Abstand zur Krone – das hatte bei „Preußens" Tradition. Friedrich II. begründete schon 1752 seine Zurückhaltung gegenüber seinen Brüdern mit der Warnung vor deren Hochmut und Intrigantentum. Es sei ratsam, die „Prinzen von Geblüt" mit allen äußeren Ehren zu überhäufen, sie aber von den Staatsgeschäften abzuhalten. Heinrich von Preußen, der begabteste Bruder Friedrichs des Großen, litt Zeit seines Lebens unter dieser Zurücksetzung. Als Heinrich vor 200 Jahren am 3. August 1802 starb, war er schon fast vergessen, eine lebende Legende und in der Familie respektiert, wie man nun einmal einen guten alten Onkel achtet. In Rheinsberg gingen die Lichter aus, für die Stadt und den kleinen Hof war der Tod des 74-Jährigen eine Katastrophe. Heute indes ist die Existenz des Musenhofes, der viel mit Sanssouci gemein hat, geradezu ein Segen für die brandenburgische Stadt.

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