Zeitung Heute : Im Schnitt fünf Jahre jünger

Die gesellschaftlichen Vorstellungen und Leitbilder prägen unser subjektives Empfinden – Anerkennung wäre wichtig

Ursula M. Staudinger

Jeder will alt werden, niemand will alt sein. Das ist ein gängiger, immer noch gültiger Aphorismus. Bekanntlich verschiebt sich auch das, was Menschen in Umfragen für „alt“ erachten, immer weiter nach oben. Das gefühlte persönliche Alter liegt zumeist Jahre unter dem kalendarischen. Jeder kennt 70-Jährige, die im Ehrenamt arbeiten und Bergtouren unternehmen, und solche, die ihre Tage vor dem Fernseher verbringen und kaum mehr den Weg in den Supermarkt allein bewältigen. Die Unterschiede zwischen Altersgenossen werden immer größer, denn das erfahrene und gestaltete Leben hinterlässt Spuren.

Die biologische Basis des Alters zeigt historische Veränderungen zu unseren Gunsten. Die Mediziner sagen uns, dass die Funktionstüchtigkeit des Organismus eines durchschnittlichen 60-Jährigen heute vergleichbar dem eines höchstens 55-Jährigen der Generation zuvor. Wir sind heute durch unsere Kultur, bessere Bildung, Vorsorge und Ernährung und weniger strapaziöse Arbeitsbedingungen biologisch mindestens fünf Jahre jünger als die Generation zuvor.

Der subjektiv und individuell wichtigste Grund für das Verhältnis zum eigenen Alter ist die persönliche Erfahrung des Altwerdens und Alters eng mit den gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was „man“ im Alter tun und lassen sollte, verknüpft. Diese Altersbilder prägen jeden Einzelnen in erstaunlicher Weise. Sie verkürzen sogar, wenn sie negativer Natur sind, das Leben um ganze sieben Jahre, und das unabhängig von sonstigen Einflüssen wie Gesundheit, finanziellen Verhältnissen oder Wohlbefinden. Während wir sonst gern dazu neigen, persönliche Erlebnisse für unser Urteilen zu verallgemeinern, ist es bei den Altersbildern eher umgekehrt: Oft halten Menschen ihre Bekanntschaften mit aktiven, fitten Alten für nicht repräsentativ.

Vorurteile über das Alter drücken schon auf die mittleren Lebensjahre – so ist es die Furcht der Personalmanager, dass das nahende Rentenalter die Produktivität und die Motivation der Mitarbeiter senke, die sie veranlasst, bereits 45-Jährige für alt zu halten. Auch wenn eine Gemeinde, ihre Mitglieder zum 60. Jubiläum mit einer Einladung zu Kaffeenachmittagen erfreuen möchte, spiegelt sich darin Unkenntnis über das Bedürfnis und die Fähigkeit Älterer zum Engagement in der Kommune, zu sportlicher und intellektueller Betätigung. Solche Signale tragen dazu bei, dass man sich nicht mit dem kalendarischen Alter identifiziert. Würde das höhere Alter in unserer Gesellschaft mit hohem Ansehen und wichtigen sozialen Rollen verknüpft sein, drängten wir uns vielleicht danach, für unser tatsächliches kalendarisches Alter anerkannt zu werden statt uns jünger zu wünschen und zu reden.

Unabhängig von historischen Konstellationen führt die Verknüpfung mit dem Lebensende zu einer abwehrenden Haltung gegenüber dem Älterwerden. Wir werden nicht gerne an unsere Endlichkeit erinnert. Ob es uns gelingen kann, eine Kultur zu schaffen, die auch dies als selbstverständlichen Teil des Lebens anerkennt, wie es manchen asiatischen Kulturen gelungen ist, bleibt eine offene Frage.

Wir stehen aber, was die Vorstellungen vom Alter und vom Altern angeht, an einer Zeitenwende. Dies zeigt auch die Fotoausstellung „Neue Bilder vom Alter(n)“, die die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina seit dem 7. September 2010 durchs Land führt (in Berlin ab 19. Januar 2011, Termine unter www.altern-in-deutschland.de). Die Fotoausstellung ist das Ergebnis eines Wettbewerbs, den die Nationale Akademie als eine Konsequenz aus den Empfehlungen ihrer Arbeitsgruppe „Altern in Deutschland“ veranstaltet hat. Ursula M. Staudinger

Die Autorin ist Psychologin und Altersforscherin an der Jacobs University Bremen

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