Zeitung Heute : Im Sonnenuntergang

WasfüreineWoche!Er renntwieder–muss nochmaldieGrünen retten.Wirder derHelddesAbzugs?BegegnungmitJoschkaFischer

Axel Vornbäumen[Stuttgart]

Da ist eine Zufriedenheit, und das ist mehr als Koketterie. Dieser Tage erscheint sein Buch „Die Rückkehr der Geschichte“. Vier Jahre hat er daran gearbeitet, viel länger als ursprünglich gedacht. Der Schweiß des Edlen ist da hinein geflossen, immer wieder und in Strömen, nachts, an Wochenenden, in seiner spärlichen Freizeit. Vier Jahre. So lang wie noch nie zuvor. Aber es ging nicht schneller. Irgendetwas kam immer dazwischen – und wenn es der Irakkrieg war. Nun liegen sie da, seine Gedanken um die Weltläufte nach Mauerfall und 11. September, über das Ende der Bipolarität, über die Situation auf diesem Planeten, auf dem sich das Leben, paradox genug, auf unterschiedlichen Zeitachsen abspielt. Nein, weniger durfte es mal wieder nicht sein.

An diesem Freitag hat er das Buch das erste Mal in der Hand halten dürfen. Es ist ein gutes Gefühl. Nun, spätabends, liegt es vor ihm, in der Zirbelstube im Stuttgarter „Hotel am Schlossgarten“. Er hat es eigens aus seinem Zimmer holen lassen. Sein Buch. Fast liebevoll beginnt er, darin zu blättern, hin zu den entscheidenden Stellen. Auf Seite 249 stehen die Schlussfolgerungen, was getan werden muss, damit diese Welt eine bessere, eine sicherere wird. Seine Schlussfolgerungen. Joschka Fischer ist zufrieden mit sich.

Das erste Kapitel heißt „Willkommen in der Wüste der Realität“. Morpheus hat diesen Satz zu Neo gesagt, in „Matrix“. Fischer mag „Matrix“, aber nur den ersten Teil. „Willkommen in der Wüste der Realität“ – ja, das wäre doch auch ein passender Titel für ihn, am Ende dieser Woche, in der er sich darauf hat einstellen müssen, dass schneller als gedacht nichts mehr so ist, wie es war und dass doch manche Dinge sich offenkundig nie ändern werden. Joschka Fischer aber mag solche Analogien nicht.

Was für eine Woche! Sie haben ihn noch einmal zum Frontmann der Grünen gekürt für einen Wahlkampf, den er zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht hätte führen wollen. Der Kanzler wollte Neuwahlen, er nicht. Er hat Gerhard Schröder nicht von seinem Plan abbringen können, im April nicht, in Rom, bei der Beerdigung von Papst Johannes PaulII., als die beiden das erste Mal intensiver darüber gesprochen haben. Und später auch nicht. Aber das sind, wie er sagt, längst „tempi passati“. Sie waren es im Grunde schon, als Franz Müntefering am Abend der NRW-Wahl um 18 Uhr 22 den Coup fürs breite Publikum verkündete. Joschka Fischer saß zu diesem Zeitpunkt zwar vor dem Fernseher – nur: Er schaute DSF, die Aufstiegsfeierlichkeiten von Eintracht Frankfurt. Fischer hält nicht viel von Wahlsendungen, dieser Worthülsenweitwerferei in Echtzeit.

Was für eine Woche! Sie haben ihn noch mal nach vorne geschoben, ganz nach vorne, dorthin wo der Wind einem am schärfsten entgegenschlägt. Alleine steht er da, sonst hätte er es gar nicht erst gemacht. Es sind seine „Bedingungen des Erfolgs“. Aber tags darauf, da ging es schon los, das Gegrummel, grünentypisch, weil manche Dinge sich eben doch nie ändern werden. In der Fraktion wurde überlegt, halblaut, ob man ihm, dem alten Schlachtross, nicht eine Frau an die Seite stellen sollte, weil das ein grünes Zeichen sei, in diesen Zeiten, in denen sogar die CDU mit einer Kanzlerkandidatin ins Rennen zieht. Da hat er, lakonisch genug, damit es als Drohung auch verstanden wird, diesen sehr schrödermäßigen Satz gesagt, den er nun sehr gerne immer wieder fallen lässt: „Wenn die Partei etwas anderes will, dann beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt.“ Nicht, dass ihn die Aussicht schreckte. Im Gegenteil. Neuanfänge im Leben hat er noch immer spannend gefunden. Neuanfänge sind Herausforderungen, aus denen sich Zufriedenheit entwickeln kann. Doch noch ist es Koketterie.

Er muss noch mal ran. Muss in den Sonnenuntergang reiten, wie der Westernheld nach dem letzten Gefecht. Der diskutiert schließlich auch nicht darüber, wie er den Revolver zu halten hat. Wahlkampf ist, wie er sagt, „Ausnahmezustand“. Das ist seine Erfahrung. Da lässt er nicht mit sich reden. Wenn’s wichtig wird, muss man den Rücken frei haben. So hat er es bislang immer gehalten. Fehler, die am Anfang gemacht werden, das weiß er aus seiner Erfahrung als Marathonläufer, potenzieren sich mit der Zeit, werden immer schmerzhafter, wie Druckstellen im Schuh. Es wird noch mal wichtig. „Für die Grünen“, sagt Matthias Berninger, Staatssekretär im Verbraucherministerium und einer, der nach dem 18. September wohl in die erste Reihe wird rücken müssen, „geht es um die Existenz.“ Ist das tatsächlich so, dann kann ihm, Fischer, das nicht egal sein. Auch um seiner selbst willen nicht. Würden die Grünen scheitern, am 18. September, schreibt die „Zeit“, dann wären sie vor allem ein Instrument seiner Biografie gewesen, und er, Fischer, würde als „politischer Egomane“ in Erinnerung bleiben.

Ein „Held des Rückzugs“ soll er nun werden, einer, der seine Partei in eine Ära führt, die nicht mehr die Ära Fischer ist. Das sind eigentlich ein paar Salti zuviel, die da von ihm auf dem hastig gespannten Hochseil verlangt werden. Bis gestern war er doch noch bekennender Rot-Grüner. Und heute schon, wo sie in der SPD das Weite suchen und ganz offenkundig die Parole gilt: „Rette sich, wer kann!“, heute also, muss er auf urgrüne Eigenständigkeit machen? Wo er doch immer noch der festen Überzeugung ist, dass es „keine neue Farbenlehre“ gibt, dass Grün gestalterisch immer noch am besten wirkt, wenn man ihm viel Rot beimischt. „Irgendwann werden auch neue Dinge ausprobiert werden“, hat er im September 2003 einmal in einem Interview der Frankfurter Rundschau gesagt, „aber erstens nicht mehr durch mich. Und zweitens gehen solche Strategiewechsel nur, wenn die Wähler mitziehen.“ Damals hat Fischer noch blumig formuliert: „Jedes Mal, wenn der Ikarus Schwarz-Grün sich der sengenden Hitze der politischen Realitäten nähert, wird er mit geschmolzenen Flügeln in den steilen Sturzflug übergehen.“

In Stuttgart, wo die Grüne Landtagsfraktion an diesem Freitagabend ihr 25-jähriges Bestehen feiert, umreißt er die Größe der Aufgabe vor erwartungsvollem Publikum weit weniger metaphernreich: „Wir stehen jetzt vor der Herausforderung, innerhalb kürzester Zeit uns programmatisch so erneuern zu müssen, dass wir die Antworten auf die Probleme geben müssen, vor denen unser Land steht“. Das klingt dramatisch nach Binsenweisheit, und ist doch in Wahrheit noch dramatischer: Fischer meint es ernst.

Er hat auch deshalb wieder mit dem Laufen angefangen. Der Körper soll ein weiteres Mal den Zustand der Seele dokumentieren. Es geht um den Wandlungswillen in einer Ausnahmesituation, auf dass hinterher keiner sagen kann, er sei „zu fett“ für den Wahlkampf gewesen, zu müde, zu träge, zu ausgebrannt. Anderthalb Stunden am Stück packt er bereits wieder, und irgendwann wird sich auch wieder „Runners High“ einstellen, das entsprechende Quantum „Sauerstoff in der Birne“. In der Zirbelstube im Stuttgarter „Hotel am Schlossgarten“ gibt es an diesem späten Abend sehr wenig Fisch mit sehr wenig Salat und sehr stillem Wasser. Ja, er ist bereit, sich noch mal etwas zuzumuten.

Jedenfalls solange er selbst bestimmen kann. Nun zerren sie ja wieder an ihm, von allen nur erdenklichen, manchmal ganz unerwarteten Seiten. Zwei Stunden zuvor, auf dem Fest der Grünen, da hätte beispielsweise der Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann Joschka Fischer gerne noch für ein Gruppenbild der alten Kämpen gewonnen. Hermann, der noch immer genervt hat, wenn mal wieder ein Auslandseinsatz zu beschließen war. Hermann buhlt ein bisschen, fast hat er Fischer so weit, doch dann ist der Trubel zu groß, die alten Kämpen zu verstreut, die Zeit zu knapp und Fischer die Sache so wichtig nun auch wieder nicht.

Es ist eine Zwischenphase, in der er sich gerade befindet. Sie wird schnell zu Ende gehen müssen. Das weiß er. Er weiß, dass die subjektiven Wahrnehmungen der „Berliner Journalisten“, die an diesem Tag eigens nach Stuttgart angereist sind, sehr bald „eingepreist“ werden in die Berichterstattung über ihn. Szenen wie die mit Winfried Hermann. Jede Zweideutigkeit, jede Formulierung, die auf Resignation, auf innere Emigration hinweisen könnte, muss vermieden werden. Beim Festakt der Grünen, auf der Bühne, gelingt das, nun ja, ganz gut. Es dauert ein bisschen, bis er ins Rollen kommt, aber er hat genug Routine, um auf so einer Veranstaltung seinen Part mit Anstand herunterzuspulen. So ruft er denn den in 25-jähriger Oppositionszeit eingerichteten baden-württembergischen Grünen mit fast außerparlamentarischem Zungenschlag zu: Stürzt Oettinger! Dies sei gleichsam ein „verfassungsmäßiger Auftrag“. Und dann kommt sogar ein wenig Heiterkeit auf, als Fischer verspricht, zum 50-Jubiläum gemeinsam mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Winfried Kretschmann, den schwäbischen Kanon „Drunten im Unterland“ vortragen zu wollen. An diesem Freitag scheitert es noch mangels hinreichender Textsicherheit bei Fischer. Am nächsten Tag aber kann er dann davon beim Frühstück in der „Stuttgarter Zeitung“ lesen. Der Text ist wohlwollend. Na bitte.

Am Donnerstag hat er im Bundestag noch einmal zu Kosovo gesprochen. Es ist das Thema, mit dem alles begann, der lange Lauf Deutschlands zu sich selbst, gewissermaßen. Damals, 1998, Rot-Grün steckte noch in Kinderschuhen, erfolgte der Paradigmenwechsel in der Außenpolitik – die Beteiligung der Bundeswehr an internationalen Militäreinsätzen. Er hat ihn an vorderster Front durchgedrückt. Das reicht fürs Geschichtsbuch. Es ist das Kapitel über das Ende der Nachkriegszeit, an dem er mitgeschrieben hat. Ein Kapitel über neue Maßstäbe, neue Wertungen, über die zunächst schmerzhafte, dann nur noch mühsame, schließlich von Jahr zu Jahr immer selbstverständlicher werdende Einbindung der Linken in eine neue außenpolitische Rolle der Bundesrepublik. Doch, ihm ist das gelungen. Er hat dafür Prügel bezogen, in der Regel verbal, aber einmal war es auch ein Farbbeutel, dem sie ihm ans Ohr geschmissen haben. Damals, in Bielefeld.

Fischer ist müde, an diesem Donnerstag, auch wenn er anderntags sagt, das Gähnen habe mehr mit dem „Unterzucker“ zu tun, den Folgen seiner Diät. Die jährliche Verlängerung des Kosovo-Mandats für die Bundeswehr ist ein Routinetermin geworden. Er muss niemanden mehr überzeugen, hier nicht. Das Hohe Haus ist sich einig. Später werden 575 Abgeordnete dafür sein und nur sieben dagegen. Eine merkwürdige Stimmung herrscht unter der Reichstagskuppel während der auf 45 Minuten angesetzten Debatte, ein wuseliges Durcheinander, weil es auf das gesprochene Wort nicht mehr ankommt. Die Konzentration fällt schwer. Draußen im Foyer will Bundestagspräsident Wolfgang Thierse nichts von „Endzeitstimmung“ wissen – bitte, dann muss es sich um Restarbeiten handeln, um Alltagskram. Drinnen gähnt Fischer, drei Mal in dieser knappen Stunde, in der er auf der Regierungsbank ausharren muss. Einmal hält er, sekundenlang, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Das reicht für einschlägige Bilder.

Als er redet, spricht er auch noch einmal kurz über das Massaker von Srebrenica, das sich demnächst zum zehnten Mal jährt. Srebrenica. Das war für weite Teile der Grünen und für ihn besonders das Damaskus-Erlebnis; die Erkenntnis, dass sich multi-ethnisches Zusammenleben bisweilen nicht nur mit Sitzstreiks und guten Worten durchsetzen lässt. Er hat Auschwitz herangezogen, seinerzeit, hat das „Nie wieder“ als Handlungsmaxime bemüht, um sich und seinen Grünen den Sprung in das neue Denken zu erleichtern, und in die neue Politik auch. Und nun ist der Kosovo-Einsatz eine Selbstverständlichkeit und die Verknüpfung mit dem eigenen Wertekorsett kann sich auf wenige Stichworte beschränken. Über den multi-ethnischen Charakter, den es für Kosovo zu bewahren gelte, spricht Fischer, das war ja immer das Ziel. Später wird ihm der FDP-Abgeordnete Rainer Stinner vorwerfen, die gleiche Rede wie im Jahr zuvor gehalten zu haben. Stinner rudert dabei engagiert mit den Armen und schlägt irgendwann noch vor, die Bevölkerung des Kosovo im politischen Befriedungsprozeß „mitzunehmen“. Da muss Fischer lächeln.

Es ist ein Elder-Statesman-Lächeln, ein bisschen altersweise und amtserfahren vielleicht, und womöglich ist es auch getragen von dem Gedanken, dass da schon bald einer aus Stinners Partei an seiner statt zu Kosovo reden wird. Westerwelle schlimmstenfalls. Westerwelle, den er nicht leiden kann, den er für einen Wellenreiter im Fahrwasser der Konservativen hält. Einer, der, wie die Konservativen auch, glaubt, dass es so etwas gibt wie einen natürlichen Besitzanspruch von Schwarz-Gelb auf die Ämter, die der Staat zu vergeben hat. Einer, der den Kulturkampf gegen die 68er führt und nicht hat verwinden können, dass einem mit einer Biographie wie er, Fischer, sie hat, es möglich wurde, Außenminister zu werden. Fischer weiß – wenn Westerwelle drankommt, dann wird er reden wie er, Fischer, selber oft geredet hat. Zu Kosovo bestimmt. Und zu vielen anderen Dingen auch. Die Welt des Guido Westerwelle wird dann wieder gerade gerückt sein. Mit den gleichen Worten. Das soll nicht schmerzen?

Am Donnerstagabend sitzt der Minister im Salon der American Academy am Berliner Wannsee. Es geht um die transatlantischen Beziehungen, aber nicht nur. So manchem im dicht gedrängt sitzenden Auditorium, das ist zu spüren, geht es auch darum, dem Mann – außen Minister, innen grün – auf den letzten Metern seines Weges und vor Zeugen noch einmal einen mitzugeben, weil man das eigentlich immer schon mal wollte und auch, damit man später sagen kann, man habe sich das zu seinen Amtszeiten noch getraut. Es wird jetzt ja häufiger auf ihm herumgetreten, auch in distinguiertem Kreis. China. Irak. Waffenhandel. Das Fischersche Wertesystem. Sein Alltagspragmatismus und seine Sonntagsvisionen. Es sind Nadelstiche gegen einen Außenminister, den man in dieser Runde vielleicht wegen seiner Analysefähigkeit respektiert und womöglich wegen seiner Eloquenz, nicht aber wegen seiner Haltung. Fischer spürt das. „Vielleicht werden Sie schon bald Ihre Erfahrungen mit der Opposition machen“, ruft er einmal, und ein anderes Mal, nachdem der frühere US-Botschafter John Kornblum endlich am Ende seines Kurzvortrags über die rückwärtsgewandten Grünen angekommen ist, sagt Fischer, deutlich genervt: Dann solle er, der liebe Kornblum, der von Deutschland offenkundig so viel nun auch wieder nicht verstehe, doch CDU wählen in seiner vermeintlichen Fortschrittsfixiertheit. Gewiss, in solchen Momenten schwingt auch diese ihr-werdet-noch-sehen-was-ihr-davonhabt-Attitüde mit, die ihm in besseren Tagen eine Dauerkarte auf dem Olymp der Arroganten sicherte. Doch in diesen Zeiten ist der Fatalismus schnell umgedeutet zu Resignation. „Er ist sich selbst seiner Stärke nicht mehr sicher“, sagt einer, der ihn begleitet hat durch die zurückliegenden sieben Jahre. Quatsch, sagt Fischer, er habe nur nicht auf Englisch eine innenpolitische Diskussion führen wollen.

Ganz drum herum wird er indes nicht kommen. Schon morgen fliegt der Außenminister nach Washington. Er wird dort Condoleezza Rice treffen. Sie wird sich erkundigen, wie es um die Dinge steht, drüben in „Germany“. Höflich und interessiert. Fischer kennt solche Situationen. Die Politik ist da unsentimental. Und er ist es auch.

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