Zeitung Heute : Im Strudel von Kirchs Insolvenz

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Simon

Der Bär ist erlegt, aber noch wird das Fell nicht verteilt. Die Kirch-Media hat am Montag zwar Insolvenz angemeldet. Aber was bedeutet das für die Fernseh- und Radiosender der Kirch-Gruppe? Werden sie verkauft, abgeschaltet, oder geht alles weiter wie bisher? In den nächsten Wochen wird der Sendebetrieb wohl aus Sicht des Zuschauers unverändert weitergehen. Zunächst einmal müssen viele Formalien beachtet werden. Und auch dann wird das Schicksal der Sender von der nun gegründeten Auffanggesellschaft abhängen, die alles Weitere regeln muss. Urs Rohner, Vorstandsvorsitzender der ProSieben Sat1 Media AG, betont zu Recht, dass seine Senderfamilie nicht unmittelbar betroffen ist vom Insolvenzverfahren der Kirch Media. Tatsächlich ist die ProSieben Sat 1 Media AG ein eigenständiges Unternehmen, das neben dem Haupteigner Kirch Media noch weitere Gesellschafter hat. Dennoch darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sämtliche Tochtergesellschaften der Kirch Media zumindest indirekt Auswirkungen zu verspüren bekommen. Im Fall der ProSieben Sat 1 Media AG ist zu erwarten, dass sich der Gesellschafterkreis zwangsläufig verändern und neu ordnen wird. Der Axel Springer Verlag etwa, der zurzeit nur strategisch irrelevante elf Prozent daran hält und sich deshalb ganz herausziehen wollte, könnte nun im Gegenzug zu seiner Forderung aus der juristisch angefochtenen Put-Option seine Anteile auf 25,1 Prozent und mehr erhöhen und sich damit Mitspracherecht sichern. Es ist davon auszugehen, dass weitere Investoren, und zwar auch ausländische, einsteigen werden, es also nicht zu einer „deutschen Lösung“ kommt.

Bleibt die Frage, wer letztlich die operative Führung bei der Senderfamilie übernehmen wird. Die Banken, die vom Mediengeschäft wenig verstehen, mit Sicherheit nicht. Entsprechend werden sie sich kurz- bis mittelfristig wieder zurückziehen. Änderungen in der Geschäfts-, Personal- und Programmstrategie sind erst danach zu erwarten. Für Pro 7, Sat 1 und Kabel 1 stellt sich dann etwa die Frage, von wem sie künftig die Filme kaufen sollen. Bislang waren sie Abnehmer ihres Haupteigners Leo Kirch. Wer auch immer sich Kirchs Filmstock unter den Nagel reißen wird – auch der neue Besitzer wird ein Interesse daran haben, Filme zu verkaufen und in der Senderfamilie einen Abnehmer zu finden. Wahrscheinlich würde sich also gar nicht so viel verändern, sagen sich daher auch die 3000 Mitarbeiter. Wichtiger erscheint ihnen, welche Geschäftsstrategie der neue Haupteigner für die Senderfamilie verfolgen wird. Wird sich Sat 1 weiterhin so viele Eigenproduktionen leisten können wie bisher? Und was wird aus N 24, dem defizitären Nachrichtensender, der aber eng mit den anderen Sendern der Familie verzahnt ist? Nur wer ein strategisches und damit journalistisches Interesse verfolgt, wird N 24 erhalten. Wer nur Geld verdienen will, wird N 24 abschalten oder verkaufen. Etwa an die RTL Group aus dem Gütersloher Bertelsmann- Konzern. Sie hatte bereits über einen Einstieg bei n-tv ergebnislos verhandelt. Doch das Interesse der RTL-Senderfamilie an einem Nachrichtensender und damit an N 24 dürfte weiterhin groß sein.

Kein Mitglied der Senderfamilie und damit schlechter gestellt ist der Sportsender DSF mit seinen 1000 Mitarbeitern. Nachdem die Mutterfirma Kirch-Media Insolvenzantrag gestellt hat, muss das DSF nun „innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von 21 Tagen prüfen, ob wir Anschlussinsolvenz beantragen müssen“, sagte Geschäftsführer Stefan Ziffzer am Montag. Aus eigener Kraft werde das DSF allerdings nicht sehr lange liquide sein. Der Sendebetrieb ist also in Gefahr, auch wenn bis auf weiteres alles fortgeführt werde wie bisher.

TV.Berlin, TV München und Hamburg-1 sind im Verbund zu sehen. Die drei Ballungsraumsender sind allesamt defizitär. Ob sich ein Käufer findet, ist fraglich. Das gilt auch für den Metropolensender XXP von „Spiegel“ und Alexander Kluges DCTP, der grundsätzlich expandieren will, aber schon „mit diesem kleinen Sender genug zu tun hat“, wie XXP-Chef Stefan Aust sagt. Interesse wird auch TV-Baden nachgesagt. Doch selbst wenn sich neue Gesellschafter finden würden, müssten die Sender von den Landesmedienanstalten im üblichen Verfahren neu ausgeschrieben werden.

TV.Berlin gehört wie der Berliner Radiosender Hundert,6 zu hundert Prozent Leo Kirchs Sohn Thomas. Faktisch werden Thomas Kirchs Beteiligungen jedoch zu denen seines Vaters addiert. Sie sind folglich auch von der Insolvenz betroffen. Dem Vernehmen nach wurde in der Vergangenheit bereits über einen Verkauf des Radiosenders verhandelt. TV.Berlin- und Hundert,6-Geschäftsführer Georg Gafron sprach sich am Montag für eine Übernahme durch ausländische Investoren wie Silvio Berlusconi oder Rupert Murdoch aus. Damit könne „das publizistische Gleichgewicht in einer der SPD nahe stehenden Medienlandschaft in Deutschland erhalten bleiben“. Weiterhin sagte er: „Der gemeinsame Untergang mit einem Unternehmer wie Leo Kirch – selbst der ist noch eine große Ehre, gemessen am jämmerlichen Dasein anderer“.

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