Zeitung Heute : Im Tal der Schemen

Osama bin Laden ist in Waziristan, der Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan – das steht für die Experten fest. Aber ist er auch zu fassen? Der Terrorchef bleibt keine Nacht am selben Platz, benutzt keine Technik, die ihn orten könnte. Und seine Leibwächter lassen eine Festnahme nicht zu.

Frank Jansen

WO IST BIN LADEN?

Von Frank Jansen

Angenehm ist es hier nicht. Zerklüftete Gebirgsketten, abgeschieden und unterentwickelt, ärmliche Landwirtschaft. Der Menschenschlag ist entsprechend: Störrische Halbnomaden leben hier, streng religiös und nur dem eigenen Clan verpflichtet – und dazu schwer bewaffnet. Die westpakistanische Grenzregion Waziristan, halb so groß wie Hessen und nur theoretisch vom Staat kontrolliert, gilt auch in friedlichen Zeiten als eine Region, die Touristen meiden sollten. Waziristan gehört zum Siedlungsgebiet der Paschtunen, die nie eine Zentralgewalt akzeptiert haben – ob es die indischen Mogulkaiser waren, die britischen Kolonialherren oder jetzt der pakistanische Militärdiktator Pervez Musharraf.

Er ist gerade dabei, sich mit den Paschtunenstämmen anzulegen, die in Waziristan leben. Denn die halbe Million Waziris und Mahsuds steht in Verdacht, den weltweit meistgesuchten Terroristen zu beherbergen: Osama bin Laden, Chef der Al Qaida, verantwortlich für den 11. September und seitdem erst recht der Guru militanter Islamisten. Nun spitzt sich die Lage zu.

Mehrere zehntausend pakistanische Soldaten sind Ende Februar angetreten, bin Laden in Waziristan aufzuspüren. Gegenüber, in der ostafghanischen Provinz Paktika, lauern amerikanische Spezialeinheiten auf fliehende Kämpfer von Al Qaida und Taliban. In Pakistan dürfen die US-Truppen nicht mitmischen, sonst würden die Paschtunen zu den Waffen greifen. Die Suche konzentriert sich auf Süd-Waziristan. Hier soll Osama bin Laden seinen Schlupfwinkel haben. Seit Wochen kursieren immer neue Gerüchte: Der Al-Qaida-Führer sei in einem 16 mal 16 Quadratkilometer großen Gebiet eingekreist (Meldung in der britischen Zeitung „Sunday Express“), er stehe kurz vor der Verhaftung, er sei knapp seinen Häschern entwischt (BBC) oder befinde sich sogar schon in amerikanischem Gewahrsam (iranischer Rundfunk). Zumindest Letzteres schließen Sicherheitsexperten aus. Und sie halten die Aussichten, den Terrorpaten in Bälde zu fassen, für eher gering. „Osama bin Laden wechselt permanent seinen Aufenthaltsort“, sagt ein Fachmann. Außerdem benutze bin Laden weder Satellitentelefon noch Handy, um keine amerikanischen Abhörspezialisten auf seine Spur zu bringen. Wie viele Leute bin Laden um sich geschart hat, ist schwer zu schätzen. Leibwächter und Angehörige seines Clans aus Saudis und Jemeniten ergäben „etwa eine dreistellige Zahl“, meint ein Experte.

General Musharraf versucht, mit einem Mix aus Geduld und Gewalt dem Wunsch der USA zu entsprechen (oder zumindest so zu tun), endlich den Al-Qaida-Boss zu schnappen. Zunächst wurde den paschtunischen Stämmen eine mehrwöchige Frist eingeräumt, bin Laden und weitere Terroristen auszuliefern. Der Erfolg war mager, knapp 60 eher unbedeutende Figuren sollen die Paschtunen übergeben haben. Nun versucht es der pakistanische Diktator mit Gewalt. Rings um Wana, dem Hauptort Süd-Waziristans, zogen Ende Februar Soldaten auf. Hubschrauber kreisten über der Region, Explosionen waren zu hören. Doch Osama bin Laden ließ sich nicht finden.

Das Risiko, auf das sich General Musharraf eingelassen hat, ist enorm. In Waziristan, der nördlich angrenzenden North Western Frontier Province und dem südlich gelegenen Belutschistan dominieren Islamisten. Bei den Wahlen 2002 siegte die Allianz fundamentalistischer Parteien, die Vereinigte Aktionsfront (Muttahida Majlis-e-Amal, MMA), fast überall entlang der Grenze zu Afghanistan.

Musharraf steckt in der Klemme: Die Paschtunen haben in der Wahl demonstriert, dass sie ihre Solidarität mit den aus Afghanistan geflohenen (zumeist paschtunischen) Taliban nicht aufgeben. Die in der MMA vertretene Partei Jamaat-e-Islami protestiert denn auch heftig gegen die jüngsten Militäraktionen in Waziristan. Und schon im Dezember 2003 entging Musharraf nur knapp zwei Attentaten. Außerdem ist der pakistanische Geheimdienst ISI durchsetzt von Islamisten, die bin Laden vermutlich warnen. Andererseits erhöht die US-Regierung den Druck auf den General, bin Laden zu liefern. „George Bush will im November wiedergewählt werden und braucht einen Erfolg“, vermutet ein Sicherheitsexperte „schon um vom Irak-Desaster abzulenken.“

Treffer bei der Suche nach Al-Qaida-Anführern konnten Pakistans Sicherheitskräfte nur weit entfernt von der Grenze zu Afghanistan erzielen. In der östlichen Großstadt Faisalabad wurde Abu Zubaydah überwältigt, in der südlichen Hafenmetropole Karachi war es Ramzi Binalshibh, zentrale Figur der Hamburger Terrorzelle, und im nordöstlichen Rawalpindi ging der Chefplaner des 11. September ins Netz, Khaled Scheich Mohammed. Nach der Festnahme Mohammeds im März 2003 gab es auch Gerüchte, nun sei bin Laden an der Reihe. Sollte es irgendwann so weit sein, hat der „Emir“ offenbar vorgesorgt: Die Leibwache musste angeblich schwören, ihn rechtzeitig zu erschießen. Bin Laden will als Märtyrer ins Paradies.

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