Zeitung Heute : Im Teufelskreis des Mißtrauens

ROBERT RIMSCHA

Das alles und mehr: Es gibt kein bilaterales Verhältnis, das in den kommenden Jahrzehnten wichtiger und prekärer sein wird als das zwischen China und den USA.Kosovo ist nur der erste Krisenfall, dessen Lösung oder eben Nichtlösung von der Zusammenarbeit dieser beiden Großen abhängt.Doch die gegenwärtige Konkurrenz am Rande der Feindschaft ist besorgniserregend.

China, das sind 1,3 Milliarden Menschen - und das ist ein Land, das in einer Generation die größte Volkswirtschaft der Welt haben könnte.Zu groß zum Isolieren, zu fremd zum Integrieren - dies sind die Leitplanken rechts und links des Turnierplatzes.Auf diesem ging es, was sportlichen und weniger sportlichen Wettbewerb angeht, zuletzt Schlag auf Schlag.Aus US-Sicht ist Peking der Spielverderber, der die Unterdrückung von Dissidenten und in Tibet verschärft, Taiwan bedroht und sich den internationalen Handelsregeln widersetzt.Dazu kommt, was eine Handvoll konservativer Publizisten und Politiker als Lieblings-Kritik an China vorträgt: Christenverfolgung.

In Peking sieht man den Beschwerde-Strauß und versteht die Welt nicht mehr.Amerika will Angst vor China haben, einem Land, das kaum zwei Dutzend Interkontinentalraketen hat? Der Spionagefall des Jahrhunderts wird Peking angelastet, aber gegen den betroffenen Physiker, der vom Forschungszentrum Los Alamos gefeuert wurde, ist keine Anklage erhoben worden.Peking habe die Neutronenbombe und die Mini-Atombombe gestohlen, aber gleichzeitig räumt das Pentagon ein, daß kein einziges existentes chinesisches Waffensystem auf Früchten des angeblichen Diebstahls beruht.Die letzten US-Wahlen soll China manipuliert haben - doch wer glaubt ernsthaft, daß eine Weltmacht die andere mit ein paar hunderttausend Dollar zu unterwandern trachtet? Und war es nicht die Clinton-Regierung, die gerade den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO verhindert hat, nur weil Chinafreundliches derzeit in den USA innenpolitisch nicht durchsetzbar ist? Aus Pekings Sicht ist klar: Im Kontext ist die Bombardierung der Botschaft in Belgrad so etwas wie die arrogante Unterschrift unter eine Feindschaftserklärung.

Die Demonstrationen ebben ab, doch die Hardliner beidseits des Pazifiks bleiben.In den USA sitzen sie in der Regierung.Auf das Ausschlachten nationalistisch motivierten Protestwillens hat Amerika freilich kein Exklusivrecht.Peking hat gerade sein entsprechendes Gesellenstück abgeliefert.Zerborstene Botschafts-Fenster sind indes nicht der wahre Preis, den die Welt für das Aufplustern in Peking und Washington zahlt.Auf der Liste möglicher Opfer stehen Chinas zarte Freiheitspflänzchen, Taiwans Sicherheit und die Effektivität der UNO.Eine Eiszeit zwischen Washington und Peking birgt enorme Gefahren - Gefahren, die Politiker in den USA in dem Maße unterschätzen, wie der Ruf nach einer Eindämmung Chinas populärer wird.Amerika ist im Vorwahlstadium, und da ist es höchst unwahrscheinlich, daß Anti-China-Tiraden aus der Mode geraten.Pekings Führung kommt unter enormen innenpolitischen Druck von Linksideologen.Patriotische Aufrufe, den überheblichen Gegenspieler in die Schranken zu weisen, werden in beiden Hauptstädten belohnt.Anzeichen, daß dies sich ändern könnte, fehlen weitgehend.Damit ist eine Eskalation des Mißtrauens vorgezeichnet.Nur politischer Wille kann eine amerikanisch-chinesische Eiszeit verhindern.Wer soll solchen Willen aufbringen, wenn er im jeweils eigenen Land selbstmörderisch ist?

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