Zeitung Heute : Im Trainingsanzug durch Moabit

Diese Gegend müsste eigentlich gefragt sein: zentrale Lage, günstige Altbauten, ringsum Wasser. Doch bekannt ist sie für Gericht und Gefängnis – ohne das Böse wäre hier gar nichts los. Berliner Expeditionen, Teil 5: Moabit.

Harald Martenstein

Früher ist Moabit natürlich ein wichtiges Industriegebiet gewesen, mit der typischen Berliner Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Backsteinpaläste, in denen die AEG oder Borsig regierten, drumherum Mietshäuser und Häfen, ein paar Kasernen, Gerichte, drei Gefängnisse. Sozusagen für jeden etwas.

Das ist, bis auf das große Untersuchungsgefängnis und das Gericht, fast alles zusammengebrochen oder hat dichtgemacht. Jetzt stehen überall die Backsteinpaläste herum wie Fragezeichen.

Die vorerst letzte industrielle Großtat, die in Moabit geschah, hatte, logisch, mit der Verlangsamung zu tun. Es war die Erfindung des „Moabiter Kissens“. Das Moabiter Kissen ist eine acht Zentimeter hohe Delle im Straßenpflaster, die kaum auffällt, vielleicht sogar hübsch wirkt, aber die Autofahrer zu Schritttempo zwingt, sonst fliegt ihnen ihr Motor um die Ohren. Seit den 80er Jahren wird Moabit mit Moabiter Kissen zugedeckt. Weil diese Erfindung sich bewährt hat, findet sie auch in anderen Bezirken und Städten Verwendung, dort aber unter der Bezeichnung „Berliner Kissen“. Der Name Moabit könnte im Bewusstsein der Deutschen für „Verkehrsberuhigung“ stehen. Stattdessen steht er für Knast. Moabit hat eben einfach kein Glück, und zwar schon seit etwa 80 Jahren.

In Moabit oder an der Grenze zu Moabit befinden sich das Kanzleramt, das Innenministerium und der Hauptbahnhof, über 300 Ateliers von Künstlern, darunter Olafur Eliasson und Katharina Grosse, dazu einige der interessantesten Berliner Museen, zum Beispiel der Hamburger Bahnhof mit der Sammlung Flick. Moabit ist eine Insel, vollständig von Wasser umgeben. Wenn man läuft, stößt man immer schnell an das lauschige Ufer der Spree oder irgendeines Kanals, 25 Brücken führen aus Moabit hinaus. Moabit liegt so zentral, dass man innerhalb einer halben Stunde fast jedes wichtige Berliner Ziel erreichen kann. Moabit hat schöne Altbauten. In jeder anderen Hauptstadt der Welt wäre Moabit ein Viertel der Reichen.

Aber wir sind in Berlin. Moabit, das zum Bezirk Mitte gehört, ist wohl eher eine Art soziales Katastrophengebiet.

Bei allen nennenswerten Sozialdaten – Arbeitslosigkeit, Durchschnittseinkommen, durchschnittliche Lebenserwartung, Kriminalität – befindet sich Moabit in Berlin auf einem der unerfreulichen Plätze. Die Zahlen sind so schlecht, dass Moabit es schafft, den Bezirk Mitte im sogenannten Sozialindex auf den zweitletzten Platz herabzuziehen, vor Neukölln, und dies, obwohl es in Mitte einige andere Viertel gibt, in denen Milch, Honig und Latte macchiato fließen.

In Moabit, sagt Jutta Schauer-Oldenburg, sei neuerdings sogar die Tuberkulose auf dem Vormarsch. Tuberkulose, Krankheit der Armen. Wo es schlechte Ernährung gibt und mangelnde Hygiene, dort gibt es eben auch Tuberkulose. Jutta Oldenburg nennt ihr Viertel den „Hinterhof der Macht“, weil die Bundeskanzlerin und das Parlament um die Ecke residieren. Sie ist eine sehr temperamentvolle Dame um die 70, sitzt für die Grünen im Bezirksparlament und war 37 Jahre lang Krankenschwester in Moabit, seit 1980 wohnt sie in der Turmstraße. Damals hat es noch eine ziemlich intakte Struktur in der Turmstraße gegeben, mit netten kleinen Geschäften. Der blutjunge Farin Urlaub, ein Turmstraßenkind mit alleinerziehender Mutter, lernte 1980 im Ballhaus Spandau einen Typen kennen, der sich Bela B. nannte und mit dem er später die Band „Die Ärzte“ gründete.

Heute besteht die Turmstraße vor allem aus Billigläden und Schnellimbissen. Das Krankenhaus Moabit, 1200 Arbeitsplätze, einer der wichtigsten und zugleich einer der letzten nennenswerten Arbeitgeber, wurde 2001 dichtgemacht, im Rahmen der Neuordnung der Berliner Krankenhauslandschaft. Das hing mit der Wiedervereinigung zusammen.

Der Niedergang von Moabit hat überhaupt mit der Teilung Berlins zu tun. Moabit war immer auf der Verliererseite. Als die Mauer gebaut wurde, lag Moabit am Rand, im Schatten der Mauer. Kurz vor dem Mauerfall schien es festzustehen, dass in großem Umfang Sanierungsgelder nach Moabit fließen. Daraus wurde aber nichts, weil ab 1990 erst mal die östlichen Stadtteile saniert werden mussten. Während Prenzlauer Berg und Pankow erblühten, verfiel Moabit weiter. Der Name Moabit könnte von „Moorgebiet“ kommen, in Berlin wird das ja „Moarjebiet“ ausgesprochen, oder von „Terre maudite“, verfluchtes Land. Die ersten Siedler waren französische Hugenotten, Migranten sozusagen.

Jutta Oldenburg sagt, dass heutige Migrantenfamilien, die es wirtschaftlich geschafft haben, der neue türkische Mittelstand, aus Moabit wegziehen, vor allem nach Lichtenrade. Wir sitzen in der Kneipe „Walhalla“, die aussieht wie ein Museum der 70er Jahre, was, bitte sehr, nicht abwertend gemeint ist. Walhalla, so würde heute niemand mehr eine Kneipe nennen, das klingt heute viel zu sehr nach Rechtsradikalentreffpunkt, und das Walhalla ist eher das Gegenteil.

Ein oder zwei Ecken weiter liegt die Buchkantine, Buchladen mit Kaffeehaus. Die Buchkantine ist Gegenwart und könnte sich auch ohne weiteres in der Alten Schönhauser oder in der Oranienstraße befinden. So etwas ist in Moabit selten, es gibt hier erstaunlicherweise fast nichts, was nach „Szene“ aussieht. Ein stadtsoziologisches Gesetz besagt, dass die, in Anbetracht ihrer Lage, zu billigen Wohnviertel irgendwann von der studentischen Boheme erobert werden, so wie es in Friedrichshain geschehen ist. Auf die alten Armen folgen also die jungen, kreativen Armen, dann übernimmt meist das Bürgertum das Viertel. Aber in Moabit funktioniert diese Mechanik bisher nicht, von Moabit will die Szene einfach nichts wissen.

Moabit besitzt eine Markthalle, die, wie Altmoabiter erzählen, früher bezaubernd gewesen ist, heute wirkt sie mit ihren Filialen von Drogerie- und Lebensmittelketten ein bisschen trostlos. Von den einst drei Gefängnissen ist nur noch eines aktiv, die weltberühmte Justizvollzugsanstalt für Untersuchungshäftlinge, männlich. Offiziell bietet die JVA ihren Gästen etwa 1100 Plätze, davon 27 Spezialplätze für Terrorismusverdächtige. Dieses Etablissement, gegründet 1849, ist immer überbelegt, wenigstens hier herrscht in Moabit Hochkonjunktur. Das Amtsgericht Tiergarten in der Wilsnacker Straße ist womöglich sogar das schönste neu erbaute Justizgebäude der Welt. Ein Gericht mit Erkern und einem Turm, der wie ein Minarett aussieht oder wie ein Schinkel-Zitat, ein Schloss Neuschwanstein der Kriminalität. Wenn man schon verknackt werden muss , dann bitte in Moabit. Und wenn überhaupt mal ein Prominenter in Moabit Wohnung genommen hat, dann unfreiwillig und im Gefängnis, zum Beispiel Ernst Thälmann und Erich Honecker. Halt, nein, Kurt Tucholsky war Langzeitmoabiter auf freiem Fuß, Lübecker Straße 13.

Außerdem brummt natürlich, wenn man von Arbeitsplätzen spricht, das Gericht, größtes Gerichtsgebäude Europas angeblich, 1500 relativ krisenfeste Jobs, davon allein 350 für Staatsanwälte. Man kann sagen, dass, wenn eines Tages das Böse aus der Welt verschwindet, wenn, wie es in der Bibel heißt, die Löwen sich zu Schafen legen und keiner keinem mehr etwas tut, Moabit auch wieder zu den Verlierern gehört, denn dann schließen die beiden letzten Großbetriebe.

In der Bugenhagenstraße befindet sich der „Warme Otto“, eine Tagesstätte für Obdachlose, die so heißt, weil sie früher in der Ottostraße lag. Die Fixerstube ist übrigens in der Birkenstraße. Und In der Lehrter 27 öffnet montags um 15 Uhr der Betroffenenladen für Sanierungsopfer, genannt „B-laden“. So ist Moabit überzogen von einem Netz der sozialen Projekte, der staatlichen oder privaten Hilfsangebote, die das Grundproblem von Moabit selbstverständlich nur lindern können.

Jutta Oldenburg entscheidet als „Quartiersrätin“ mit darüber, welche Projekte gefördert werden und welche nicht. Gibt es eine Maßnahme, irgendeine, die in Moabit ziemlich schnell etwas Positives bewirken würde? Sie überlegt, dann sagt sie: „Man müsste den Besuch von Kindertagesstätten oder mindestens Kindergärten verpflichtend machen wie den Schulbesuch.“ Sie dürfe das als Grüne eigentlich nicht sagen, im Grunde sei sie gegen staatlichen Zwang, aber in diesem Fall mache sie eine Ausnahme. Auf diese Weise würden die Kinder der Einwanderer, wenn sie in die Schule kommen, immerhin Deutsch sprechen. In Moabit leben viele Türken und viele Araber, es gibt rivalisierende Banden, zwischen beiden Gruppen herrscht nicht immer Harmonie. An der Huttenstraße im Beusselkiez hat sich ein arabisches Viertel entwickelt.

Wer in Moabit nach Signalen des Aufschwungs sucht, sollte das „Meilenwerk“ in der Wiebestraße besuchen. In einem früheren Straßenbahndepot stehen fast 100 blank polierte Oldtimer, wie im Automuseum. Aber dies hier ist kein Museum, sondern eine Garage, bei der die Autobesitzer der Ansicht sind, dass ihre Fahrzeuge zu schön sind, um im Verborgenen auf ihre seltenen Einsätze zu warten. Etwa 30 Betriebe, die mit alten oder neuen Autos zu tun haben, Restaurants, 200 Veranstaltungen jährlich, elf Millionen Euro Investitionssumme, das klingt alles gut und sieht auch gut aus. Einige der alten Autos sind zu verkaufen, für 20 000 Euro kriegt man schon was sehr Ordentliches, vielleicht einen großen Benz, 50er Jahre, mit neuen Polstern und blitzenden Stoßstangen.

Das Meilenwerk ist typisch postindustriell, hier wird nicht produziert, hier wird Geld abgeschöpft, das man erst einmal verdient haben muss, auf eine geheimnisvolle Weise, die von der Moabiter Ureinwohnerschaft sicher nicht viele begreifen. Man muss nicht weit laufen bis zu den Eckkneipen, in denen die ehemalige Arbeiterklasse – alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will! – bei Bier und Zigaretten versucht, sich an ihre Hoffnungen zu erinnern. Es sind Männer von vielleicht 60, deren körperlichem Verfall man, wie ein Freund sagt, von Jahr zu Jahr verfolgen kann, weil sie immer auf den gleichen Bänken und in den gleichen Kneipen sitzen. Vor zehn Jahren dachten sie sicher noch, dass sie eine Zukunft haben.

Es gab einmal ein Gebiet, das West-Berlin hieß. Zu seinen Besonderheiten gehörte es, dass man dort nichts darstellen musste. West-Berlin hatte keine nennenswerte Society, keine wirkliche Schickeria, es war ein Ort ohne große Ambitionen, ein Ort der kleinen Leute. Arbeit gab es nur, weil sie subventioniert wurde. Karrieren wurden anderswo gemacht. Begriffe wie Image oder Lifestyle zählten nicht viel. West-Berlin war die Stadt, in der man fast überall im Trainingsanzug hingehen konnte, ohne unangenehm aufzufallen. Auch das ist eine Art Freiheit.

Wenn man heute mit überzeugten Moabitern über Moabit redet, leuchtet etwas von diesem alten West-Berlin-Gefühl auf. Moabit ist ein verarmter Rest von West-Berlin, ein West-Berlin ohne subventionierte Arbeit. Die aufgeregten Ego-Artisten von Berlin-Mitte sind weit weg, die Zeit steht still, niemand muss niemandem etwas beweisen, und fast überall kann man Trainingsanzug tragen.

Das ist vielleicht, trotz allem, das Schöne daran.

In der Buchkantine warten Bea und Bernd, die nicht wollen, dass ihr wahrer Name in der Zeitung steht. Sie Sinologin, er Ingenieur. Sie haben sich in Moabit, Lehrter Straße, eine Wohnung gekauft. 150 Quadratmeter, prächtiger Altbau, 1000 Euro pro Quadratmeter. Unglaublich billig. Ruhig. Fußweg zum Hauptbahnhof. „Kein Rotlichtmilieu, keine Drogen“, so beschreiben sie ihren Kiez, als könnten sie es immer noch nicht glauben, und breiten eine Karte aus, auf der sie die Parks und die Sportplätze und die Galerien in der Umgebung zeigen.

Sie wollten eigentlich gar nicht nach Moabit. „Kein Mensch will nach Moabit“, sagt Bea. Es war Zufall, diese tolle Wohnung, so billig, und jetzt glauben sie an das Viertel, in den nächsten Jahren soll am Hauptbahnhof ja unglaublich viel gebaut werden, auch eine neue Joggingstrecke und ein Spaßbad befinden sich in Planung. Der Bahnhof muss ganz einfach die Wende bringen, es sei denn, auf Moabit ruht, wie ja schon die Hugenotten vermuteten, tatsächlich ein Fluch.

Martensteins Expeditionen in Berliner Ortsteile erscheinen in loser Folge.

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