Zeitung Heute : Im ungelobten Land

Sie sind 20 000 – die größte jüdische Gemeinde im Nahen Osten außerhalb Israels. Ihr Präsident stellt den Holocaust infrage und spricht Israel das Existenzrecht ab. Vom Leben der Juden in der Islamischen Republik Iran

Andrea Nüsse[Teheran]

Arasch Abaie läuft eilig die kleine Straße im Norden Teherans entlang. Es ist sechs Uhr morgens und noch dunkel, die Straßenlaternen brennen, und ein kalter Wind weht um die Häuser. Arasch Abaie könnte auf dem Weg zur Arbeit sein. Er trägt eine beigefarbene Windjacke und eine dunkle Hose, auf dem Bürgersteig am Ende der Straße kommt ihm ein anderer Mann entgegen. Plötzlich biegen beide in einen Hof ein. Abaie zieht die Haustür eines unscheinbaren Gebäudes auf – dahinter öffnet sich überraschend ein festlicher Saal mit vielen Sitzreihen und Kristallleuchtern. Die gegenüberliegende Wand schmücken persische Fayencearbeiten mit Blumenmustern in Blau, Weiß und Gelb. Sie umschließen eine Schrift in Goldbuchstaben. Es ist kein Farsi. Es ist Hebräisch.

Abaie, 36 Jahre alt, Ingenieur, hüllt sich in seinen weiß-blauen Gebetsschal und bindet den Gebetsriemen um den Unterarm. Er leitet an diesem Tag den morgendlichen Gottesdienst in der Jussuf-Abadi-Synagoge.

Die etwa 50 Gläubigen, ältere Männer, beten auf Hebräisch, das Wort Israel schallt mehrfach durch das Gotteshaus mitten in der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran, deren Präsident Mahmud Ahmadinedschad regelmäßig in Hasstiraden gegen jenen 1500 Kilometer entfernten Staat ausbricht, der in wenigen Tagen den 60. Jahrestag seiner Gründung feiert. Mit der Infragestellung des Holocausts provoziert Ahmadinedschad die Weltgemeinschaft seit Jahren. Für ihn hat Israel kein Recht zu existieren.

Und dennoch ist die jüdische Gemeinde im Iran die größte in der Region außerhalb Israels, sie umfasst rund 20 000 Menschen. Abaie hat eine Erklärung für diesen Widerspruch. „Wir bemühen uns seit Jahrzehnten zu beweisen, dass Zionismus und Judaismus zwei verschiedene Dinge sind“ – also der Unterschied zwischen dem jüdischen Bestreben nach dem eigenen Land und dem jüdischen Glauben. „Auch die Regierung der Islamischen Republik, seit den Tagen Ajatollah Khomeinis, differenziert hier genau.“

Wahrscheinlich muss Arasch Abaie das so sagen. Muss eine klare Trennlinie ziehen zwischen Religion und Politik. Muss sich öffentlich von Israel und seiner Politik gegenüber den palästinensischen Muslimen abgrenzen. Auch das nächste Argument hört sich an wie aus dem Repertoire des Regimes: „Die iranischen Juden sind anders als Juden in anderen Ländern: Wir sind hier seit 2500 Jahren und haben uns wenig mit Juden aus anderen Ländern gemischt: Wir sind zunächst Iraner und dann Juden.“ So können die Juden weiter relativ unbehelligt ihrem Glauben nachgehen. Wie es der Koran vorschreibt, sind die Juden offiziell als religiöse Gemeinschaft anerkannt – im Gegensatz zu den Bahai, der größten religiösen Minderheit im Iran. Und so gibt es allein in Teheran mehrere Synagogen, die Jussuf-Abadi-Synagoge ist die größte. Die Gemeinde führt in der Hauptstadt ein Krankenhaus, ein Altersheim und eine Schule. Es gibt sechs koschere Fleischereien und etliche koschere Restaurants.

Zweifellos ist seit der Revolution die Feindseligkeit gegenüber Israel eine Konstante in der Politik der Islamischen Republik – möglicherweise auch vor dem Hintergrund, dass das verhasste iranische Schah-Regime eng mit Israel kooperiert hatte. Dabei geht die Geschichte der Juden in Persien auf biblische Zeiten zurück. Nachdem der babylonische König Nebukadnezar II. im Jahr 598 vor Christus Jerusalem erobert hatte, wurde ein Großteil der jüdischen Oberschicht nach Babylon gebracht, also auf das heutige Staatsgebiet von Iran und Irak.

Es ist eine fragile Normalität. Arasch Abaie und die anderen Gläubigen, die am Morgen zum Gebet in die Jussuf-Abadi- Moschee kommen, setzen ihre Kippa erst in der Synagoge auf. Zurzeit darf Abaie nicht einmal mehr öffentlich für seinen jüdischen Religionsunterricht werben. Die Gemeinde ist verunsichert. Im Jahr 2000 waren dreizehn Juden und acht Muslime aus Schiras wegen angeblicher Spionage für Israel angeklagt worden, zehn wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, das wirkt noch nach. Selbst bei dem optimistischen Abaie klingt durch, dass die Iraner wohl manchmal doch nicht so große Unterschiede machen zwischen einheimischen Juden und israelischen Zionisten, vor allem wenn im Fernsehen wieder Bilder von israelischen Soldaten gezeigt wurden, die in Palästina alte Männer und Kinder malträtieren. Und dass es schmerzt, wenn – wie beim Freitagsgebet in Isfahan – Plakate mit dem Spruch „Nieder mit Israel“ aufgestellt werden.

Ein anderes Gemeindemitglied, das nicht namentlich genannt werden will, gibt zu, dass man Israel natürlich liebe. Dass man natürlich in Richtung Jerusalem bete. „Aus pragmatischen Gründen mischen wir uns aber nicht in die Politik ein“, sagt dieser Mann. Aber man habe ja nur zwei Möglichkeiten: „Akzeptieren oder auswandern.“ Wie jeder andere nichtjüdische Iraner übrigens auch, fügt er hinzu.

Viele haben die Auswanderung gewählt. Nach der Gründung Israels 1948 hatten Zehntausende der ursprünglich etwa 140 000 Juden den Iran verlassen. 1979 zählte die Gemeinde noch 80 000 Mitglieder, seitdem sind noch einmal rund 60 000 ausgewandert. In Israel wurde die Ankunft der Iraner propagandistisch ausgeschlachtet – die Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Iran distanzierten sich davon. Eine gravierendere Folge der fortdauernden Auswanderung allerdings ist eine anders zusammengesetzte Gemeinde: „Intellektuelle und Wissenschaftler verlassen das Land“, sagt Arasch Abaie.

Wer im Iran bleibt und alt wird, kann in Teheran in einem jüdischen Altersheim unterkommen. Um einen großen Garten herum stehen flache Bungalows. Eine alte Frau sitzt auf einem Stuhl in der Sonne und grüßt die Besucher mit einem lauten „Schalom“. In der Küche hieven zwei Frauen große Kochtöpfe auf den Herd. Fleischiges und Milchiges wird hier nie in den gleichen Töpfen gekocht, eine Grundregel der koscheren Küche. Dabei sind derzeit nur 30 der 70 Bewohner des Altersheims, das als eines der besten der Stadt gilt, Juden. Die anderen sind Muslime. Der Leiter der Anstalt, der 72-jährige Gad Naim, ist seit 26 Jahren dabei und stolz auf den „Dialog der Religionen“ in seinem Haus.

Auch Maurice Motamed, ein attraktiver Mann mit blauen Augen und grauem Haar, hat nie ans Auswandern gedacht. Vielmehr hat er die jüdische Bevölkerung acht Jahre lang als Abgeordneter im Parlament vertreten. Dort sind fünf der 290 Sitze für Minderheiten reserviert: zwei für christliche Armenier und jeweils einer für Juden, Assyrer und Zorastrier.

Motamed hatte in den letzten Jahren unter Präsident Ahmadinedschad wohl einen der schwierigsten Jobs im Iran. Es war vor allem er gewesen, der die Interessen der iranischen Juden verteidigt hatte, als Ahmadinedschad 2005 erstmals den Holocaust infrage gestellt und dessen „Instrumentalisierung“ kritisiert hatte. Maurice Motamed hat damals sofort eine Pressekonferenz organisiert, in der er es bedauerte, „ dass der Präsident diese große Katastrophe leugnet“. Das sei eine „große Beleidigung aller Juden“ gewesen, sagt er.

Der damalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Teheran, der in einem Brief an Ahmadinedschad ebenfalls gegen dessen Äußerungen protestiert hatte, soll derart unter Druck geraten sein, dass er sein Amt niederlegen musste. Für ihn selbst, sagt Maurice Motamed, habe seine Kritik jedoch keine negativen Folgen gehabt: „Ich bin noch hier“, sagt er, lacht und gießt Tee nach.

Bei der jüngsten Parlamentswahl ist er allerdings nicht noch einmal angetreten. Angeblich wünscht er sich mehr Zeit für die Familie.

Andererseits, so erzählen die Teheraner Juden, habe man zusammen mit den Vertretern anderer Minderheiten mittlerweile einiges an rechtlicher Gleichstellung erreicht: So wurde die Praxis beendet, dass Muslime bei einem Unfall oder Verbrechen mehr Blutgeld einfordern können als Christen oder Juden; das Blutgeld ist eine Art finanzieller Ausgleich für erlittenes Unrecht. Beim Erben wurden Kinder aller Religionen gleichgestellt – zuvor hatte ein jüdisches Kind, das zum Islam konvertiert war, das gesamte Vermögen der Eltern geerbt, während beim jüdischen Glauben gebliebene Geschwister leer ausgingen. Auch bei Verwandtenbesuchen in Israel sind die iranischen Behörden toleranter geworden. Früher wurden nach der Rückkehr noch die Pässe eingezogen und die Reisenden vernommen.

Beim koscheren Metzger, einige Querstraßen von der Synagoge entfernt, wird unter einem Porträt von Khomeini und einem von Moses eifrig gearbeitet. Hähnchenbestellungen müssen raus. Ein Mann mit Kippa auf dem Kopf holt ein Hackmesser. Der Chef sitzt in der Ecke. Er hat hier vor 30 Jahren als Laufbursche angefangen und sich hochgearbeitet. Er trägt keine Kippa. Er heißt Adel. Er ist Muslim.

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