Zeitung Heute : „I’m very glad to have you here. I mean, I mean it, I really mean it.“

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Die Amerikaner, sagt Kommunikationstrainerin Gabriele Schlegel, seien uns im Prinzip in ihrem Verhalten ebenso fremd wie Asiaten. Sie muss es wissen – die „hauptberufliche“ Diplomatenfrau hat jahrelang nicht nur Dinner ausgerichtet, sondern ehrenamtlich am Medical Center der Georgetown University in Washington gearbeitet und später in Singapur gewohnt. Jetzt lebt Gabriele Schlegel in Bonn und unterrichtet deutsche Unternehmer darin, wie man am besten mit Amerikanern umgeht. Einige der wenigen Gemeinsamkeiten zwischen den Völkern sei übrigens die ähnliche Distanzzone zwischen zwei Menschen, meint Schlegel. Die betrage in etwa eine Armlänge. Im Herbst erscheint ihr Buch „Doing Business in the USA“ im Hanser Verlag. Informationen im Internet: www.businessbehaviour.de

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KEEP SMILING

Lächeln, lächeln, lächeln – das sei im Umgang mit Amerikanern oberstes Gesetz, sagt Schlegel. Sie selbst habe man sehr oft gefragt, warum die Deutschen immer so missmutig seien. In den USA gelte: Je einflussreicher die Person, je höher sie in einer Firmenhierarchie stehe, desto freundlicher, offener und lässiger gehe sie mit ihren Mitarbeitern um. Für Deutsche sei ein Dauerlächeln nicht unbedingt ein Zeichen für Seriosität, sagt Schlegel, für uns sei eher ein ernster Gesichtsausdruck ein Hinweis darauf. Und schon ist das Missverständnis perfekt.

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RITTER DER KOKOSNUSS

Um ihren Seminarteilnehmern zu verdeutlichen, wie unterschiedlich Amerikaner und Deutsche mit ihrer jeweiligen Privatsphäre umgehen, hat sich die Kommunikationstrainerin gemeinsam mit einer Kollegin eine eingängige Obstmetapher ausgedacht: die Pfirsich-Kokosnuss-Metapher. Dabei sind die Amerikaner sozusagen Pfirsiche (leichter Zugang, kleiner, harter, sehr privater Kern) und die Deutschen Kokosnüsse (sehr schwerer Zugang, aber ist die harte Schale erst durchbrochen, teilen sie ihre Privatsphäre im großen Stil). In der Konsequenz bedeute das: Deutsche halten Amerikaner zwar für freundlich und flexibel, aber auch für oberflächlich und wenig ernsthaft, während Amerikaner glauben, wir Kokosnüsse seien unnahbar, steif, hart und unhöflich. „Wohnungen und Autos werden in den USA rasch an andere verliehen – ohne, dass man daraus schließen kann, jetzt besonders eng mit dem Verleiher befreundet zu sein“, erklärt Gabriele Schlegel. Ein privates Schwätzchen unter Kollegen – sei es über die ungezogenen Kinder oder die kranke Mutter – werde in den USA zwar toleriert, aber Bemerkungen und Witze über sexuelle oder ethnische Themen seien nabsolut tabu. Echte Probleme diskutiere man sowieso nur mit den allerintimsten Freunden.

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WIE HABEN DIE LAKERS GESPIELT?

Was dagegen als Smalltalkthema immer ankommt: Sport. Jeder Amerikaner, der eine Highschool oder Universität besucht hat, habe früh gelernt, sich für das eigene Schulteam zu begeistern, sagt die Kommunikationstrainerin. Die besten Universitäten könnten auch die größten sportlichen Erfolge verbuchen – Amerikanische Eliteunis kaufen gute Sportler von anderen Unis ein. Selbst bei der Bewerbung in einem Unternehmen könne die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Team von entscheidender Bedeutung sein, sagt Gabriele Schlegel: „Darüber hinaus gelten Mannschaftsmitglieder als zuverlässige Mitarbeiter, die nicht bei jeder Erkältung gleich zu Hause bleiben und gemeinsam für den Erfolg zu kämpfen gelernt haben. Sie können sich einordnen.“

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SITZEN SIE BEQUEM?

Während man sich in Deutschland während Konferenzen um Haltung und den letzten Schluck Kaffee aus der Thermoskanne bemühen müsse, säßen amerikanische Geschäftsleute während ihrer Meetings mit einem Pappbecher voller Kaffee Latte eher entspannt, hat Gabriele Schlegel beobachtet. Übertreiben solle man es nicht, aber es seinem Gegenüber gleich zu tun, könne als ein Zeichen für wohlwollende Übereinkunft gewertet werden. Und die lautet: Trotz entspannter Sitzhaltung nehmen wir uns und unser Meeting sehr ernst. In den USA ebenfalls verbreitet ist das rechtzeitige Einnehmen so genannter „Power Seats“ – wer etwas auf sich hält, kommt frühzeitig zum Treffen, findet heraus, wo die wichtigste Person sitzt und nimmt in unmittelbarer Nähe zu ihm Platz.

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GERD, COULD YOU PLEASE…

Viele Amerikaner sind schnell mit dem „du“. Sie haben ja auch nur das „you“ – eine typische interkulturelle Falle. Also: Gabriele Schlegel stellt fest, dass das amerikanische „du“ in Kombination mit dem Vornamen rein gar nichts mit unserem vertraulichen Duzen zu tun hat. Im Gegenteil – der Gebrauch dieser Konstruktion sei unter Amerikanern eine Geste der Höflichkeit, sogar ein Mittel zur Steigerung der Effizienz. Weil das Mr. oder Mrs. und die damit einhergehende Distanz wegfällt.

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TISCHMANIEREN TOLERIEREN

Deutsche schneiden mit dem Messer ein Stück Steak ab und transportieren es mit der Gabel in den Mund, bevor sie sich das nächste Stück vornehmen. Für Amerikaner sieht diese Taktik ungewohnt aus: Die nämlich schneiden zuerst alles klein, legen dann das Messer zur Seite, lassen (jedenfalls Rechtshänder) den linken Arm unter den Tisch fallen und schaufeln sich mit der rechten Hand alles rein. Für Amerikaner ganz normal, für uns ziemlich unmanierlich.

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FLOSKELN BEHERRSCHEN

Das ist einfach, weil es auf Floskeln nur zwei Antwort gibt. „Good“ oder „Thank you“. Wer auf die Nicht-Frage „How are you today“ antwortet: „Eigentlich ganz gut, aber heute morgen ist mir die Kaffeemaschine um die Ohren geflogen, und die Katze hat Filz“, der hat nichts begriffen. Eine Floskel will nur anzeigen, dass einer gemerkt hat, dass der andere in dessen Gesichtsfeld aufgetaucht ist. Schlegel rät dem Kanzler daher, bei der Begrüßung des US-Präsidenten eine besonders freundliche Formulierung zu wählen und dieser durch die Aussage, es auch wirklich so zu meinen, noch mehr Gewicht zu verleihen. Den Amerikanern sei bewusst, dass die Deutschen über die Sinnlosigkeit dieser Floskeln lächeln.

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KLEIDERORDNUNG RESPEKTIEREN

Dass es den „Casual Friday“ – also die Sitte, dass man freitags nicht ganz so offiziell gekleidet zur Arbeit erscheint wie den Rest der Woche – in Amerika fast nicht mehr gibt, findet Gabriele Schlegel okay. „Das war nicht effizient“, sagt sie. Stattdessen weist Schlegel auf die gnadenlose Strumpfhosenpflicht für Frauen hin. Nackte Beine gehen auch im Hochsommer nicht. Schon allein wegen der unerbittlichen Klimaanlagen, die dann Büros in Kühlhäuser verwandeln.

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HILFSBEREIT SEIN

Was als grundsätzliche Regel für den Umgang mit Menschen gelten sollte, gilt für Amerikaner im besonderen. „Respekt“ ist deswegen eines der wichtigsten Worte im transkontinentalen Vokabular. „Do you need a hand“ ist laut Gabriele Schlegel ein Hilfsangebot, das man lächelnd unterbreiten und annehmen darf.

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LOCKER BLEIBEN

Ein Gesichtskrampf – ausgelöst durch verkrampftes Dauerlächeln – könne nicht das Ziel interkultureller Kommunikation sein, glaubt die Expertin. Daher ihr Rat: „Stellen Sie sich auf die lokalen Gegebenheiten ein. Schulen Sie Ihre Wahrnehmung für Fremdes; bringen Sie Geduld und Ausdauer mit, statt fremdes Verhalten lediglich zu kopieren. Amerika hat rund 280 Millionen Einwohner. Und jeder ist anders.“

Aufgezeichnet von Esther Kogelboom

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