Zeitung Heute : Im Visier des Bundeskartellamtes

Die Behörde überprüft die Preispolitik von zwei marktbeherrschenden Stromkonzernen. Eine Übersicht über die Entwicklung des deutschen Marktes

Dietmar Dürr

Im Gefolge des Ölpreisschocks sind auch die Strompreise ins Visier geraten. Das Bundeskartellamt geht Vermutungen von Industrieunternehmen nach, wonach zwei große Stromkonzerne ihre marktbeherrschende Stellung missbrauchen, um als Vorwand des CO2-Emissionshandels die Strompreise zu erhöhen. Obwohl die CO2-Zertifikate kostenlos zugeteilt worden seien, würden sie zum Börsenwert in den Strompreis einkalkuliert.

Der Emissionshandel ist im Januar 2005 gestartet. Seitdem hat sich der Preis einer Tonne Kohlendioxid (CO2) von fünf Euro auf 23 Euro erhöht. Von einer Manipulation des Börsenpreises ist gar die Rede. Die Stromerzeuger wehren sich gegen den Vorwurf: Steigende Brennstoffpreise, gestiegene Nachfrage und knappe CO2-Zertifikate hätten an den europäischen Energiebörsen die Großhandelspreise getrieben.

Die Großhandelspreise bilden die Erzeugungskosten frei Kraftwerk und damit ein Viertel des Strompreises ab. Weitere Preisbestandteile sind Stromtransport, Vertrieb sowie staatliche Lasten (Konzessionsabgaben, Ökosteuer, EEG- und KWK-Umlage, Mehrwertsteuer). Die Stromversorger können die Großhandelspreise nicht eins zu eins weitergeben, solange Lieferverträge laufen. Der Börsenpreis dient aber als Referenz bei Neuverhandlungen. Zur Zeit laufen Lieferverträge aus, die während des Tiefstands der Erzeugungspreise geschlossen wurden. Nach der Liberalisierung 1998 hatten sich die Erzeuger einen Preiswettbewerb um große Abnehmer geliefert und Verträge zu Grenzkosten von 15 bis 25 Euro je Megawattstunde (MWh) abgeschlossen. Die niedrigen Preise haben den Neubau von Kraftwerken und den Markteintritt neuer Wettbewerber verhindert: Um Investitionen in neue Kraftwerke zu gewährleisten, benötigen die Investoren stabile Preissignale von 35 bis 45 Euro/MWh. Bis 2020 müssen aus Altersgründen etwa 40 000 MW Kraftwerkskapazität in Deutschland ersetzt werden, mit geschätzten Kosten von 20 bis 30 Milliarden Euro. Seit 2000 tendieren die Strompreise wieder nach oben und haben 2004/2005 das Preisniveau vor der Liberalisierung erreicht. Die Energieversorger verweisen darauf, dass das überwiegend auf die Ökosteuer und steigende Abgaben für Erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplung zurückzuführen ist.

Seit 2004 haben die internationalen Brennstoffpreise angezogen. Der Preis für Erdgas stieg um 32,5 Prozent; der Preis für Importkohle wegen der weltweit gestiegenen Nachfrage um 16 Euro pro Tonne. Entsprechend sind im ersten Halbjahr 2005 die Großhandelspreise um 29 Prozent in Amsterdam, 27 Prozent in Oslo, 23 Prozent in Paris und 20 Prozent an der EEX in Leipzig gestiegen. Im Januar notierte die Megawattstunde Strom (MWh) zur Lieferung 2006 an der EEX mit 33 Euro, im August waren es 43 Euro. Die Preisbildung wird jedoch angezweifelt: An der EEX würden nur zehn Prozent des Strombedarfs gehandelt, die ermittelten Preise seien nicht repräsentativ. Zum anderen stamme nur ein Drittel der deutschen Stromproduktion aus Erdgas und Steinkohle, während die Preise für Braunkohle und Uran stabil seien. Exakt hier wirkt die Unsicherheit über die CO2-Preisentwicklung. Die CO2-freie Stromproduktion aus Atomkraft steht zur Disposition. Braunkohlekraftwerke emittieren am meisten Kohlendioxid. Bei einem CO2-Preis von 10 Euro/t verteuert sich die Produktion einer Megawattstunde aus Braunkohle um 9,20 Euro, aus Steinkohle um 7,50 Euro und aus Gas um 3,50 Euro. Zusätzliche Preissignale geben drei Faktoren:

1.Wegen hoher Gaspreise in Großbritannien und Ausfall von Wasserkraftwerken in Spanien steigen Stromnachfrage und Preis. Derzeit exportieren die deutschen Erzeuger Strom ins Ausland.

2.Höhere Gaspreise und Nachfrage bedingen den verstärkten Einsatz von CO2-intensiven Kohlekraftwerken. Die Produktion übersteigt die kostenlose CO2-Zuteilung. Zusätzliche Zertifikate müssen zugekauft werden.

3.Wegen der Unsicherheit über Erzeugungs- und CO2-Preise treibt die „Psychologie“ die Preise nach oben.

Dass der CO2-Emissionshandel auf den Strompreis ausstrahlt, liegt in der Absicht seiner Erfinder. Über den CO2-Preis soll die Produktion so gesteuert werden, dass Europa 2012 acht Prozent weniger Kohlendioxid emittiert als 1990, um seine Kyoto-Verpflichtungen zu erfüllen. Bisher liegen die CO2-Preise mit 23 Euro/t über den Prognosen. Im August wurden 800 000 Zertifikate über die EEX gehandelt; das sind 0,16 Prozent des deutschen Gesamtvolumens von 495 Millionen Tonnen CO2. Auf dieser Basis – als mangelnde Liquidität bezeichnet – lassen sich keine Referenzpreise ableiten. Es wird erwartet, dass sich ein belastbarer Preis bildet, wenn die Teilnehmer am Emissionshandel ihre Positionen für 2005 ausgleichen.

Die steigenden Erzeugungs- und CO2-Preise sind eine europäische Entwicklung, zwei nationale Besonderheiten treiben jedoch den deutschen Strompreis. Deutschland liegt sowohl bei der staatlichen Abgabenquote als auch bei den Netznutzungspreisen in der europäischen Spitze.

Lässt sich vor der Wahl eine Prognose wagen, wohin sich die Strompreise bewegen? Die Erzeugungspreise dürften – bei CO2-Preisen um circa zehn bis 12 Euro – dauerhaft auf einem Niveau von 35 bis 45 Euro/MWh bleiben, was die Strompreise um etwa 1,5 bis 2,5 Cent/kWh verteuert. Staatlicherseits ist keine Entlastung zu erwarten. Bei den Netznutzungspreisen ist durch die Bundesnetzagentur, die eine Anreizregulierung einführt, mit etwa 20 bis 30 Prozent sinkenden Entgelten zu rechnen. Bis 2010 dürften die Industriestrompreise leicht steigen, die Haushaltspreise zumindest stabil bleiben.

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