Zeitung Heute : Im Vollblutrausch

40000 Menschen, 12 Millionen Euro Wetteinsatz. Ein fast normales Pferderennen in Singapur

Ingo Wolff[Singapur]

Herr Wu hätte besser auf die Vier setzen sollen. Das Pferd hatte den glänzend sauberen Boden des Paradeplatzes auf der Rennbahn in Singapur mit seinem Mist verziert, und Pferdeäpfel bringen Glück. Aber die Zahl Vier, auf Chinesisch ausgesprochen, klingt wie der Tod. Also hat sich Herr Wu für die Nummer 15 entschieden. Der Hengst hinter dieser Nummer ist am Ende aber leider Letzter geworden – der Tod hat doch gesiegt.

In Singapur sind Pferderennen so beliebt wie in Europa Autorennen oder Fußball. In Kuala Lumpur, Hongkong – und in Japan mittlerweile auch. Überall wo die Briten ihre Spuren als Kolonialherren hinterlassen haben, sind Rennbahnen entstanden. Auch in Australien. Doch besonders dort, wo sie auf die Spielleidenschaft eingewanderter Chinesen wie Herrn Wu treffen , haben Galopprennen einen regelrechten Boom erlebt.

Woche für Woche – oft sogar zweimal – ziehen sie mehrere zehntausende Zuschauer an. An einem großen Renntag wird in Singapur mehr Geld gewettet als in Deutschland in einem Monat auf allen Rennbahnen zusammen. Mehr als 700 Millionen Euro haben die drei Millionen Einwohner des Stadtstaates Singapur im vorigen Jahr insgesamt eingesetzt. 80 Millionen Deutsche setzen rund 100 Millionen Euro pro Jahr.

In Hongkong wetten die Menschen pro Renntag sogar so viel wie die Deutschen in einem Jahr. Dort kam vor einigen Monaten ein Jockey bei einem Ritt ums Leben. Die Fernsehstationen haben daraufhin für zehn Minuten ihre Sendungen unterbrochen, um über das Unglück zu berichten.

In Singapur sind ebenso wie in Hongkong Glücksspiele verboten, und Lotto gibt es auch nicht. An diesem Tag, es ist Sonntag, der 15. Mai und der wichtigste Renntag des Jahres, sind 40000 Menschen da, und es werden mehr als 12 Millionen Euro auf die Pferde gesetzt.

Andrasch Starke ist in Singapur ein Star, nicht ganz so berühmt wie jener Jockey in Hongkong, die Leute können seinen Namen nicht richtig aussprechen. Aber an fast jeder Straßenecke jubelt Starke von einem Plakat den Menschen entgegen, und auf den vielen Videoleinwänden in den Einkaufszentren wirbt sein Jubel für das wichtigste Rennen des Jahres. Starke ist der beste deutsche Jockey, er hat vor einem Jahr eben dieses Rennen, den Singapur Cup, mit dem deutschen Pferd Epalo gewonnen. Der Singapur Cup gehört zur Weltmeisterschaftsserie – einer Art Formel 1 für Galopprennpferde.

69 Mal im Jahr öffnet die Rennbahn Kranji in Singapur ihre Tore. Das Hauptgebäude erinnert an einen Flughafen oder an ein Messezentrum. Sehr modern, mit einem Dach, das mit seiner geschwungenen Form der Kraft und Würde eines Pferdes in Bewegung nachempfunden sein soll. Auf drei Stockwerken ist die Tribüne mit einer Glaswand verschlossen. Tausende Besucher befinden sich hinter dieser Scheibe und dank einer Klimaanlage gewissermaßen auch in einer Kühlbox. Draußen sind 35 Grad. Und jedes Mal wetten sie, als ob es um ihr Leben geht.

Sie schauen gebannt auf die Quoten auf den über 500 Monitoren. Sie starren minutenlang die Pferde auf dem Paradeplatz an, um noch eine Regung des Auserwählten zu erhaschen, die Wettzeitung fest in der Hand. Wer nicht liest, hält sie sich vor das Gesicht, so wie Herr Wu jetzt. Der kleine dünne Mann mit der grauen Anzughose und dem strengen Gesichtsausdruck schaut angestrengt gegen das grelle Licht. Als Sonnenschutz erweisen diese Zeitungen einen guten Dienst.

In Singapur erscheinen zwar nicht wie in Hongkong zwölf Rennzeitungen, es ist nur eine, sie kommt täglich. Aber dafür sind alle normalen Tageszeitungen seitenweise mit Zahlenkolonnen bedruckt. Ergebnisse, Analysen und Voraussagen.

Verlässt das letzte Pferd den Führring, verlässt auch das Publikum geschlossen die überdachten Terrassen der Präsentation und marschiert zu einem der 400 Wettschalter. Kaum einer lässt die Chance zum großen Glück aus – niemand ist nur zum Vergnügen hier. Viele gut gekleidete Menschen sind da. Jeans, Bermudas und T-Shirts werden in weiten Teilen der Rennbahn nicht akzeptiert. Nur das einfache Volk auf den Stehplätzen vor der Tribüne ist vereinzelt auch so zu sehen. Auch hier ist Singapur eine ordentliche, saubere Stadt.

Ein alter Mann mit angeranzter Hose, Sandalen und verwaschenem offenen Hemd setzt für das Hauptrennen 400 Singapur-Dollar, umgerechnet 200 Euro, auf das deutsche Pferd Epalo. Es ist nach seinem Vorjahressieg Favorit. Doch der so Ruhmreiche erlebt in dem Rennen ein Fiasko. Läuft unter dem Jubel der Zuschauer lange Zeit vorneweg, macht dann kurz vor dem Ziel schlapp und lässt sich von anderen Pferden überholen. Der Jubel brandet an einer anderen Ecke der Tribüne auf. Hier haben sich viele angereiste Australier versammelt – Landsleute des Siegers.

Es ist ein ewiges Gemurmel, das die Bahn überzieht, während der Rennen mit jedem Schritt der Pferde stark anschwillt und im Ziel zu einer Mischung aus leidvollem Stöhnen und lautem Jubel aufquillt. Alles wird nur noch übertönt von der Stimme des Rennbahnsprechers. Die Stimme ist in Singapur fast so bekannt wie die der Nachrichtensprecher im Fernsehen. Das Gesicht dazu erscheint in regelmäßigen Abständen auf der Leinwand vor der Tribüne.

In Singapur zeichnet sich jedoch Ungemach ab. Ein Kasino soll der Rennbahn ab 2009 Konkurrenz machen. Seit Wochen ist der Neubau das Gesprächsthema in der Stadt. Schon jetzt setzen die Singapuris im Jahr ebenso viel Geld in Malaysia, Indonesien, Macau und auf hoher See beim Glücksspiel ein, wie auf ihrer eigenen Pferderennbahn. Doch das ist für die Wetter noch lange hin. Und das nächste Rennen für Herrn Wu ist ja schon am Freitag.

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