Zeitung Heute : Im Wartezimmer von Doktor Mabuse

REIMZEIT Arnulf Rating ermittelt in „Stresstest Deutschland“ die Belastbarkeit des Durchschnittsbürgers.

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Ich bin aussem letzten Jahrhundert. Ne Pflegekraft wie ich is ja heute nix mehr wert. Da wachen ja alle erst wieder auf, wenn se die Pflegestufe raufgefallen sind. Dann merken se dat ers’, wat fehlt. Wer pflegt uns denn? Jetzt, wo kein Zuvieldienstleistender mehr da is? Bin ich dann angewiesen auf irgendeinen kasachischen Hilfspflegel? Eine ungelernte Aushilfskraft, die mich nicht versteht?

Nee, ohne mich. Oder glauben Sie, ich lass mir von irgendwelchen runtergekommenen Ein-Euro-Jobbern den Brei verkehrt herum in den Mund schieben? (...)

Nee, dat mach ich nicht! Viele sagen ja, dat geht dann bald sowieso alles maschinell. Dafür haben wir den Pflegeroboter „Gisela“. Der erkennt automatisch vier Pflegestufen. Der bringt Sie sicher auf den Topf und ins Bett. Und da können Sie den Pflegemodus nach Wunsch einstellen. In den Geschmacksrichtungen normal, intensiv und evangelisch. Klar. So ein Gerät hat in der Billigversion gelegentlich schon ein paar Macken. Das wickelt Ihnen beim Blutdruckmessen die Manschette um den Hals und fängt fröhlich an, aufzupumpen. Da helfen die Beruhigungszäpfchen auch nicht viel, die der Ihnen automatisch ins Ohr schiebt.

Aber der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Das Nachfolgemodell wurde schon auf der Pflegemesse vorgestellt. Die elektronische Pflegeplaystation Schwester Hedwig 2.0. Ein kompakter GPS-gesteuerter Pflegeautomat mit integriertem Rückenstreichler. Da sitzen Sie dann mit der Fernbedienung und überlegen. Haferschleim? Richtig! Das war Programmtaste 24.

Windel wechseln brauchen Sie nicht mehr. Da gibt es die umweltfreundliche Fünfjahrespackung. Geruchs- und wasserdicht. Aus Ihrer eigenen Biomasse wird Energie gewonnen, die Ihnen über eine praktische Prothese zum Kaffeeumrühren wieder zur Verfügung gestellt wird! Damit haben Sie gleichzeitig eine eingebaute umweltfreundliche Sitzheizung. Da brauchen Sie keine Wärmflasche mehr. Und wenn Sie Alzheimer-Ausfälle haben, schiebt Sie das Gerät automatisch an die Sonne oder unter die Stehlampe. Die Solarzelle frischt Ihre Hirnzellen auf, dass Sie die Fernbedienung für ne ganze Stunde wieder richtig drücken können.

Das ist ein tolles Modell. Natürlich nicht ganz billig. Da wird eine Zuzahlung fällig, die jeden normalen Kassenpatienten überfordert. Vielleicht bringt Aldi mal eine preiswerte Version mit kleinerer Festplatte für 999 Euro. Oder man holt sich ein gebrauchtes Teil bei eBay. Da ist dann das Einspritzprogramm schon ein bisschen kaputt. Aber: besser als überhaupt gar keine Pflege!

Ufa-Fabrik, Open-Air-Bühne

27.-29.6., jeweils 20 Uhr

Die Zeiten ändern sich, Arnulf Rating bleibt sich treu. Vor 30 Jahren, im Kreise der Drei Tornados, gehörte er zur kabarettistischen Sponti-Avantgarde, die mit anarchischem Klamauk das angestaubte Genre auffrischte. Heute, da die Kleinkunstszene vielfältiger ist als je zuvor, zählt er als ungebrochen linker Politkabarettist gewissermaßen zur Old School. Dabei beweist er sein Herz für alle denkbaren Spielarten nicht nur als Erfinder der kunterbunten „Maulhelden“-Shows; auch sein zehntes Soloprogramm, „Stresstest Deutschland“, bereichert der 61-jährige mit klamottigen Elementen. Im wahrsten Wort-

sinn, wenn er sechs Charaktere spielt, die den wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Rundumschlag sinnlich aufbereiten. Allen voran seine vielfach bewährte Brachialfigur, die rotbezopfte Schwester Hedwig. In Ratings heimatlichem Ruhrpott-Slang lässt die Ange-

stellte von Dr. Mabuse köstlich satirische Monologe vom Stapel (siehe nebenstehende Kostprobe). Der titelgebende Stresstest, der die Belastungstoleranz des Durchschnitts-

bürgers ermitteln soll, wurde von einer Medien-

firma in Auftrag gegeben, deren Name leicht variiert ist: Wenn Manager Fred Bertelmann die Bühne betritt, ist das ein kleiner Old-

School-Gag für jene, die sich noch an den „Lachenden Vagabunden“ erinnern. eNTe

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