Zeitung Heute : Im Wechselfieber

Es scheint, als hätte das Land jetzt erst seine Identität entdeckt: Die Woche der Wahrheit in der Ukraine

Thomas Roser[Kiew]

Ein kalter Morgen graut, Rentnerinnen und Hausfrauen schleppen schwere Thermoskannen heran. Bereits die fünfte Nacht haben Tausende von Demonstranten bei Temperaturen unter minus zehn Grad auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz ausgeharrt. Jetzt gibt es Tee für die übermüdeten Menschen in ihren orangefarbenen Müllsack-Jacken.

Wenig später schon, um neun Uhr an diesem Freitagmorgen, ist das Zentrum des ukrainischen Bürgeraufstands erneut mit einer unübersehbaren Menschenmenge gefüllt. Mit Blumen am Revers singen die Frühaufsteher die Nationalhymne, halten sich an den Händen, skandieren die Losungen, die seit knapp einer Woche durch die Straßen der ukrainischen Hauptstadt hallen. Vor allem aber rufen sie immer wieder den Namen ihres Hoffnungsträgers.

Längst ist der Name des Oppositionschefs Viktor Juschtschenko zum Synonym des Protests gegen die Clique des amtierenden Staatsoberhaupts Leonid Kutschma geworden. „Juschtschenko unser Präsident! Nieder mit Kutschma!“, rufen die Demonstranten dem hinter den dunklen Scheiben seiner Luxuslimousine sitzenden Präsidenten zu, dessen Konvoi sich vergeblich durch den Kordon der Protestierenden den Weg zur Präsidialverwaltung zu bahnen sucht. Leonid Kutschma, der den Demonstranten als Drahtzieher der Wahlfälschung zu Gunsten von Premier Viktor Janukowitsch gilt, kommt an diesem Freitag nicht an seinen Amtssitz. Fest hat die Opposition die Hauptstadt in ihrer Hand.

Eine knappe Woche zuvor ließ sich am Vorabend der Präsidentenkür noch kaum etwas von den kommenden dramatischen Ereignissen erahnen. Obwohl Kutschmas Kronprinz Janukowitsch beim ersten Urnengang knapp hinter dem Oppositionschef rangierte, rechneten vor der Stichwahl die meisten der angereisten Korrespondenten mit einem – wie auch immer zu Stande kommenden – Sieg des Premiers: Ihre Rückflugtickets hatten sie für den Dienstag nach der Wahl gebucht. Wären sie aufmerksamer gewesen, hätten sie im Stadtteil Podol schon die ersten grünen Kuppelzelte entdecken können. Die oppositionelle Jugendbewegung Pora hatte da ihr frostiges Quartier aufgeschlagen. Fälschungen würden sie nicht zulassen, sagten die Aktivisten. Am Wahltag wollten sie das Camp ins Zentrum verlagern.

Die Ukrainer seien vernünftig und tolerant, sagt Premier Janukowitsch am Sonntagmorgen, er sagt, dass er Unruhen bei seinem Wahlsieg ausschließt. Im Wahllokal1 schwitzen derweil zwei Hundertschaften von Journalisten in ihren Winterjacken. Oppositionschef Juschtschenko bahnt sich den Weg zu den Mikrofonen. „Utopisch“ sei es zu glauben, dass sich ein Wahlsieg mit Fälschung erringen ließe, verkündet er siegessicher. Euphorische Stimmung macht sich im Pressezentrum seines Wahlstabs breit, als der unabhängige Fernsehsender Kanal 5 erste Prognosen veröffentlicht, die einen Vorsprung von 19 Prozent für Juschtschenko verheißen. Noch in der Nacht kommt die Ernüchterung. Die Auszählung der Wahlkommission macht schlimmste Befürchtungen wahr. Plötzlich liegt mit dem auch von Moskau unterstützten Premier der Günstling Kutschmas vorn.

Empört ruft die Opposition zu Protesten auf. Hunderttausende strömen nun täglich zu den als Volksfesten zelebrierten Protestpartys. Pop- und Sportstars, aus- und inländische Prominenz drängen sich ans Mikrofon. Aus allen Provinzen machen sich Zehntausende nach Kiew auf. Eine Stadt rückt zusammen, wird von einem ungekannten Gemeinschaftsgefühl erfasst: Es scheint, als hätte die 1991 unabhängig gewordene Ukraine mit 13-jähriger Verspätung ihre nationale Identität entdeckt. Demonstrationen werden aus fast allen Städten im Westen und Zentrum der Ukraine gemeldet, selbst im östlichen Charkow und südlichen Odessa, die als Hochburgen von Janukowitsch gelten, gehen Zehntausende auf die Straße. Mehrere Städte erklären bereits zu Wochenbeginn, das Wahlergebnis nicht anzuerkennen. Mit einer symbolischen Vereidigung im Parlament untermauert Juschtschenko am Dienstag den Anspruch auf seinen Wahlsieg.

Nach langem Schweigen meldet sich per Fernsehansprache auch der abgetauchte Zählsieger Janukowitsch zu Wort: Mit Leuten, die die Menschen auf die Barrikaden riefen, lehne er jegliche Zusammenarbeit ab. Und Präsident Kutschma geißelt den Massenprotest als „politische Farce“. Der Staat werde nicht als Erster zum Mittel der Gewalt greifen, aber die öffentliche Ordnung aufrechterhalten, kündigt er unheilvoll an: Das Land stehe am „Rande eines Bürgerkriegs“.

Berichte über Truppenverlagerungen und Busladungen von Bergarbeitern aus der Ostukraine, die der Wahlstab von Janukowitsch in die Hauptstadt karren lässt, sorgen am Mittwoch für eine dramatische Zuspitzung der Lage. „Schande, Schande“, schallt es über den Unabhängigkeitsplatz, als die Wahlkommission offiziell den Premier zum Wahlsieger erklärt. „Wenn die Macht den ersten Tropfen Blut vergießt, dann gnade ihr Gott“, warnt in einem dramatischen Aufruf ein Abgeordneter.

Doch die befürchteten Auseinandersetzungen bleiben aus. Noch am selben Tag erklären über 350 heimische Diplomaten ihre Solidarität mit Juschtschenko. Die Staatsmacht bröckelt weiter. Einen Tag später sind auf den Korridoren des Außenministeriums immer mehr Beamte mit orangefarbenen Schleifen im Revers zu sehen. Der stellvertretende Wirtschaftsminister tritt aus Protest zurück, Erosionserscheinungen werden auch aus dem Innenministerium vermeldet. Vom Wechselfieber werden selbst die linientreuen Journalisten des Staatsfernsehens erfasst. „Von nun an machen wir ein wahrhaftiges Programm“, gelobt der Chef des berüchtigten 1+1-Kanals schuldbewusst in die Kamera.

Nicht nur im westukrainischen Lwiw beginnen sich auch die Sicherheitskräfte auf die Seite der Opposition zu schlagen. Beifall brandet auf, als auf dem Unabhängigkeitsplatz eine Kolonne der Stadtmiliz aufzieht. Er habe seinen Eid auf die ukrainische Flagge geschworen und werde ihr auch dienen, sagt ein Polizist unter Tränen. Vor der Präsidialverwaltung fordert ein Polizist mit orangefarbener Armbinde die aufgezogenen Spezialeinheiten zum Frontwechsel auf. Selbst sechs Generäle des gefürchteten Geheimdienstes SBU lassen sich als Überläufer feiern.

„Das ist erst der Anfang!“, triumphiert Juschtschenko unter ohrenbetäubendem Jubel, als der Oberste Gerichtshof am Donnerstagabend die Verkündung des amtlichen Endergebnisses für ungültig erklärt und für Montag einen Termin für die Anhörung der Beschwerden ansetzt. Und die Zahl der Demonstranten vor den Regierungsgebäuden und auf dem Unabhängigkeitsplatz steigt noch immer. „Wir werden erst weichen, wenn wir gewonnen haben“, ruft ein Sprecher: „Jusch-tschen-ko!“

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