Zeitung Heute : Im Wesentlichen gesund

Cordula Eubel

Die gesetzliche Krankenversicherung nimmt zu wenig ein. Der Grund: Die Arbeitswelt verändert sich – sozialversicherungspflichtige Jobs werden abgebaut, immer weniger Menschen sind erwerbstätig. Das heißt, die Zahl der Beitragszahler sinkt und damit sinken auch die Einnahmen im Gesundheitswesen. SPD und Union sind sich daher einig, die Finanzen der Krankenversicherung zu reformieren. Während die Kassen 2005 einen Überschuss von 1,8 Milliarden Euro machten, droht im kommenden Jahr ein Finanzloch von rund acht Milliarden Euro. Und für die nächsten Jahre ist keine Besserung in Sicht. In einem Papier des Gesundheitsministeriums für die Arbeitsgruppe zur Gesundheitsreform heißt es, dass ohne eine Reform „in den nächsten Jahren nicht mit signifikanten Mehreinnahmen“ für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu rechnen ist.

Begründet wird dies damit, dass die Erwerbstätigkeit zur Sicherung des Lebensunterhalts an Bedeutung verloren habe. So hatten laut Statistischem Bundesamt 2004 nur noch 39 Prozent der Bevölkerung die eigene Erwerbstätigkeit als wichtigste Quelle des Lebensunterhalts angegeben. 1991 hatte dieser Anteil noch bei gut 44 Prozent gelegen. Während Einkünfte aus abhängiger Beschäftigung an Gewicht verlieren, nehmen die aus Vermögen und unternehmerischer Tätigkeit zu. Das Bundeswirtschaftsministerium geht davon aus, dass bis 2010 die Arbeitnehmerentgelte um 1,4 Prozent pro Jahr steigen, während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 5,6 Prozent pro Jahr zulegen. Das Fazit der Experten aus dem Gesundheitsministerium: Die GKV-Beiträge sollen sich nicht mehr nur auf Löhne konzentrieren, die Finanzen sollten auf eine breitere Grundlage gestellt werden. Außerdem sei es notwendig, sich nicht nur auf abhängig Beschäftigte zu fokussieren, sondern den Mitgliederkreis zu erweitern.

Doch nach Ansicht von Gesundheitsexperten kommt es nicht nur auf die Stabilisierung der Einnahmen an, sondern auch darauf, die Ausgaben im Griff zu behalten. Durch Strukturreformen können nach Ansicht des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach in den nächsten zehn Jahren 20 Milliarden Euro eingespart werden. Allein mit der Kosten-Nutzen-Analyse von Medikamenten und Großgeräten ließen sich rund drei Milliarden Euro erwirtschaften. Als Beispiel nannte Lauterbach Rheuma-Präparate, die neu auf den Markt gekommen seien. Die würden nur zehn Prozent besser wirken als herkömmliche Mittel, seien aber tausend Prozent teurer. Außerdem würden derzeit an zehn Orten in Deutschland Protonen- und Schwerionenanlagen zur Krebsbestrahlung errichtet, die 1,2 Milliarden Euro kosteten. Doch der medizinische Nutzen sei gering.

Weitere Einsparpotenziale von zehn Milliarden Euro sieht der frühere Regierungsberater, wenn Doppeluntersuchungen verringert werden. Heute sind Spezialisten sowohl in Kliniken als auch als niedergelassene Ärzte tätig. Kritiker bemängeln, dass die ambulante und die stationäre Behandlung im Krankenhaus schlecht verzahnt werden. Ein Herzpatient werde vier Mal behandelt, kritisiert Lauterbach: vom Hausarzt, dem ambulanten Facharzt, dem Krankenhausarzt und dem Arzt in der Reha-Klinik.

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