Zeitung Heute : Im Zug mit Jutta Ditfurth Alles Gute

Dieser Mann hat viele Talente. Er ist ein gefeierter Vorleser, Übersetzer, Kolumnist. Und er ist der bekannteste Penner Deutschlands. Heute wird Harry Rowohlt 60.

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Von 1989 bis 1997 erschienen in der „Zeit“ Harry Rowohlts Ansichten über den Kulturbetrieb in der Kolumne „Pooh’s Corner“. Hier ein Beispiel von 1996:

Ich weiß sehr wohl, wie sehr es Sie anödet, wenn Sie lesen, was Feuilletonisten im Speisewagen empfunden haben, aber dieser Speisewagen (ICE 872 Göttinger Sieben Frankfurt/Main – Hamburg) hatte es in sich: zweimal „taz“, einmal „konkret“, und beim Betreten des Speisewagens kam mir Jutta Ditfurth entgegen. Wir hätten unblutig die Macht übernehmen können. Allerdings wären zermürbende Richtungskämpfe die Folge gewesen, in deren Verlauf ich den Vorschlag gemacht hätte, den Speisewagen an irgendeine spurweitenkompatible Eisenbahngesellschaft oder an Holtzbrinck zu verscherbeln und uns die Sore zu teilen, was mir vier Tage Kartoffelschälen eingebracht hätte, mir, der ich Kartoffeln am liebsten mit Pelle esse, aber das ist mal wieder typisch Juttchen.

Drei weitere altehrwürdige Tabusätze für Journalisten sind:

„Als ich die Gangway hinunterstieg, schlug mir die dumpfig-schwüle Atmosphäre des Inneren Gran Chaco entgegen wie ein feuchtes Handtuch“, weil selbst die abgebrühteste „Brigitte“-Leserin inzwischen weiß, dass die Atmosphäre im Inneren Gran Chaco aus feuchten Handtüchern besteht und gar nicht anders kann und deshalb entschuldigt ist.

„Der Taxifahrer sagte mir...“, weil man auf diese Weise verrät, dass man keinerlei Kontakt zu den Einheimischen hatte.

„Am Canal St.-Martin scheint die Zeit stehengeblieben zu sein“, obwohl es stimmt, weil es unfein ist. So was sagt man nicht.

Und jetzt möchte ich meine Kolumne für eine Durchsage missbrauchen. Ich befinde mich damit in allerbester, nämlich in der Gesellschaft Flann O’Briens, der seine Kolumne in der „Irish Times“, als er sein Portemonnaie eingebüßt hatte, ebenfalls für eine Durchsage missbrauchte: „Das Portemonnaie kann der ehrliche Finder gern behalten, aber am Geld hängen persönliche Erinnerungen.“

Aus gegebenem – dem der Entführung des von mir hochgeschätzten Jan Philipp Reemtsma – Anlass diese Durchsage: Falls mir etwas zustoßen sollte, weil ich in der „Bunten“ und anderen Unterhosenblättern ständig als „Millionenerbe“ bezeichnet werde, sind meine Hinterbliebenen beauftragt, das Haus Burda bis tief in den Heizungskeller hinab auf den letzten roten Heller zu verklagen. Ich bin kein Millionenerbe. Ich habe von meinem Vater einen schönen dunkelbraunen Bademantel und einen hässlichen grünen Sessel geerbt. Das Erbe an dem Sessel habe ich nicht angetreten, und wenn die Kidnapper den Bademantel wollen, können sie ihn höchstens geliehen kriegen.

Und noch ein Wort an die Entführer: Ich habe im combat shooting mit drei verschiedenen Faustfeuerwaffen 197 von 200 möglichen Punkten. Und ich habe nicht gelernt, auf die Knie zu zielen.

Aber wer die „Bunte“ vollschreiben muss, denkt bei dem Wort „Verleger“ natürlich nicht an richtige Verleger wie Gerd Haffmans, Klaus Wagenbach, Gertraud Middelhauve, Hilde Claassen, Jupp Witsch oder Ernst Rowohlt, sondern an solche schillernden Society-Amöben wie den Doktor Dr. Hubert Burda (Dr.phil.) und Axel Springer (Baruch Schmó), und dann kriegt er Pupillen wie Onkel Dagobert: $$.

Dabei gäbe es, wenn man eine Geschichte über Erben machen wollte, wirklich interessante Erben, die zudem im Gegensatz zu mir noch den Vorteil hätten, dass sie interessant sind und was geerbt haben. Ich wüsste auf Anhieb drei hochinteressante schwerreiche Erben, aber ich verrate sie nicht, obwohl ich dann vielleicht meine Ruhe hätte. Außerdem ist natürlich zu beachten, dass nach wenn nie würde kommt, es sei denn, man sagt: „Wenn Würde töten könnte“, und Konjunktivität bedeutet Bindehautentzündung und nicht, dass man den Indikativ verachtete, was auch unser Schaffner im ICE Göttinger Sieben verinnerlicht zu haben schien, als er sich kurz vor Hamburgs Hauptbahnhof per Durchsage von uns verabschiedete: „...und würden uns freuen, wenn wir Sie recht bald einmal wieder an Bord unseres ICE begrüßel zündelwündelwürdeldürfel“.

Aus der Geburtstagsedition: Harry Rowohlt, „Pooh’s Corner Complett“, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt a. Main, 2005.

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