Zeitung Heute : Im Zweifel gegen die Anklage

Nein, sagt eine Geschworene, ihre eigenen Kinder würde sie nie zu Michael Jackson lassen. Aber es sei eben nichts bewiesen

Matthias Krause

Bleich ist er gewesen, die Lider fast geschlossen, Michael Joseph Jackson, geboren am 29. August 1958 als siebtes Kind des Kranführers Joseph Walter Jackson und der Verkäuferin Katherine Esther Jackson im Schwarzenghetto von Gary, Indiana, USA, nunmehr und weiterhin wohnhaft Figueroa Mountain Road Nummer 5225, Los Olivos, Kalifornien. Montagmittag war er von dort aufgebrochen, um zum Gericht nach Santa Maria zu fahren, am frühen Nachmittag fuhr er wieder zurück. In der Zwischenzeit, um 14Uhr24, hatte der Richter zu ihm gesagt: „Ihre Kaution ist aufgehoben, und Sie sind frei.“

Anklagepunkt 1: Verschwörung zur Entführung, Freiheitsberaubung und Erpressung – nicht schuldig.

Anklagepunkte 2 bis 5: Sexueller Missbrauch, vier obszöne Handlungen an einem Minderjährigen zur eigenen sexuellen Befriedigung – nicht schuldig.

Anklagepunkt 6: Versuchte sexuelle Belästigung – nicht schuldig.

Anklagepunkte 7 bis 10: Alkoholabgabe an einen Minderjährigen mit Belästigungsabsichten – nicht schuldig.

Im Fall einer Verurteilung hätten Jackson bis zu 18 Jahre Gefängnis gedroht.

Der kleine Raum im Gerichtsgebäude in Santa Maria wirkt wie ein eilig gebasteltes Fernsehstudio. Im Hintergrund wirft ein grau-grüner Vorhang wilde Falten, ein Scheinwerfer leuchtet direkt in die Kameras. Die beiden zusammengeschobenen Tische sind so klein, dass die Geschworenen in einer Dreierreihe dahinter Platz nehmen müssen. Sie haben sich für ihre fünf Minuten Ruhm, die nun unweigerlich folgen, nicht herausgeputzt. Im Gegenteil: Eine ihrer Bedingungen für die Pressekonferenz, in der sie ihren Freispruch für Michael Jackson erklären, war, dass sie anonym bleiben würden. Sie wolle sich jetzt in ihrem Zimmer einschließen und warten, bis der Rummel vorbei sei, sagt Geschworene Nummer fünf. Nummer zehn will dasselbe tun, mit einem Glas Wein dazu. Und dann kommt noch eine Frage.

„Würden Sie also Ihre eigenen Kinder in einem Bett mit Jackson schlafen lassen?“ Es bleibt still, dann spricht Nummer zehn, eine 45 Jahre alte, gepflegte Dame, die selbst zwei Kinder hat. „Welche einigermaßen vernünftige Mutter würde so etwas zulassen“, die eigenen Kinder im Bett mit einem Mann, mit Jackson oder wem auch sonst? Trotzdem, sie haben ihn freigesprochen. „No reasonable doubt“ habe es gegeben, keinen vernünftigen Zweifel daran, dass er nicht schuldig sei.

In sechs Tagen hatten die zwölf Geschworenen 32 Stunden lang über das Schicksal von Jackson beraten, nach 14 Verhandlungswochen und der Anhörung von 140 Zeugen.

„Wir mussten ihn behandeln wie jeden anderen auch“, sagt der 63 Jahre alte Jury-Vorsitzende, der später beim Fernsehsender CNN als Paul Rodriguez vorgestellt wird. Man habe versucht, sich von dem Star-Status des Angeklagten so wenig beeindrucken zu lassen wie von den Medien. Mitstreiter Raymond Hultman, der ebenfalls seinen Namen preisgibt, sagt dem Sender: „Ich habe schon das Gefühl, dass Michael Jackson wahrscheinlich Jungen sexuell belästigt hat. Ich kann nicht glauben, dass er mit ihnen 365 Tage am Stück in einem Bett schlief und nichts anderes tat, als Popcorn zu essen und fernzusehen. Aber das bedeutet nicht, dass er im Sinne der Anklage schuldig ist. Und darum ging es hier.“ Die Geschworene Nummer zehn sagt, ihr habe die „smoking Gun“, der eindeutige Beweis, gefehlt.

Michael Jackson, letztes Studioalbum 2001, Titel „Invincible“ – unbesiegbar. Zwei Millionen Stück davon in den USA verkauft, vom Album „Thriller“ 19 Jahre davor 26 Millionen, 50 Millionen weltweit, heute angeblich verschuldet, mit 270 Millionen Dollar wird geschätzt. Verblasst ist er über die Jahre, auch hier, in seinem Beruf. Montagmittag trug er einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd, eine schwarze Krawatte. Als eine Gerichtsdienerin das Urteil verlas, soll er sich kurz mit einem Taschentusch über die Augen gewischt haben. Kameras hatte Richter Rodney S. Melville im Gerichtssaal verboten.

Über die Augen gewischt, das sagen Leute, die mit im Saal saßen. Zweite-Hand-Informationen, nicht mehr, selbst zu den belanglosesten Details aus dem Leben dieses Mannes, an dem es ein öffentliches Interesse gibt, das aber auch niemanden etwas anzugehen hat. Und Geschworene, die zwar keine vernünftigen Zweifel an der Unschuld Jacksons haben, aber dennoch sagen, sie glaubten, er könne doch …

Die Geschworenen sagen, dass sie strikt den Anweisungen des Richters folgten, alle Beweisstücke unter die Lupe nahmen und sich ohne Streit auf einen Freispruch einigten. Die mit 79 Jahren älteste Geschworene kritisiert den Auftritt der Mutter des heute 15-jährigen, angeblich von Jackson missbrauchten Jungen im Zeugenstand. Die Frau habe mit den Fingern geschnalzt, die Geschworenen angestarrt und durch ihr seltsames Verhalten einen schlechten Eindruck gemacht.

Die Mutter und ihr Sohn hätten den Eindruck von Lügnern und Betrügern gemacht, sagt jene Geschworene, die ihre eigenen Kinder nie zu Jackson auf die Ranch gelassen hätte. Und die Sexhefte im Haus? Rodriguez, der Jury-Vorsitzende, erklärt: „Jeder hat das Recht, solche Hefte zu besitzen.“

Nach der Urteilsverkündung zweifelt ein Mann im Fernsehsender FoxNews am Geisteszustand der Geschworenen. Bei CNN sprechen sie davon, dass wieder einmal eine komische kalifornische Jury einen Star freigesprochen habe – wie schon bei O.J. Simpson. Dann bringen sie die Beiträge, die Jackson ein großes Comeback voraussagen. Das alte Thema: Phönix aus der Asche.

Es wäre so einfach gewesen, Michael Jackson zu verurteilen, so folgenlos. Kaum jemand hätte den Geschworenen einen Vorwurf gemacht, wären sie den emotionsgeladenen Argumenten gefolgt, die Staatsanwalt Thomas Sneddon vor ihnen ausbreitete. Für Sneddon war dies, Aktenzeichen 1133603, der Fall seines Lebens. Er ist 64 Jahre alt, seit 37 Jahren ist er Ankläger, seit 1993 jagte er Jackson. Der Fall sollte die Krönung seiner Laufbahn werden.

1993 wurde Jackson erstmals mit dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs konfrontiert. Mit einer Millionenabfindung an einen 14-jährigen Jungen wurde die Sache aus der Welt geschafft. Auch damals ermittelte Sneddon gegen Jackson. Der schrieb dann ein Lied, „D.S.“ heißt es, ein Dom Sheldon kommt darin vor, wenn Jackson sang, klang das wie Tom Sneddon. „Dom Sheldon is a cold man“, die Zeile kommt im Refrain vor.

Die wenigen Schwarzen, die als Geschworene in Frage gekommen wären, wurden vom Ankläger abgelehnt. Auch deshalb rechneten viele bis zum Schluss mit einem Schuldspruch. Weiße Jury, schwarzer Angeklagter. Ein Lied kommt einem in den Sinn, „Black or White“, es ist egal, ob du weiß oder schwarz bist, singt Jackson da. Er hat offenbar Recht behalten. Doch es gibt noch ein anderes Lied, „Bad“, ein ganzes Album heißt so. Ich bin böse, ich bin schlecht. Recht behalten? Lieder taugen nicht viel, wenn man gerichtsverwertbare Wahrheiten sucht.

Laut einer Umfrage kurz nach dem Freispruch halten 48 Prozent der Befragten das Urteil für falsch, nur 34 Prozent für richtig. 67 Prozent sagen, sie seien mit dem Ergebnis des Prozesses unzufrieden, 24 Prozent sind „entsetzt“. Zahlen, die jenen nach dem Freispruch für O. J. Simpson gleichen. Doch statt dieser Stimmung zu folgen, entschieden zwölf ganz normale Leute aus einer kleinen Stadt in Kalifornien, ihren sonderlichen Nachbarn weiterhin machen zu lassen, was er tut – solange keine eindeutigen Beweise dafür vorliegen, dass er gegen Gesetze verstößt.

„Wir glauben ans Justizsystem“, sagt Sneddon nach dem Freispruch. Ob er dabei nicht auf die falsche Kläger-Familie gesetzt habe, fragt ihn jemand im Hinblick auf seine Hauptbelastungszeugen. „Wir suchen uns unsere Opfer nicht aus“, sagt Sneddon. „Und wir suchen uns die Familien nicht aus, aus denen sie kommen.“

Noch eine nach außen getragene Beobachtung aus dem Gerichtssaal: Michael Jackson umarmt seine Mutter, seinen Vater, seine Brüder und seinen Anwalt, die neben ihm sitzen. Und tatsächlich zu sehen ist wenig später: Jackson auf dem Weg vom Gericht zu einem von vier großen schwarzen Geländewagen, die ihn und seine Familie hergebracht haben und nun wieder zurück nach Neverland fahren werden. Er lächelt zaghaft, er hebt die linke Hand schulterhoch zu einem Winken und verteilt ein paar Luftküsse. Die Fans, auch an diesem Tag wieder zu Tausenden erschienen und von der Polizei auf sichere Distanz gehalten, kreischen. Jackson wirkt zerbrechlich. Nichts ist mehr übrig geblieben von dem Show-Mann, der am ersten Verhandlungstag auf das Dach eines der Geländewagen kletterte und der entzückten Menge eine Tanzeinlage zu seiner eigenen Musik lieferte.

Die Kolonne der vier schwarzen Wagen setzt sich in Bewegung. Mit einem freien Mann auf dem Rücksitz, der einer ungewissen Zukunft entgegen fährt. Jermaine Jackson, ein Bruder Michaels, sagt im Fernsehen auf die Frage, ob der wieder anfangen werde zu singen und Lieder zu schreiben: „Er wird sich jetzt ausruhen.“ Und er sagt: „Es ist in seinem Blut. Es ist in seinem Blut.“

Was bleibt noch? Ein psychisch zerstörter Junge, um dessen Gefühle es hier nie wirklich gegangen ist, und auch nicht gehen sollte. Ein besessener Staatsanwalt vor den Trümmern seines Lebenswerks. Und die Geschworenen, die – trotz schon in Aussicht stehender, lukrativer Buchverträge – nun für den Rest ihres Lebens damit kämpfen, wie sie es ausdrücken, „die Last der Welt auf unseren Schultern zu tragen“. Allein einer darf sich freuen: Jacksons Verteidiger Thomas Mesereau.

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