Zeitung Heute : Im Zweifel greifen Personaler eher auf Jüngere zurück - Networking als Ausweg

Regina Köthe

Obwohl die Chef- und Vorstandsetagen von der "Generation 50 Plus" bevölkert sind, wird es selbst für Hauptabteilungsleiter oder Geschäftsführer mit zunehmendem Alter schwieriger, eine neue Stelle zu finden: 1999 waren von knapp vier Millionen Arbeitslosen mehr als 1,7 Millionen älter als 45 Jahre, der größte Anteil entfiel auf die Altersgruppe zwischen 55 und 60 Jahren. Im Januar 2000 waren 900 000 Arbeitslose über 55 Jahre alt. Die ernüchternde Auskunft von Karl-Jürgen Rajar, Leiter des Büros für Führungskräfte der Wirtschaft von der ZVA: "Es gibt einfach nur wenig Angebote für Bewerber über 50 Jahre. Die meisten Unternehmen suchen Kandidaten zwischen 35 und 45 Jahren." Rajar, gewiss kein Vertreter des Jugendlichkeitswahns, stellt ganz sachlich fest: "Die fünf vorne ist ein Problem". Er weiß aus Erfahrung, dass nur wenige Unternehmen bereit sind, einen über 50 Jahre alten Bewerber einzustellen. Und mit dieser Einschätzung ist er nicht allein.

"Zwischen 45 und 50 sollten Sie Ihre Position gefunden haben," meint auch Jürgen Below, der bei der Personalberatung Kienbaum Berlin für die Rekrutierung von Führungskräften zuständig ist. Den Arbeitsplatz mit 48 Jahren nochmal freiwillig zu wechseln, davon rät Below eher ab. "Wenn es im neuen Unternehmen nicht funktioniert, haben Sie dort vielleicht bereits ein Jahr gearbeitet, dann vergehen noch ein paar Monate und schon sind Sie fünfzig."

Personalberater gehen davon aus, dass ein "Neuer" circa zwei bis drei Jahre braucht, um seine Fähigkeiten am Arbeitsplatz optimal einzusetzen. Wenn Bewerber älter als 45 Jahre sind, beginnt ein Personalberater schon zu rechnen, ob sich der Zeitraum bis zum Berufsende für das Unternehmen rechnet. Da greift man eher auf einen jüngeren Bewerber zurück. "Reife und Erfahrung ist gut und schön, aber letztlich nimmt man lieber einen jüngeren Kandidaten", gibt der Personalchef eines Industrieunternehmens zu. In der IT-Branche liegt die Marge noch niedriger. Dort ist ein Geschäftsführer schon mit 35 Jahren ein "Grufti". Im Dienstleistungssektor sieht es dagegen etwas anders aus. Kompetente Steuer- und Unternehmensberater sind auch mit Fünfzig gefragt.

Häufiger Grund für Entlassungen sind Personalreduzierung oder Standortwechsel der Unternehmen. Oft wird dann eine Outplacementberatung vom Betrieb aus angeboten. Mit professionellen Beratern wird der Arbeitsmarkt systematisch durchforstet und der Noch-Mitarbeiter gezielt auf die Bewerbungssituation vorbereitet. Alle Personalberater - und zwar auch die, die Outplacement im Programm haben - empfehlen: Wenn das Unternehmen diese Beratung nicht selbst anbietet, sollte man versuchen, diese in den Auflösungsvertrag mit aufzunehmen. Ein weiterer Tipp der Arbeitsmarkt-Profis: Man sollte sich reiflich überlegen, ob man mit dem Unternehmen mitzieht, um sich den Arbeitsplatz zu sichern.

"Heute würde ich überall hingehen, wo man mich hinschickt," sagt allerdings Bernd Hesselbrock. Der 57-jährige Verfahrenstechniker lehnte es vor einigen Jahren ab, mit seinem Unternehmen an einen anderen Standort zu gehen und wurde arbeitslos. Er ist ein klassisches Beispiel: Bis zu seiner Arbeitslosigkeit hatte er nur einmal das Unternehmen gewechselt, sehr gut verdient und war nie in die Verlegenheit gekommen, sich bewerben zu müssen. Nach einem Jahr erfolgloser Bewerbungen machte er mit 54 Jahren eine Fortbildung zum Senior-Manager. Heute ist er beim REFA-Verband für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Er verdient weniger Geld als früher, aber er kann seine Fähigkeiten an einem Arbeitsplatz einsetzen. Aus eigener Erfahrung weiß Jürgen Hesselbrock, wie isoliert und unzufrieden man sich als Arbeitsloser fühlt. "Man macht sich selbst etwas vor und wird immer frustrierter." Er engagiert sich heute neben seiner Arbeit in einer Initiative, die arbeitslose Ingenieure unterstützt (Ingenieure schafften Verbindung, Internet: www.isv.de ).

Unbestritten: Das Kapital älterer Führungskräfte liegt in ihrer Erfahrung. Die Fortbildung zum Senior-Manager für Unternehmensführung beim REFA-Verband wendet sich an diejenigen, die trotz Kompetenz und Erfahrung keine neue Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt finden (Infos unter t 030 / 38 62 19 18 oder www.refa-berlin.de und www.senior-manager.de). Am Kurs teilnehmen können arbeitslose Führungskräfte, die älter als 49 Jahre sind und einschlägige Berufserfahrung aus der Industrie mitbringen. Die "good old boys" - 90 Prozent der Teilnehmer sind Männer - können nach der Fortbildung in mittelständischen Unternehmen und kleineren Handwerksbetrieben als Organisations- und Personalberater tätig werden. Schwerpunkt liegt in der Unterstützung von Planungs-, Rationalisierungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen in Betrieben.

Hauptschwierigkeit vieler Führungskräfte ist es, sich für die sogenannte "Stelle drunter" zu begeistern. Den arbeitslosen Managern und Ingenieuren fällt es schwer, sich mit einer geringer dotierten Stelle abzufinden. "Eine Führungskraft sollte sich durch Stabilität auszeichnen und Abstriche machen können", meint Jürgen Below. "Frauen sind in dieser Situation viel realistischer und pragmatischer. Sie akzeptieren eher, hierarchische Abstriche zu machen." Das bestätigt auch Rüdiger Ehrke, Geschäftsführer des REFA-Verbandes. Einig sind sich alle Berater, dass ein gut funktionierendes berufliches Netzwerk der beste Schutz vor drohender Arbeitslosigkeit sei. Durch Empfehlungen und Initiativbewerbungen finden ältere Arbeitnehmer eher eine neue Position als auf dem klassischen Weg der Bewerbung auf eine Stellenanzeige.

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