Zeitung Heute : Im Zweifel korrekt

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Das Ergebnis der Vernehmung aus seiner Sicht hat der Ex-Minister schon vorweg genommen: Es sei damals in Sachen Kundus, hat Franz Josef Jung einer Zeitung mitgeteilt, alles korrekt verlaufen. Folgerichtig versichert der einstige Verteidigungsminister am Donnerstag dem Untersuchungsausschuss des Bundestages: „Mir ging es immer darum, korrekt zu unterrichten.“ Wieso er dann zurückgetreten ist? Weil es „die Vorsitzende“ so wollte – und aus Rücksicht auf die Soldaten. In Wahrheit hat sein Verständnis von Korrektheit ihn am Ende das Ministeramt gekostet. Es war eine Korrektheit mit engem Blickwinkel.

Jung hat sich den Ablauf jener Tage seit dem Luftangriff auf Taliban und Tanklaster bei Kundus in Stichpunkten auf drei DIN-A-5-Zettel notiert – Wichtiges in Blau markiert. Am Morgen des 4. September, berichtet er, habe er die Nachricht von dem Ereignis in der Nacht erhalten. Unterwegs in Baden-Württemberg, hörte Jung die „Meldungslage: Bundeswehr gelingt Schlag gegen die Taliban“. Von Zivilisten unter den Opfern sei nicht die Rede gewesen, nur von 56 Toten und 14 Verletzten, die alle Taliban oder deren Verbündete gewesen seien.

Dass er selbst und das Ministerium an dieser Sicht noch zwei Tage lang festhielten, dafür hat Jung eine einfache Erklärung: Er hat tags darauf mit dem damaligen Kommandeur, Oberst Georg Klein, telefoniert. Und Klein habe ihm – wie auch in einem zweiten späteren Telefonat – versichert, „dass es seine Überzeugung war, dass es nur Taliban waren vor Ort“. Ein Schreiben der örtlichen Honoratioren in Kabul kam zum gleichen Schluss. Er hatte Information „aus erster Hand“. An denen zu zweifeln – kein Anlass.

Erst zwei Tage nach dem Luftschlag kamen Jung Bedenken – genauer: Sie kamen der Kanzlerin. Angela Merkel hat am 6. September auf dem Weg zum CDU-Wahlkampfauftakt in Düsseldorf von Meldungen der „Washington Post“ erfahren. Die Zeitung hatte einen Journalisten in dem Team, mit dem Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal am Morgen nach dem Bombardement zum Ortstermin nach Kundus geflogen war. Auch Jung bekam den Zeitungsbericht, in dem von zivilen Verletzten, darunter ein Kind, vermutlich sogar Toten die Rede war. Merkel, sagt Jung, „war in Sorge wegen dieser Meldungen.“ Sie nahm Jung vor dem Wahlkampf-Jubelauftritt in einer Eislaufhalle beiseite. „Wir waren uns einig, dass wir die Frage ziviler Opfer nicht mehr ausschließen konnten“, gibt Jung das Ergebnis des Gesprächs zu Protokoll. Kurz später deutete er an, dass vielleicht doch nicht nur Taliban starben.

Von frühen Zweifeln, wie sie vor einer Woche der Ex-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan bei seiner Zeugenaussage für sich in Anspruch genommen hatte – nie davon erfahren, sagt Jung. Von Hinweisen des Bundesnachrichtendienstes (BND) schon am frühen Morgen nach der Bombennacht – nie etwas gehört, erst an diesem Donnerstag bei „Spiegel online“ gelesen. Der Bericht regt den Ausschuss übrigens mehr auf und an als die Vernehmung Jungs. Der Mann ist zurückgetreten, nur noch einfacher Abgeordneter, politisch für die Opposition kein Ziel. Die Kanzlerin wäre es. „Wenn das Kanzleramt so früh Bescheid gewusst hat“, sagt der Grüne Omid Nouripour, „dann haben wir ein Problem.“

Auf den ersten Blick ist die Mail, über die der Online-Dienst berichtet, für das Kanzleramt in der Tat problematisch. Schon gegen neun Uhr früh berichtet ein Mitarbeiter des Kanzleramts seinem Vorgesetzten in der Geheimdienst-Abteilung, dass der BND von 50 bis 100 Toten und Verletzten inklusive Zivilisten ausgehe. Von einer „unverbindliche Erstinfo des BND“ spricht ein Regierungssprecher. Was mit der Nachricht geschah, ist unklar. Ein Anlass für Nachfragen, sagt der SPD-Mann Rainer Arnold, sei das sicherlich. Wieso hat Merkels Amt Jungs Ministerium nicht früher gestoppt, als es zwei Tage lang hartnäckig darauf bestand, nur Taliban und keine „Unbeteiligten“ seien gestorben? Andererseits, sagt einer, der das Dokument kennt: Hinweise auf tote Zivilisten, die hätte schließlich jeder den Agenturmeldungen am gleichen Morgen entnehmen können. „So geheim war das nun wirklich nicht“, sagt der Mann.

Jung hat das damals freilich nicht gelesen, nicht wissen wollen oder einfach nicht geglaubt. Hat er nicht mit Oberst Klein gesprochen? Dass der Mann, der den Bombenbefehl gab, vielleicht der schlechteste Zeuge in eigener Sache gewesen sein könnte – kein Gedanke. Er habe es als seine Pflicht gesehen, sich vor den Obersten und vor die Bundeswehr zu stellen. Und er weist auf einen Bericht des Journalisten Ulrich Gack hin. Der habe über Verschleierungstaktik der Taliban berichtet, von übertriebenen Totenzahlen und sogar davon, dass angeblich nach dem Luftschlag ins Krankenhaus Verletzte eingeliefert worden seien, die anderswo zu Schaden gekommen seien. „Das war ein Krieg der Worte“, sagt Jung. Krieger Jung also, lässt sich heraushören, hat Hinweise auf tote Zivilisten auch deshalb nicht ernst genommen, weil er sie für Kriegslist hielt.

Das alles ist für den Ausschuss nicht neu, entspricht es doch dem, was der Minister Jung ihm damals selbst stets ausgeführt hat. Nur an einem Punkt horchen die Abgeordneten auf: Über den Feldjägerbericht, sagt Jung, habe er sich geärgert. Den Bericht also, nach dessen Bekanntwerden sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seine Bewertung des Luftschlags in „nicht angemessen“ änderte. Geärgert habe ihn das Dokument, weil es gegen den im Haus gefassten Beschluss zu verstoßen schien, keine eigenen Ermittlungen neben der Nato einzuleiten – und weil es „nicht vorteilhaft war für unsere Soldaten“. Eben deshalb aber habe er verfügt, den Aktenordner der Nato zu überstellen. „Wenn wir das unter den Tisch fallen lassen“, gibt Jung seinen damaligen Gedankengang wieder, „ist das nicht in Ordnung.“ Dass über diesen Bericht, so hat es Schneiderhan berichtet, im Führungsstab drei Wochen hin und her diskutiert wurde – nichts von gewusst, sagt der Ex-Minister. Er hat den Aktenordner damals auch nicht gelesen, erst im Nachhinein. Die Nato hat das Dokument als nutzlos beiseite gelegt. Der Einschätzung, sagt Jung, widerspreche er nicht. Auch bei der Übergabe der Geschäfte an seinen Nachfolger habe er den Feldjägerbericht nicht erwähnt.

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