Zeitung Heute : Im Zweifel vorwärts

Partyspaß auf dem Ku’damm – geht das? Ein Bummel über den Boulevard

Nana Heymann

Wer wirklich bereit ist, sich darauf einzulassen, der findet sie auch: die Orte, an denen sich junge Menschen wohl fühlen und die man im ganzen Hype um Bezirke wie Kreuzberg, Mitte oder Prenzlauer Berg am Kurfürstendamm am allerwenigsten zu finden glaubt. Wer seine Vorurteile und traditionellen Ausgehgewohnheiten einen Abend lang zurückstellt in der festen Absicht, sich auch wirklich amüsieren zu wollen, der wird schließlich finden, was er sucht. Aufregung, Spaß, Begeisterung. Und das gute Gefühl, etwas Neues kennengelernt zu haben. Dies ist das Protokoll eines Selbstversuchs.

Er beginnt an einem Samstagabend. Saturdaynight: Partytime. Die Probandin steigt kurz nach neun ins Auto, in Begleitung einer männlichen Ausgehhilfe – und eines flauen Gefühls in der Magengegend. Wird das wirklich gut gehen? Wird sie sich außerhalb ihres Sozialbiotops überhaupt zurechtfinden? Sie muss. Sie wird. Im Zweifel vorwärts und mitten rein ins spätabendliche Charlottenburg, das für ausufernde Partynächte viel zu gesittet und geordnet scheint.

Tatsächlich bestätigt der erste Eindruck dieses Vorurteil. Mit dem Ladenschluss leert sich der Ku’damm, die Massen, die noch wenige Stunden zuvor rastlos in die vielen Kaufhäuser und Edelboutiquen geströmt sind, haben sich längst aufgelöst. Geblieben sind kleine Gruppen, die den Abend an Orten wie der „Bar 137“ mit einem Cocktail ausklingen lassen.

Bevor es für die Probandin jedoch ans Ausklingenlassen geht, entscheiden sie und ihre Begleitung sich für einen Besuch im „Balthazar“. Gute mitteleuropäische Küche mit metropolitanem Akzent gibt es hier, so beschreibt es zumindest Betreiber Holger Zurbrüggen. Auf der Karte steht Blutwurst mit Birnen-Lorbeerconfit, was letztlich unheimlicher klingt, als es wirklich schmeckt – am Imageproblem der Blutwurst haben Starköche ja mittlerweile gearbeitet.

An einem langen Tisch sitzt man zusammen mit anderen angenehm unaufgeregten Gästen. Gut anderthalb Stunden später, bei einem Pinot Grigio reift schließlich die erste Erkenntnis dieses Abends: Gut essen gehen kann man am Ku’damm zweifelsfrei. Und die Wahrscheinlichkeit, bei einem Spontanbesuch auch ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen, ist höher als in allen so genannten Szenerestaurants in Mitte und Co. Was folgt, ist eine Odyssee durch die noch junge Nacht, mit dem Ziel, unbedingt einen Ort zum Tanzen zu finden. Egal, zu welcher Musik. Wichtig ist nur, die anfängliche Euphorie dieses Abends aufrechtzuerhalten, am besten im Arm der Begleitung. Dass dies nicht gelingt, liegt vor allem daran, dass fast alle der einst bekannten Diskotheken am Ku’damm mittlerweile geschlossen sind, sei es vorübergehend oder gleich für immer. So wie zuletzt das „Far Out“ in Höhe des Lehniner Platzes. Aber auch die Tür des „Big Eden“, Rolf Edens ehemaliger Glitzertreff, der später vom „Arena“Team um Falk Walter aufgekauft wurde, ist an diesem Abend geschlossen. Vor der Tür finden sich vereinzelt Pärchen ein, die auf Einlass warten und dann doch irritiert weiterziehen. Oder wenigstens im angrenzenden Fast-Food-Restaurant die hinfällige Abendplanung neu überdenken. Tanzengehen am Ku’damm ist eben eine gut durchdachte Angelegenheit.

Als Alternative bietet sich etwa die „Panam Lounge“ im Edenhaus an, für die man sich aber vorab anmelden muss. Oder die berüchtigte Diskothek „Q-Dorf“, für deren Besuch jedoch zwei Kriterien erfüllt sein müssen: Zum einen sollten die Gäste das 20. Lebensjahr nicht überschritten haben, um den Altersdurchschnitt nicht unnötig zu belasten; zum anderen sollte ihr Alkoholpegel die 1,5-Promillegrenze erreicht haben, das macht den gebotenen Ballermannstumpfsinn erträglicher. Beide Kriterien erfüllen die Probandin und ihre Begleitung nicht.

Also zurück ins Auto und noch einmal den Boulevard entlang, Richtung Wilmersdorf. Am Ende, wo der Ku’damm eigentlich nicht mehr dem Ku’damm gleicht, wo der Glitzer und die vielen Lichter ausgeknipst worden sind, da gibt es dann doch noch einen Lichtblick: das „Fritz Nielsen“, eine kleine Bar mit Fenstern bis zum Boden, hinter denen unprätentiös aussehende junge Menschen beim Bier sitzen, sich unterhalten, während im Hintergrund Musik läuft – die Jungs der britischen Indierockband Hard-Fi singen „Hard to beat“. Klingt wahnsinnig unspektakulär? Ist es auch. Aber zugleich wahnsinnig nett.

Weitere Informationen unter:

www.kurfuerstendamm.de

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