Zeitung Heute : Imagepflege

Über Chancen und Probleme der City-West diskutierten Anrainer auf Einladung des Shoppingnacht-Veranstalters Tommy Erbe

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Über die Zukunft der City-West wird wieder viel diskutiert – ob in der Politik oder in den Medien. Die jüngsten Schlagzeilen waren meist negativ: Im Bahnhof Zoo halten ab Mai keine Fernzüge mehr, die Paris-Bar ist insolvent, und den Theatern am Kurfürstendamm droht der Abriss. Aber es gibt auch viele Bauprojekte und Geschäftseröffnungen. Auf Einladung des Shoppingnacht-Veranstalters Tommy Erbe und des Tagesspiegels diskutierten Anrainer über die Chancen und Probleme. Das Gespräch moderierte Cay Dobberke.

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Krise? Welche Krise? Zoodirektor Jürgen Lange findet nicht, dass der Kurfürstendamm in schlechtem Zustand sei: „In vielen Bereichen ist er besser, als er jemals war“, sagte Lange und meinte damit vor allem die Gegend um den Olivaer Platz, wo sich viele Luxusgeschäfte angesiedelt haben. „Wenn ich das Gejammer über den Ku’damm höre, kann ich nur sagen: In den 70er und 80er Jahren war er auch nicht das Gelbe vom Ei.“

Allerdings lebe ein Stadtteil nicht von den Geschäften allein, sagte der Zoo-Chef. „Es muss auch abends Leben herrschen“. Die Kulturlandschaft sei leider „von der Politik kaputtgemacht gemacht“ worden, welche die Theater und Opernhäuser in der östlichen Stadtmitte bei Investitionen bevorzugt habe. Speziell für jüngere Leute gebe es „abends in der City-West fast keine Anziehungspunkte mehr“, beklagte Lange. Es müsse gelingen, „die jungen Leute zurückzuholen und auch wieder Kultur anzusiedeln“. Außerdem fehle „ein Image für den gesamten Bereich“.

Auch sein Vorstandskollege im Zoologischen Garten, Gerald Uhlich, vermisste ein „richtiges Profil“. Und Viviana Giaretti, die Sprecherin des Goya-Clubs am Nollendorfplatz, forderte: „Die City-West muss für etwas Bestimmtes stehen – ob das nun der Bahnhof Zoo ist oder das KaDeWe.“ Das Goya selbst könne als „Touristenattraktion und beachtlicher Bau“ dazu beitragen.

Ob dagegen Projekte wie das geplante Riesenrad am Zoo in die richtige Richtung weisen, wurde skeptisch beurteilt. Eine Attraktion mit Rummelcharakter sei kaum geeignet, die Umgebung aufzuwerten, sagte Anita Dechandt vom Ku’damm-Juwelier Brahmfeld & Gutruf: „Ich finde das völlig daneben.“ Als Geschäft im Luxussegment wünsche man sich ein höheres Niveau am ganzen Boulevard. Die Gegend um den Breitscheidplatz werde von der Kundschaft aus Angst vor Trickdieben und Drogenkriminalität gemieden. „Ich bekomme oft zu hören: Wir trauen uns gar nicht, hier am Kurfürstendamm etwas Schönes zu tragen.“

Als „zwiespältig“ beurteilte Klaus Strebe, Vereinssprecher der Kurfürstendamm Interessengemeinschaft, die Riesenradpläne: „Das kann schon eine große Attraktion sein. Der Mensch strebt ja nach Höherem, wie der Andrang auf den Fernsehturm am Alex zeigt.“ Aber auch Strebe rechnet mit einem „Riesenrummel“ und nannte das Projekt „vom Schönheitsideal her problematisch“.

Die Ende 2005 gegründete Interessengemeinschaft widmet sich speziell dem westlichen Kurfürstendamm zwischen Olivaer Platz und Halensee. Bevor man dort ein Profil entwickeln und vermarkten könne, müsse sich vieles ändern, betonte Strebe. Die Gegend sei „ein Jammertal“. Außer der Schaubühne am Lehniner Platz gebe es fast nur „Reisebüros, Banken, Billigläden und Leerstand“. Die umstrittenen Pläne der Möbelkette Lutz-Neubert für ein Möbelhaus am S-Bahnhof Halensee könnten dieses Problem kaum lösen: „Man braucht auch dort etwas Drumherum wie Kneipen. Nur ein Möbelmarkt, um den abends die Füchse streunen, ist das Falsche.“

Peter-Michael Riedel, Vorsitzender der Interessengemeinschaft, will ein Netzwerk der Anlieger schaffen: „Ich möchte, dass sich die Leute zusammensetzen und Gespräche führen, auch wenn sie sich vorher konkurrierend gegenüber standen.“ Der Verein werde mit Vermietern über „Events in den leer stehenden Läden“ sprechen. Denkbar seien zum Beispiel Ausstellungen und andere Kunstaktionen. Darüber hinaus versuche die Interessengemeinschaft, ein Kulturkaufhaus am westlichen Ku’damm anzusiedeln.

Mit der größeren und älteren Arbeitsgemeinschaft City wollen Riedel und Strebe kooperieren. Beide Vereine haben mit dem Bezirksamt und der Arbeitsagentur vereinbart, kurz nach Ostern „Info-Scouts“ auf den Kurfürstendamm schicken. „Es geht um etwa 20 bis 25 junge Damen und Herren, die von der Arbeitsagentur an uns übergeben und gemeinsam nach Kriterien wie der Mehrsprachigkeit ausgesucht werden“, so Riedel. Die Teams sollen Touristen beraten und ihnen den Weg weisen.

Kurt Lehrke, Vorstandsvorsitzender der AG City und Direktor des Hotels Palace, strebt eine Fortsetzung dieses Projekts über die Fußball-WM hinaus an: „Wenn es funktioniert, soll es eine dauerhafte Public-Private-Partnership werden. Das heißt, wir finanzieren es dann.“ In der Pilotphase trägt die Arbeitsagentur die Kosten für die „Ein-Euro-Jobber“. Laut Lehrke wollen Anlieger vom Breitscheidplatz zudem ab Sommer dessen Nassreinigung finanzieren, weil die BSR den Platz immer nur kehre. Überhaupt sei es vielerorts in der City-West zu schmutzig, so Lehrke: „Ich wünsche mir schwäbische Verhältnisse. Dort ist es üblich, dass ich auch selbst vor meinem Haus oder meinem Geschäft saubermache.“ Zoo-Vorstand Uhlich sprach von einer „Mentalitätsfrage“. Während der Hardenbergplatz „grausig“ aussehe, gebe es im Zoo keine Sauberkeitsprobleme. „Wenn die Menschen bei uns durchs Tor gehen, fangen sie plötzlich an, Müll zu sortieren und in die drei getrennten Tonnen zu werfen, die überall stehen.“

Einzelne Maßnahmen seien nicht genug, fand Shoppingnacht-Veranstalter Tommy Erbe. „Die City-West muss ,gebrandet’ werden. Wir müssen schauen, was die Anlieger selber tun können. Und die Politik sollte ein Konzept entwickeln, wie wir die Immobilienbesitzer mit einbinden können.“ Erbe forderte, dass Vermieter am Ku’damm dazu verpflichtet werden, „eine Art Gebühr oder Abgabe zu zahlen, wenn ein Geschäft neu vermietet wird oder es einen Eigentümerwechsel gibt“. Das Geld soll in einen Topf für die Standortentwicklung fließen. Auch neuen Läden könne eine „kleine Pauschale“ auferlegt werden. „Wer hierher kommt und den Vorteil einer jahrzehntelangen Vorarbeit im Marketing ausnutzen will, sollte auch ein Bekenntnis zum Standort abgeben.“

Dagegen bezweifelte Alexandra Elgert von der Immobilienfirma Engel & Völkers, dass eine Zwangsabgabe nötig sei. Sie verwies auf die Fasanenstraße, wo Engel & Völkers nach dem Umzug mehrerer Luxusgeschäfte an den Kurfürstendamm ein Konzept entwickelt habe. „Wir haben es als Makler auch in privater Initiative geschafft, die Eigentümer an einen Tisch zu bekommen – und es hat funktioniert.“ Die Fasanenstraße werde „mittelfristig wieder voll vermietet sein“ und erhalte ein neues Profil: „Die Straße für das Kleine, Feine und Besondere.“

Einig waren sich alle Teilnehmer darin, dass die City-West „eine gesunde Mischung aus Geschäften, Gastronomie und Kultur“ brauche, wie es Vereinssprecher Strebe auf den Punkt brachte. Alexandra Elgert fügte aber hinzu, dass auch Wohnen einen wichtigen Teil der Urbanität ausmache. „Unsere Statistiken zeigen, dass die Wohnbevölkerung zurückgeht“, sagte die Immobilienexpertin. Die Verdrängung von Cafés, Kinos oder Theatern durch Einzelhandel führe zu einer „Monostruktur“ und einem Ungleichgewicht. „Da sollte man gegensteuern und die Wohnfunktion stärken – auch für junge Familien.“

Dagegen werde die vermeintliche Konkurrenz zwischen der City-West und der östlichen Stadtmitte aufgebauscht, so Elgert. „Die Stadt ist so groß, da können mehrere Einzelhandelsstandorte sehr gut parallel existieren.“ Engel & Völkers mache jedes Jahr Passantenzählungen in der City-West und in der Friedrichstraße: „Der Ku’damm und die Tauentzienstraße schneiden immer noch besser ab.“

Einig waren sich die Anlieger in ihrer scharfen Kritik an Bahnchef Hartmut Mehdorn, weil dieser trotz aller Proteste dabei blieb, den Fernverkehr am Bahnhof Zoo einzustellen. Der Streit sei „noch nicht zu Ende“, machte Kurt Lehrke deutlich. „Das ist ganz klar ein Wahlkampfthema. Es reicht mir nicht, wenn ein Politiker sagt, er habe Mehdorn einen Brief geschrieben oder ihn angesprochen. Ich will, dass die Politik mit Leidenschaft auf dieses Thema eingeht.“ Die AG City werde Parteienvertreter deshalb zur Podiumsdiskussion einladen.

Als schädlich beurteilten alle Teilnehmer auch die vom Senat angekündigte Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof zu Gunsten des geplanten Großflughafens Schönefeld. Zoo–Vorstand Uhlich fand die innerstädtischen Airports sogar wichtiger als den Bahnhof: „Geschäftsleute haben nicht die Zeit, aus Schönefeld hierher zu kommen.“

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