Zeitung Heute : Imagepolitur

Die Gebäudereiniger suchen händeringend Auszubildende – doch der Nachwuchs ziert sich

Heiko Schwarzburger

Kaum ein Handwerk floriert derzeit so stark wie die Gebäudereinigung, denn in Deutschland ist nach der Wiedervereinigung gebaut worden wie noch nie. Im September dieses Jahres meldete Johannes Bungart, Geschäftsführer des Bundesinnungsverbandes der Gebäudereiniger, dass in seinem Verband bundesweit rund 2500 offene Lehrstellen zur Verfügung stehen. Aber: Die jungen Leute wollen davon nichts wissen.

„In der breiten Bevölkerung hat das Reinigungsgewerbe kein gutes Image“, sagt er. „Bei unseren Kunden haben wir aber durchaus einen guten Ruf.“ In sauberer Umgebung arbeiten möchte jeder, sauber machen aber nicht. Derzeit bilden die Unternehmen des Verbandes mehr als 4000 Lehrlinge aus. „Wir können immer noch das Doppelte an Auszubildenden einstellen“, bekräftigt Bungart.

In Berlin gab es Ende des vergangenen Jahres insgesamt 775 Gebäudereinigerfirmen. Sie hatten 38 260 Mitarbeiter, 730 Lehrlinge und setzten rund 632,7 Millionen Euro um. Zur Branche gehören nicht nur die stadtbekannten Fassadenreiniger, Fensterputzer oder Reinigungskräfte für Büros. Spezialisierte Firmen reinigen beispielsweise Baustellen, Industriegebäude oder Krankenhäuser. „Das ist keine einfache Tätigkeit“, betont Johannes Bungart. „Es ist nicht leicht, jungen Menschen klarzumachen, dass wir einen vielfältigen Beruf haben.“

Zur Zeit wird die Branche in Berlin erschüttert, weil das Universitätsklinikum Charité ein Leistungsbündel von 140 Millionen Euro zur Vergabe ausgeschrieben hat – von der Essenszubereitung über die Wartung von Medizintechnik bis hin zur Gartenpflege. Diesen Riesenauftrag in seiner ganzen Breite kann nur ein großes Konsortium übernehmen. Johannes Bungart bezeichnete die Pläne deshalb als „mittelstandsfeindlich“ und forderte, den Mammutauftrag in kleinere Lose aufzuteilen.

In der Charité, in der Senatsverwaltung für Wirtschaft und beim Wissenschaftssenator, der formell oberster Dienstherr des Großklinikums ist, hagelte es Beschwerden. „Dadurch, dass alle Leistungen in einem Los zusammengefasst werden, wird es mittelständischen Unternehmen unmöglich gemacht, sich an der Ausschreibung zu beteiligen“, kritisierte Martin Krüger, Chef einer Gebäudereinigerfirma in Marzahn, als die Pläne im Sommer bekannt wurden. Krüger hat 80 Angestellte. Auch Ursula Kabisch, die Obermeisterin der Innung, hat sich beschwert. Bislang hält die Charité jedoch an ihren Plänen fest.

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