Im BLICK : Ab in den Süden

Das massenhafte Sterben vor Lampedusa hat in dieser Woche wieder ein Schlaglicht auf die Bedingungen geworfen, unter denen Menschen auswandern müssen, aber auch auf die massive Abwehr Europas gegen Migranten. Die politisch mit der Annahme beginnt, alle Elenden des globalen Südens säßen auf gepackten Pappkoffern und wünschten sich nichts sehnlicher, als im gelobten Land, im Norden, anzukommen. Doch die jüngsten Zahlen, die in dieser Woche auf der UN-Konferenz zu Migration und Entwicklung präsentiert wurden, lassen an dieser Annahme zweifeln.

Zwar sind immer mehr Menschen weltweit unterwegs, weil sie fliehen müssen oder anderswo bessere Chancen suchen. Ihre Zahl ist in den vergangenen 23 Jahren von 154 Millionen auf inzwischen 232 Millionen gewachsen. Aber sie strömen keineswegs immer nach Norden. Abgesehen davon, dass sich die Masse etwa von Kriegsflüchtlingen eine kostspielige Tour in einen weit entfernten Teil der Welt ohnehin nicht leisten kann und daher in der unmittelbaren Nachbarschaft, oft bitterarmen Staaten, hängen bleibt und bleiben muss: Wer mehr Möglichkeiten der eigenen Entscheidung hat, landet inzwischen immer öfter im globalen Süden. So werden die lateinamerikanischen Länder mehr und mehr zum Ziel von Spaniern und Portugiesen (Brasilien), die in ihrer von der Euro-Krise gebeutelten Heimat kein Auskommen mehr finden.

Und auch die Liste der beliebtesten Ziele ist interessant. Sie wird, wenig erstaunlich, von den USA angeführt, in die zwanzig Prozent der Auswanderer ziehen – knapp 46 Millionen Menschen. Aber auf Platz 2 steht bereits Russland mit elf Millionen, gefolgt von Deutschland mit neun – so viel Migranten landen auch in Saudi-Arabien.

Zur Qualifikation der wachsenden Zahl von Migranten gibt die Statistik ebenfalls Auskunft. In Deutschland hat die Debatte um die fehlende Anerkennung ausländischer Abschlüsse in den vergangenen Jahren auch für die breitere Öffentlichkeit zutage gefördert, dass oft nicht die Fähigkeiten von Zuwanderern gering sind, sondern dass sie häufig einfach nicht in die Schubladen des deutschen Systems von Diplomen und Abschlüssen passen – weshalb viele unter ihren Möglichkeiten arbeiten, wenn überhaupt. Das lässt sich nun anhand der UN-Zahlen untermauern, die Bildung der Auswanderer steigt deutlich. Und, auch das ist erkennbar: Frauen verfügen tendenziell über die höchsten Qualifikationen. Die Abwanderung ihrer besten Köpfe, der Brain Drain, ist für viele arme Länder etwa im Süden Afrikas ein massives Problem. Während er in den reicheren Ländern in der Regel unter fünf Prozent liegt, kommen einige Staaten der Subsahara leicht auf mehr als 20 Prozent.

Die Deutschen werden unterdessen sesshafter. Der OECD-Migrationsexperte Thomas Liebig sprach vor Tagen in der „Welt am Sonntag“ von einer Trendwende. Wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung zu Hause ziehe es weniger Deutsche ins Ausland. Andere kehren zurück: Das Raphaels-Werk, das seit rund hundert Jahren Auswanderer berät, hat mehr Arbeit denn je. Die Anfragen hätten sich seit 2010 verdreifacht, sagte seine Generalsekretärin.

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