Im BLICK : Autonomie und DNA

Bayern ist so etwas wie ein kleines gallisches Dorf. Sie kämpfen dort gegen Übermächte jedweder Art, Zumutungen aus Berlin, Drangsalierereien aus Brüssel, sie haben einen hefetrüben Zaubertrank, und ihre Majestixe kommen seit alters her aus einer Partei, die sich im Kampf gegen Fremdbestimmung auch in feindlichen Gefilden, also Berlin und Brüssel, tapfer zu schlagen weiß. Dem Zentralismus im deutschen und im europäischen Bund schleudert man aus München die Hinkelsteine nur so entgegen. Ein Methusalix der CSU geht nun noch weiter. „Es ist Zeit für das große bayerische Aufbegehren“, schreibt Wilfried Scharnagl, einst Chef beim „Bayernkurier“ und noch immer eine Stimme, auf die man hört im weiß-blauen Milieu. „Bayern kann es auch allein“, heißt sein neues Buch. Eine kecke Parole, der außerbayerische Spott ist sicher, aber eigentlich ist das darin erkennbare Verlangen nach mehr Autonomie nicht nur grundsympathisch, sondern auch sehr europäisch. Es erinnert an die schon etwas vergessene Idee des Europas der Regionen, weg vom Nationalismus und auch nicht hin zum EU-Zentralismus. Eine schlechte Idee?

Das regionale Aufbegehren zieht sich quer durch Europa. Scharnagl haben es besonders die Schotten angetan. Die wollen, zumindest ein Teil will es, bald unabhängig sein. Und auch sie haben einen kräftigen Zaubertrank. Derzeit schauen die Schotten, zumindest einige, aber nicht nur in eine unabhängige Zukunft, sondern auch tief in ihre Vergangenheit. Ein großes DNA-Projekt der Uni Edinburgh sucht nach den genetischen Wurzeln der Schotten. Und siehe: Nicht nur Pikten, Wikinger und Kelten gehören zu den Vorfahren, sondern auch Westafrikaner, Araber, Berber, Südasiaten. Bis nach Sibirien verlieren sich die Spuren, und ja, auch Engländer prägen die schottische Volks-DNA. Was würde es wohl für das Unabhängigkeitsbegehren bedeuten, sollten die meisten Schotten von Engländern abstammen?

Wie auch immer, sie sind ein genetisch recht buntes Völkchen da am atlantischen Rand Europas. Eines der vielfältigsten Völker der Welt, wie es ein Forscher ausdrückt. Das kann Scharnagl, die CSU und Bayern eigentlich nicht kalt lassen. Wenn schon ein Randvolk so vielfältig ist, um wie viel vielfältiger muss dann das bayerische Volk sein, so mittendrin in Europa, mit vielen alten Handelswegen mittendurch, immer schon und heute noch ein Zuwanderungsgebiet auch außerhalb der Sommerferien. Die Bayern – nicht nur Ober- und Niederselbige, Franken, Schwaben, Oberpfälzer, sondern auch mit DNA von Österreichern, Franzosen, Böhmen, Sibirern, Osmanen und, wer weiß, sogar Griechen angereichert. Preußen womöglich auch, und Schotten, die vielleicht einen Hauch Berber-DNA mitbrachten.

Die Bayern dürften das europäischste Volk Europas sein, mit Spuren des ganzen Kontinents in der gesamtbayerischen DNA. Das gilt es zu verinnerlichen. Denn der Unabhängigkeitsdrang der Flamen stellt derzeit ganz Belgien infrage, und was wird dann aus Brüssel? Wohin aber sollten Kommission und Rat und Parlament sich im Zweifelsfall verlegen, wenn nicht in die europäischste Region Europas. Immerhin: Gegen Münchner Zentralismus hatte die CSU noch nie etwas einzuwenden.

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