Im BLICK : Der lange Weg zur Mitte

Da ist uns doch glatt ein Jahrestag durchgerutscht: Reichstagswahl 1912, sie war im Januar, die Sozialdemokraten wurden erstmals stärkste Fraktion im Reichstag. Mit 34,8 Prozent, ein bisschen mehr als neuerdings. Stärkste Partei nach Stimmen waren sie schon seit 1890, aber das Wahlrecht – Mehrheitswahl mit Stichwahlen – war der Partei nicht günstig, die Bürgerlichen und das katholische Zentrum verbündeten sich in den zweiten Wahlgängen häufig gegen die SPD. Aber vor hundert Jahren war es anders: Die Fortschrittliche Volkspartei, die linken Liberalen im damaligen Parteiensystem, war bereit zu Wahlbündnissen mit der Arbeiterpartei.

Sozialliberal begann also damals. Es war eine kurze Phase. Zwei Jahre vor dem Krieg, einige Jahre danach. SPD und DDP, die neue liberale Sammlungspartei, brachten (mit dem Zentrum) noch die Weimarer Republik auf den Weg. Aber die DDP zerlegte sich, der SPD kam der wichtigste Partner abhanden. Erst 1969 war sozialliberal dann wieder möglich. Ob es nochmal dazu kommt? Nun ja, da das Abhandenkommen zur Geschichte der Liberalen zu gehören scheint, möglicherweise nicht. Andererseits: Sind nicht die Grünen die eigentlichen Nachfolger der einstigen Linksliberalen? Auch wenn man bei Grüns den Begriff Liberalismus scheut wie der Ökobauer den Genmais. Und die Piraten – sind das nicht auch Linksliberale?

Die SPD ist heute nicht mehr ganz so links wie 1912. Der Marsch Richtung Mitte aber begann schon damals, wenn auch ganz sachte, ganz vorsichtig. Das Bündnis mit den Fortschrittlichen war ein erster Hinweis. Angekommen ist die SPD noch nicht. Selber sozialliberal, richtig Mitte, ohne Partner, die abhanden kommen könnten – ein Ziel, ein Traum. Und außerdem drängen fast alle in die Mitte, Grüne, CDU, die CSU fängt auch schon an, und noch ist die FDP am Leben.

1912 war Mitte noch nicht so angesagt. Fünf Parteienlager, alle mit dezidierten Ansichten, alle stramm profiliert. Die SPD hatte immer noch sehr viel Marx im Gepäck, die Fortschrittlichen waren ausgesprochen progressiv, die Rechtsliberalen aber eigentlich schon konservativ, die Konservativen noch konservativer. Das Zentrum reichte von leicht links bis weit rechts, war also – Zentrum eben – eine Art Mittepartei. Aber katholisch, bitte, sehr katholisch. Dauerhafte Koalitionen bilden? Es war nicht einfach, man hatte Gesinnung. Und man musste auch nicht. Es wurde ja noch nicht parlamentarisch regiert im Kaiserreich.

Als sie sich aber dauerhaft zusammenraufen sollten, die Parteienlager, nach 1919 nämlich, da konnten sie es nicht so recht. Zu viel Gesinnung, zu wenig Konsens, zu wenig Mitte. Das hat der Republik geschadet. Dann kamen Parteien auf, die hatten noch mehr Gesinnung. Und waren noch weiter weg von der Mitte. Es war alles unschön, weswegen unsere Alle-in-der-Mitte-Kultur, in ihrer undrastischen, gesinnungslosen Art, vielleicht gar nicht schlecht ist. Dass man sie nicht mehr so gut auseinanderhalten kann, unsere Parteien, das muss ja auch nicht sein, wenn man – nach den Erfahrungen von 1912ff. – erwartet, dass sie schön zusammenarbeiten und koalieren und Entscheidungen treffen.

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