Im BLICK : Die Waffe der Entwaffneten

Die ukrainische Politikerin Julia Timoschenko verweigert wegen ihrer Haftbedingungen die Nahrung. Über den Hungerstreik als Mittel der Politik

Sie ist die derzeit prominenteste Person im Hungerstreik: Julia Timoschenko, im Gefängnis schwer erkrankte Ex-Ministerpräsidentin der Ukraine, verweigert die Nahrungsaufnahme, um so gegen ihre Haftbedingungen zu protestieren. Die Einzige ist sie nicht: In Bahrain isst der zu lebenslänglich verurteilte Menschenrechtsaktivist Abdulhadi al Chawaja schon seit mehr als zwei Monaten nicht mehr. Und in Israels Gefängnissen sind mittlerweile mehr als 1300 palästinensische Häftlinge in den Hungerstreik getreten, nachdem einer von ihnen, der 34-jährige Chader Adnan, nach zwei Monaten Nahrungsverweigerung freigelassen worden war. Vor ihnen hungerten Indiens Nationalheld Mahatma Gandhi, IRA-Aktivisten in britischen, RAF-Mitglieder in deutschen Gefängnissen, Bergleute für ihre Zechen und Kriegsdienstverweigerer für das Recht darauf. Auch in Guantanamo sind immer wieder Häftlinge in den Hungerstreik getreten.

Der Hungerstreik ist eine politische Protestform und als solche wurde er nicht zufällig im 20. Jahrhundert der Massenkommunikation erfunden. Wer in den Hungerstreik tritt, signalisiert damit, dass er ohne andere Mittel ist, denn er riskiert das Äußerste, das eigene Leben. Und er vertritt sein politisches Bekenntnis entsprechend effektiv: „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“, sagt mit Schiller der Hungerstreikende – wichtiger noch als mein Leben ist mir mein Projekt: die Freiheit, das Vaterland, die Menschheit.

Oder die Gleichheit. Die ersten aufsehenerregenden Hungerstreiks führten nämlich Frauen. Die britischen Suffragetten stritten um die Wende zum 20. Jahrhundert für das Wahlrecht, gingen für ihre radikalen Aktionen ins Gefängnis und verweigerten dort die Nahrung. Die 1909 verurteilte Marion Wallace Dunlop war die Erste, 1912 hungerte auch Emmeline Pankhurst, die charismatische Führerin der „Women’s Social and Political Union“, die siebenmal für die Rechte der Frauen in Haft war. Bekannter wurden spätere Hungerstreiks: Die 21 Tage, mit denen Mahatma Gandhi 1944 die britischen Kolonialherren zwang, ihn zu entlassen, oder der Hungerstreik des IRA-Mitglieds Bobby Sands, der 1981 wie für neun seiner Genossen mit dem Tod endete. Der RAF-Häftling Holger Meins starb 1974 nach 57 Tagen.

Der Hungerstreik ist nämlich nicht nur ein effektives Mittel. Er ist eben auch gefährlich. Auch für die, die ihn überleben: Schon nach drei bis vier Wochen ohne Nahrung kann die Gesundheit auf Dauer Schaden nehmen. Dennoch hat der Weltverband der Ärzte, die „World Medical Association“, Zwangsernährung mehrfach für ethisch inakzeptabel erklärt. Das ärztliche Prinzip, nicht zu schaden, schreibe auch vor, entscheidungsfähige Personen nicht zur Behandlung zu zwingen. Körperliche Tortur und Entwürdigung durch Zwangsernährung beschreibt etwa Emmeline Pankhurst in ihren Memoiren. Ihr Zeitgenosse, der irische Republikaner Thomas Ashe, starb daran.

Dennoch haben immer wieder Häftlinge zu diesem Mittel gegriffen. Denn Hungerstreik ist die Waffe der Entwaffneten. Und das ist kaum jemandem deutlicher als im Gefängnis.

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