Im BLICK : Fragen sagen mehr als Antworten

Ist doch klar, wie Muslime sind: Radikal, gewalttätig, Schwulenhasser, Frauenfeinde. Wer’s nicht glaubt, dem setzen, bewehrt mit vertrauenerweckenden Prozentzahlen, immer neue Studien in kurzen Abständen zu: Ein Viertel bis die Hälfte sei integrationsskeptisch, bis zu einem Viertel antiwestlich – mit solchen Aussagen produzierte kürzlich die „Schock-Studie“ über junge Muslime im Auftrag des Bundesinnenministers wieder einen mittleren Skandal.

Wie das funktioniert, versucht derzeit die Berliner Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus herauszufinden. Spielhaus, die seit 2010 in Kopenhagen forscht, und ihre Kollegin Birgitte Schepelern Johansen haben mehr als fünfzig jener Arbeiten untersucht, die seit 2000 in Mittel- und Nordeuropa entstanden und in denen Muslime im Mittelpunkt stehen. Um die Zeit nämlich, sagt Spielhaus, habe man begonnen, Ethnien – Türken, Araber – durch Religion zu ersetzen, beschleunigt durch den 11. September 2001, aber vor allem seit 2004 und 2005. Damals, mit dem Mord am Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam, den Attentaten in London und Madrid und dem Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen, „ging es richtig los“. In Deutschland hatte sich 1999 erstmals die Union nach Deutschlands Muslimen erkundigt – in einer Großen Anfrage an die Regierung Schröder.

Vorläufiges Ergebnis von Spielhaus’ Lektüre: Den Muslim-Studien, vor allem denen in staatlichem Auftrag, geht es vor allem um Sicherheit. Lediglich die Europäische Grundrechte-Agentur habe 2009 ausdrücklich nach Diskriminierungserfahrungen gefragt, die übrigen nur dann, wenn es um Gründe für eine radikale Gesinnung gehe. Zudem verteilen die Fragen der Forscher Etiketten, die auch der Stammtisch ausgibt. „Sobald Muslime befragt werden, geht es ritualisiert und europaweit nahezu wortgleich um Stereotype, um Homophobie, Radikalität, Gewaltbereitschaft, Geschlechtergleichheit“, sagt Spielhaus. „Die Fragen sagen mehr über das Bild von den Muslimen aus als die Antworten über sie selbst.“ Studien, die einen Querschnitt der Bevölkerung abbildeten, wo Religion nur ein Merkmal sei und die Fragen für alle gleich – im renommierten „Sozio-ökonomischen Panel“ zum Beispiel – förderten dagegen auch für Muslime viel Durchschnittlichkeit zutage.

Die Muslimstudien dagegen wiederholten, was man ohnehin zu wissen glaube. Was viele gläubige Muslime selbst stark beschäftigt, bleibe dafür unentdeckt: Etwa wie man als guter Brite, als gute Französin mit der Scharia leben könne. Wenn aus dem Ja zur Scharia die Parole werde „Ein Drittel der Muslime ist fürs Handabhacken“, fühlten die sich missverstanden und zögen sich frustriert zurück.

Doch es scheint sich etwas zu ändern, das Unbehagen wächst. Für Minister Friedrichs Lesart seiner Muslim-Studie gab es bereits viel öffentliche Schelte. Ihre Verfasser hatten selbst Grenzen ihrer Arbeit benannt. Vielleicht hilft auch eine wachsende Forschungskritik, dass „der Islam als Sonderfall“ wissenschaftlicher Befragung (die Bochumer Religionswissenschaftlerin Raida Chbib) demnächst ausgespielt hat. Und eine Religion wird wie andere auch.

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