Im BLICK : Mit leeren Händen

Papst Franziskus’ Leitbild von der „armen Kirche für die Armen“ kommt gut an. So gut, dass seit Wochen über Besitz und Geld der Kirchen gestritten wird und sich mittlerweile kaum noch ein Bischof öffentlich zu sagen traut, dass eine Kirche, die sich radikal von ihrem Besitz trennen würde, auch vor den Armen mit leeren Händen dastünde. Als der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider am Dienstag sagte, „dass die Kirche nicht verarmen müsse, um an der Seite der Armen zu stehen“, titelten Journalisten „Protestanten gegen Franziskus-Modell der armen Kirche“.

Die Debatten ums Geld sind wichtig und richtig. Doch das eigentliche Problem liegt woanders: Bischöfe und Pfarrer reden zwar viel davon, dass sie an der „Seite der Armen“ stehen wollen. Doch tatsächlich haben sie den Draht zu den Menschen am Rand der Gesellschaft verloren.

Als kürzlich der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki seine Pläne für die Umgestaltung der St.-Hedwigs-Kathedrale vorstellte, betonte die Caritas-Chefin, man wolle eine „Kathedrale für die Armen und mit den Armen“ schaffen. Doch woher sollen sie kommen, die Armen? Das konnte sie auch nicht so genau sagen. In der Nähe der Hedwigs-Kathedrale zwischen Gendarmenmarkt und Außenministerium tummeln sich die Reichen und Mächtigen.

Die Armen kommen als Kunden von Suppenküchen, Kleiderkammern und Sozialstationen der Caritas oder Diakonie vor, nicht aber dort, wo sich der Kern des kirchlichen Lebens abspielt, in den Gemeinden. Kirche ist in Deutschland eine Angelegenheit der bürgerlichen Mitte und des Establishments. Hier gehört Religion zur Familientradition und zum Werte- und Bildungskanon. Die Etablierten und Bürgerlichen gehen in die Gottesdienste, schenken auf den Pfarrfesten Kaffee aus und diskutieren über die Zukunft von Kirche und Gesellschaft. Die Mittelschicht spendet die Barmherzigkeit, die Armen empfangen sie. Ein Austausch auf Augenhöhe findet allenfalls in Gemeinden statt, die mitten im sozialen Brennpunkt liegen.

Im Januar bescheinigte eine Sinus-Milieu-Studie der Deutschen Bischofskonferenz, dass die katholische Kirche in den prekären Milieus „dramatisch unterrepräsentiert“ ist. Dort wo die Zukunftsängste am größten sind, dort wo sich die sozialen Benachteiligungen häufen und die Lebenswege krumm sind, haben sich 70 Prozent der meisten Menschen von der Kirche abgewandt. Viele bemängeln die verkrusteten Strukturen und fühlen sich von der Kirche bevormundet. Eine Sinus-Milieu-Studie in Baden-Württemberg förderte vor einem Jahr noch katastrophalere Ergebnisse zutage. Dort haben nur noch ein Prozent der prekär Lebenden einen Bezug zur evangelischen Kirche, nur 13 Prozent zur katholischen Kirche.

Es ist einfach, sich über den angeblichen „Reichtum“ der Kirchen zu echauffieren. Schwieriger ist es, einem gebrochenen, hoffnungslosen Menschen zuzuhören, sich durch seine Erfahrungen verstören zu lassen und ihn in die eigene Gemeinschaft aufzunehmen. Das ist keine Frage des Geldes, sondern der Mentalität. Und da sind nicht nur die Pfarrer und Bischöfe gefragt, sondern jedes einzelne Kirchenmitglied. „An die Ränder gehen“, nennt das Papst Franziskus.

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