Im BLICK : Platz für Piraten

Eigentlich müsste Rot-Grün die schwarz-gelbe Koalition im kommenden Jahr doch wegfegen. Oder? Eine desaströse FDP, eine auf mäßigem Niveau stagnierende CDU, die CSU erlebte auch schon bessere Tage, die innenpolitische Gesetzgebung darf man getrost als im Umfang eher bescheiden bezeichnen, da hilft auch der Schritt zur Energiewende wenig. In den Ländern haben SPD und Grüne zuletzt meist zugelegt, sogar Baden-Württemberg wurde gewonnen, in NRW dürften sie gestärkt werden, auch Schleswig-Holstein könnte bald rot-grün regiert sein. Aber im Bund? Wenig Bewegung. Außer bei den Piraten. Und deren Erfolg könnte eine zweite rot-grüne Bundesregierung verhindern. Die SPD bleibt hartnäckig unter der 30er-Marke, die Grünen können ihre guten Werte der vergangenen beiden Jahre nicht halten. Zusammen 41 Prozent im Schnitt der aktuellen Umfragen reichen bei Weitem nicht.

Und woran liegt das? Vielleicht am Führungspersonal im Bund? Was SPD und Grüne da ganz an der Spitzebieten, kann einen gewissen Retro-Charme nicht verleugnen. Sie wirken wie ein „rest of“ aus der Ära Schröder-Fischer. Es ist eine Altensinfonie, die da aufgeführt wird. Nicht alt nach Lebensalter. Nein, die Troika Gabriel- Steinmeier-Steinbrück wirkt keineswegs oller als die schwarze Troika Merkel-Maizière-Schäuble. Und das Führungsduo Trittin-Roth (ergänzt um Künast und Özdemir) hat gewiss kein schlechteres Leistungsprofil als die liberale Leitcrew.

Aber es gibt auch so etwas wie ein „politisches Alter“. In diesem Sinne wirkt alt, wer lange schon in führenden Funktionen in Partei, Fraktion, Regierung wahrgenommen wird. Wen die Wähler schon lange auf dem Schirm haben. Zu lange vielleicht, um höhere Einschaltquoten zu bekommen über das anhängliche (und vielleicht ebenfalls alte) Stammpublikum hinaus. Was nach jahrelangem Mittun in der Politik-Soap allenfalls noch Interesse weckt, ist die Möglichkeit, aus einer Neben- in eine Hauptrolle aufzusteigen. Wie Winfried Kretschmann zum Beispiel. Aber das rot-grüne Führungsensemble hat schon viele Hauptrollen hinter sich. Kanzlerkandidat, Ministerpräsident, Bundesminister in Zentralressorts. Viel „Ex“ ist da versammelt. Die ersten Führungsämter, nimmt man Länder und Europa hinzu, liegen meist in den frühen 90er Jahren. (Bei der Linken, die man nicht vergessen soll, ist mit dem informellen Führungsduo Lafontaine-Gysi auch „retro“ angesagt.)

Was sich bei uns offenbar nicht so recht einstellen will, ist die Einsicht in die Begrenztheit politischer Karrieren – aufgrund von Wahlergebnissen. Man hält sich für unkündbar, wie Beamte. Rot- Grün aber ist 2005 beendet worden durch Wählerspruch. 2009 endete die große Koalition, mit der SPD als klarer Verliererin. Doch 2013 stellt sich für Sozialdemokraten und Grüne an der Spitze ein Vergangenheitsteam aus jenen Tagen zur Wahl. Ohne dass ein „Projekt“ erkennbar wäre, wie 1998, als eine verbraucht wirkende schwarz-gelbe Koalition von Rot-Grün abgelöst wurde.

So ist Platz für die Piraten. Das wiederum verhindert die rot-grüne Mehrheit. Am Ende bleibt Schwarz-Rot – mit politischen Methusalixen aus der Auflage von 2005 in der ersten Reihe.

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