Im BLICK : Reisen bildet

Reisen bildet. Es bringt neue kulturelle Erfahrungen, und kulinarische auch, nicht zu vergessen. Wie überhaupt gerade Alltagserfahrungen ungemein bereichernd sein können. Ganz simple Dinge. Zum Beispiel der Umgang mit Tempobeschränkungen auf den Straßen. Zum Beispiel in Italien. Ein sympathischer Zug der Italiener ist ja ihr liebevolles Verhältnis zur Obrigkeit. Der Staat tritt ihnen wohl deshalb eher unaufdringlich entgegen im Straßenverkehr. Wobei Tempolimits schon häufig sind, manchmal auch streng. Aber man muss sich nicht kleinlich danach richten, ungefähr reicht. Man bekommt schnell ein Gespür dafür, wo das richtige Limit liegt. Nur alte Leute in älteren Fiat-Modellen und deutsche Touristen halten sich exakt an die Vorgaben. Die Italiener wegen des Alters, die Deutschen aus Angst.

Dabei werden Kontrollen der Polizei angezeigt. Das dient dem rechtzeitigen Drosseln der Geschwindigkeit. Jedenfalls für einige hundert Meter. Aber das reicht an echten Gefahrenpunkten und Unfallschwerpunkten ja in der Regel. Nur wer viel zu schnell ist, so die gewonnene Einsicht, wirklich viel zu schnell und damit wirklich strafwürdig, kann nicht mehr zügig bremsen und wird geblitzt.

Auch versteckt angebrachte Apparate zum Tempomessen scheint es in Italien nicht häufig zu geben. Ganz im Gegenteil. In den Ortschaften, und das gar nicht selten, stehen deutlich sichtbar hellblaue oder orangefarbene Kontrollapparate, die auch blitzen können. Aber da man sie sieht, ist das nicht nötig. Himmelblaue und orangenfarbene Tupfen in hundert Metern Entfernung bewirken rechtzeitiges Abbremsen auf die vorgegebene Geschwindigkeit. Jedenfalls ungefähr. Und damit ist die gewünschte Wirkung meist erreicht.

In Deutschland, nicht zuletzt in Brandenburg, wird bevorzugt heimlich und hinterrücks kontrolliert. Schon einige Kilometerchen über dem Limit, da, wo man in Italien noch im zugestandenen Normalbereich fährt – schon blitzt es. Schon kostet es. Und schon hat man seinen Eintrag im Flensburger Klassenbuch. Der deutsche Staat ist aufdringlich. Er hat schließlich eine Erziehungsaufgabe. Ohne heimliche Kontrollen mit harten Folgen wirkt die nicht. Wer in Brandenburg, zum Beispiel, am Wochenende auf der Autobahn vor einer sauber aufgeräumten Brückenbaustelle nicht binnen kurzer Zeit in der Lage ist, erst auf 100 und dann auf 80 abzubremsen, obwohl man eigentlich keinen vernünftigen Grund dafür erkennen kann, der ist einige Euros los und hat ein paar Punkte. Warum? Erziehung! Außerdem ist Brandenburg arm – und die Erinnerung an die Volkspolizei ist wach.

Reisen bildet. Wir schlagen daher vor, dass sämtliche Brandenburger Volkspolizisten und alle Vopos aus den anderen Bundesländern sowie eine Auswahl der Verkehrsexperten quer durch die Parteien (aber vor allem die Grünen) in nächster Zeit mal auf Bildungsurlaub nach Italien geschickt werden. In der Hoffnung, dass sie etwas lernen (und nicht etwa ihre italienischen Kollegen auf dumme deutsche Gedanken bringen, wie man abgesoffene Etats wieder aufpeppt). Wenn sie einsichtig sind, dürfen sie als Belohnung das allgemeine Tempolimit auf Autobahnen mitbringen.

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