Im BLICK : Schwarz und weiß

Nick Glynn ist seit 25 Jahren Polizist. Aber er wurde schon mindestens 30 Mal in seinem Leben von den eigenen Kollegen auf der Straße angehalten, musste seine Papiere zeigen oder seinen Wagen auf Straßentauglichkeit prüfen lassen. Warum? Nick Glynn, Beamter in Leicestershire, ist der Sohn von Einwanderern. Er hat dunkle Haut, sie macht ihn verdächtig.

Eine Erfahrung, von der auch in Deutschland Menschen in gleicher Lage erzählen könnten, hat jetzt eine Dokumentation des Open Society Institute (OSI) für Großbritannien aufgegriffen. Man habe die Geschichten hinter den Zahlen sichtbar machen wollen, schreiben die Verfasser der Dokumentation „Der misstrauische Blick“. Die menschlichen Kosten von „Stop and Search“, die die vom Investor George Soros gegründete Menschenrechtsorganisation gerade herausgebracht hat. Neun Briten erzählen darin, wie die Praxis unvermittelter Polizeikontrollen sie, meist vor aller Augen, zu Bürgern zweiter Klasse macht. Oder dritter Klasse: Schwarze werden siebenmal so oft auf der Straße gestoppt wie Weiße, Asiaten nur doppelt so oft.

„Sie sagten, ich hätte so verschlagen geguckt, als ich meine goldene Kreditkarte zog“, erzählt Paul Mortimer, der einst in der Premier League Fußball spielte. Polizisten hatten ihn angesprochen, weil sie gerade nach einem Kreditkartendieb suchten. „Ich habe aber nicht verschlagen geschaut. Ich war ein Schwarzer mit einer goldenen Kreditkarte. Es war meine. Aber sie behandelten mich wie einen Kriminellen.“ Die Universitätsangestellte Dianne Josephs leidet mit ihrem Sohn, der regelmäßig angesprochen wird: „Man muss doch sein Kind Milch holen schicken können, ohne dass es auf dem Rückweg festgehalten wird.“

Die Datenlage nennt das OSI alarmierend. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Zahl solcher Kontrollen deutlich erhöht, vor allem die, die man in Deutschland „verdachtsunabhängig“ nennen würde. Eine Million waren es im vergangenen Jahr. Gleichzeitig sei der Anteil von Fällen, die wirklich zu Festnahmen führe, gesunken. Während der Erfolg dieser Art von Polizeiarbeit mehr als fraglich sei, demütige dieses Vorgehen Menschen und verhindere das friedliche Zusammenleben von Mehr- und Minderheiten. Schon die Brixtoner Krawalle 1981 seien eine Reaktion auf unverhältnismäßige Razzien der Polizei gewesen.

„Racial Profiling“, der gezielte und praktizierte Verdacht gegen Nichtweiße, ist inzwischen auch hierzulande ein Thema. Der Menschenrechtsbeauftragte Markus Löning hat in dieser Woche vor dem UN-Menschenrechtsrat betont, dass diese Praxis illegal sei. Praxis ist sie allerdings, und nicht alle wollen sie abschaffen. Als im vergangenen Jahr ein schwarzer Deutscher erfolgreich dagegen klagte, beschwerte sich die Polizeigewerkschaft. Dabei könnte etwas mehr Farbenblindheit der Aufklärung nutzen: In einer immer bunteren Gesellschaft lenkt der Blick auf schwarze Haut viel zu oft von denen ab, die wirklich etwas auf dem Kerbholz haben. Nur weil sie vielleicht Weiße sind.

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