Im BLICK : Treitschke bleibt Treitschke

So ein Ärger! Da ermöglicht man als Politiker großmütig den einfachen Bürgern, dem Ansehen ihres Gemeinwesens mal einen echten Dienst zu erweisen – und dann macht das dumme Volk einfach, was es will. Wir möchten weiterhin in einer Treitschkestraße wohnen, haben die meisten Anwohner bei einer Befragung durch das Bezirksamt Berlin-Steglitz entschieden. Umbenennung, nein danke. Eine wirklich peinliche Angelegenheit. Treitschke (1834–1896), der war doch ein erklärter Antisemit. Aber das kommt eben dabei heraus, wenn zu viel Mitbestimmung gewährt wird. Zum Glück ist dieses Votum nicht bindend. Die Politik wird sich zu wehren wissen! Wäre ja noch schöner, wenn das Volk auf Souverän machte und seinen Willen durchsetzen würde. Kommt gar nicht infrage.

Und was ist mit der viel beschworenen direkten Demokratie, der Mitsprachemöglichkeit? Der mündige Bürger soll sich doch nicht verdrossen von der Politik abwenden, sondern das Gefühl bekommen, etwas bewegen zu können. Und sei es nur im Kleinen, zum Beispiel vor der eigenen Haustür. Dieses Angebot haben ein paar hundert Steglitzer nun genutzt und sich dafür ausgesprochen, am alten Straßenschild festzuhalten. Die Folgen: Fassungslosigkeit, Entsetzen, Unmut. In der Bezirksverordnetenversammlung bereitet die SPD bereits eine Initiative vor, mithilfe des Lokalparlaments die Umbenennung durchzusetzen. Auf dass der Bürgerwillen missachtet werde.

Nun mag man dagegenhalten: Die Anwohner der Treitschkestraße haben es nicht anders verdient. Ein Historiker als Namensgeber, der Juden für ein „Unglück“ hielt, ist schon ziemlich unappetitlich. Offenbar mangelt es einer Mehrheit der Befragten an Sensibilität und historischem Bewusstsein. Den Neinsagern allerdings eine klammheimliche Sympathie für den üblen Antisemiten Heinrich Gotthardt von Treitschke zu unterstellen, grenzte an Rufmord. Vermutlich waren sowohl praktische Erwägungen (Adressänderung bedeutet Aufwand!) als auch die Haltung „Denen da oben zeigen wir’s mal“ bei der Entscheidung ausschlaggebend.

Ohnehin sind Umbenennungen von Straßen, Plätzen, Universitäten oder Kasernen eine heikle, höchst kontroverse Angelegenheit. Wo anfangen, wo enden bei einer derart braunen Vergangenheit? Und wer sollte darüber befinden? Die Politik, die Anwohner? Schwierige Fragen. Doch wenn man schon auf den Bürgerwillen setzt, dann sollte man diesen auch respektieren. Sonst kann’s Ärger geben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar