Zeitung Heute : Immer an der Wand entlang

Der Tagesspiegel

Die Bunker-Kletterwand im Berliner Humboldthain bekommt mächtige Konkurrenz. Nicht einmal 200 Meter Luftlinie entfernt entsteht im Ortsteil Wedding Deutschlands größte künstliche Kletterhalle. Das „Magic Mountain Climbing Center“, so der Name des künftigen Sporttempels, nimmt zwar erst Gestalt an, doch schon seit Wochen steht das Telefon von Geschäftsführer Eide Johann W. Dücker nicht mehr still.

Kletterfreaks aus allen Teilen des Landes wollen wissen, wann sie endlich nach dem Motto „Immer an der Wand entlang“ die neue „Felsenlandschaft“ erklimmen können. Trotz etlicher Probleme, so war auf dem Grundstück verunreinigter Boden gefunden worden, kündigt der Chef für Mai die Eröffnung an.

Bis zu 15 Meter hoch wird das in Europa einzigartige „Gebirgsmassiv“ sein, sagt der 33-Jährige. Die 2000 Quadratmeter große Fläche bestehe aus ziegelrotem Kunstbeton - wie in ähnlichen Hallen in den USA. Designer Christian Griffith aus den Staaten hat die Landschaft mit Ecken, Kanten und Überhängen geschaffen.

Bis zu 20 000 Griffe können für die Kletterkünstler an der beschichteten Stahlkonstruktion verschraubt werden, wie Dücker sagt. „Die Wände wurden so projektiert, dass auf den über 200 möglichen Routen für jeden etwas dabei ist - vom Anfänger bis zum Profi.“

Die Idee für das neue hauptstädtische Kletterparadies hat Dücker aus den USA mitgebracht, wo er mehrere Jahre lebte. In Amerika entstanden die ersten Klettertempel Anfang der 90er Jahre. Während des Studiums erlernte er dort diesen Extremsport. „Ein paar Muskeln sollte man schon mitbringen, obwohl vieles auch eine Frage der Technik ist“, meint er. Dückers Motto lautet „learning by doing“. Jeder müsse sein eigenes Gefühl für die Felsen entwickeln, „wie man schließlich am besten hochkommt“.

Eine gewisse Portion Angst sollte auch dazukommen, denn purer Übermut könne gefährlich werden. Oberstes Prinzip: grundsätzlich wird zu zweit geklettert. „Dabei muss man sich auf seinen Partner, der sichert, hundertprozentig verlassen können“, betont er. „Das ist so in den Bergen und auch unter dem Hallendach.“

„Wer jahrelang dabei ist, für den wird diese Sportart zur Sucht“, sagt Dücker, der jede freie Minute nutzt, um selbst in die „Luft zu gehen“. „Bin ich in der Wand, so blende ich alles um mich herum aus, denn man muss sich ständig auf den nächsten Zug konzentrieren“, gibt der 33-Jährige einen Einblick in seine Kletterwelt. „Zwei Stunden klettern ist wie zwei Wochen Urlaub.“

Deshalb gehören zu dem Komplex in der Böttgerstraße auch ein Fitnessbereich mit Sauna, Dampfbad und Solarium. „Die Besucher sollen bei uns richtig entspannen“, fügt er hinzu.

„Klettern ist ein Nischensport, Spitzenleute schaffen es, sich bis zu zwei Stunden in der Wand zu bewegen, bis sie an ihre Grenzen stoßen“, erläutert der Fachmann. Beim Radfahren beispielsweise schaffe man diesen Zeitpunkt erst nach 200 Kilometern. Und der Geschäftsführer hat Träume: „Ich bin überzeugt, dass Klettern irgendwann olympisch wird, deshalb will ich diesem Berliner Projekt weitere in Deutschland folgen lassen.“

Doch zunächst will er die Hauptstädter anlocken: Ende November findet in der Halle am Gesundbrunnen der Deutsche Jugendcup im Sportklettern statt und im nächsten Jahr soll erstmals in Berlin der Deutsche Sportklettercup veranstaltet werden.

Wolfgang Schönwald

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