Zeitung Heute : Immer Butter, nie Margarine

Der Tagesspiegel

Der Wohlstand verengte den Horizont. Er sollte sie nicht verlassen, er wurde zur Bedingung. Am Ende machten Hannelore und Bernhard L. ihr Schicksal von den Lottozahlen abhängig. Das Unternehmer-Ehepaar spielte für Einsätze von mehr als 25 000 Euro bei drei Ziehungen mit, zuletzt im Februar 2000. Dieser letzte Versuch besiegelte die von ihnen bereits vorbereitete Tragödie, für die sich der 56-jährige Bernhard L. seit gestern vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten muss.

Es geht um den Vorwurf der Tötung auf Verlangen. Der Textil-Großhändler soll seine drei Jahre jüngere Ehefrau auf ihren Wunsch hin getötet haben. „Sie konnte sich nicht vorstellen, in kleineren Verhältnissen zu leben", sagte Bernhard L. den Richtern. Als es seiner Firma nicht gut ging, die Hausbank für drei große Aufträge kein Geld geben wollte und von ihm innerhalb von vier Wochen Eigenkapital in Höhe von etwa 250 000 Euro verlangte, habe sie den Lebensmut verloren. Seine vierte Ehefrau sei seine große Liebe und eine Karrierefrau gewesen. Hannelore L. soll einmal gesagt haben: „Wer einmal Butter gegessen hat, der isst nie wieder Margarine."

Nach Darstellung des Angeklagten war es seine Frau, die zuerst vom Suizid sprach. Sie hätten beschlossen, beide aus dem Leben zu scheiden. Weil es nicht möglich war, tödliche Tabletten oder eine Pistole zu besorgen, sei „ein anderer Weg" beschlossen worden. Am 7. Februar 2000 saßen sie am Abend in dem großen gemieteten Haus in Lankwitz vor dem Fernseher. Vor der Tür standen ihre Autos der Marken Jaguar und Rover. Drinnen lief eine Show. Es ging um die Frage: „Wer wird Millionär?". Dann legte sich die Frau ins Bett. Bernhard L. soll mit einem Messer auf sie eingestochen und sie dann mit einem Bademantelgürtel erdrosselt haben.

Danach stach der Mann auf sich selbst ein. Doch das Leben blieb, zumindest ein Hauch davon. Am nächsten Morgen fand die Haushälterin ihn lebensgefährlich verletzt. „Ich fühle große Schuld, dass ich überlebt habe", sagte der Angeklagte. Sie hätten sich damals, als sie Abschiedsbriefe schrieben und vor der Tragödie Andenken für Freunde und Bekannte verpackten, immer gesagt: „Das Wichtigste ist, dass keiner übrig bleibt, dass keiner das allein ausbaden muss."

Die Richter müssen prüfen, ob Hannelore L. wirklich sterben wollte. Ihre 35-jährige Tochter bezweifelte das. Ihr gegenüber habe ihre Mutter angedeutet, dass sie wegen der Schwierigkeiten ins Ausland gehen wollten. Ein Gutachter kam dagegen zu dem Schluss, dass Hannelore L. in der „symbiotischen Beziehung" den Anstoß zu dem Drama gab. Und der Sachverständige meinte: „Herr L. ist bereit zu büßen, aber er hat in einem solchen Maße gelitten, dass er eigentlich genug gestraft ist."

Kerstin Gehrke

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