Zeitung Heute : Immer frei bringt’s auch nicht

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Spätestens nach ein paar Monaten auf deutschen Bürofluren sind die meisten Leute reif für die Insel: Nix mehr Personal, Projekte und Papierkram, statt dessen Sand, Strand und Sonnenbrand. „Ein Sabbatjahr“ stöhnt so mancher „das wär´s!“ All die Meetings machen schließlich doof. Nur Zahlen, Daten, Fakten, Märkte und Marken. Wo bleibt da die Sensibilität? Die Seele geht verschütt unter all den Akten und irgendwann kann sich eine Arbeitsdrohne der Deutschland AG kaum noch an die Träume von einem intensiveren Leben erinnern.

Ein paar Mutige legen sich irgendwann mit ihrem Chef an und verhandeln um unbezahlten Urlaub. Sie ignorieren die Tatsache, dass der Controller glaubt, man beweise die eigene Überflüssigkeit, wenn man ein ganzes Jahr verschwinden kann, ohne das der Betrieb in Konkurs geht. Sie sagen den Kollegen, die immer schon auf den nun unbesetzten Job scharf waren, furchtlos „Adieu!“ und ziehen los.

Die Schlaueren nutzen die Zeit für was Sinnvolles: Sie bauen ein Haus, schreiben ein Buch oder lernen Bildhauen. Weniger Schlaue kaufen sich ein Boot, bepacken es mit dem Ehegespons und Proviant und stechen in See, weil sei einfach mal gar nichts tun wollen. Zunächst sind sie noch nervös, dass sie sich langweilen könnten. Also lesen sie täglich ein Buch, studieren alle Seekarten von Bremen bis Gibraltar, stecken wild Kurse ab und wienern ihr Schiffchen. Doch kaum ist man 1000 Seemeilen weiter südlich gesegelt, wird zum größten Problem des Tages, dass ein Teakdeck im Süden so heiß wird, dass man barfuß nicht mehr darauf stehen kann. Ach ja, und neues Bier müsste auch mal wieder her.

Segeln öffnet die Sinne. Freizeitkapitäne sehen Delfine nicht im Zoo, sondern in der Bugwelle ihres Schiffes. Langzeitsegler lernen wieder, wie ruhig perfekte Stille ist und wie hell eine ungetrübte Sternennacht leuchtet. Es wird aufgestanden, weil es hell wird und nicht, weil es Zeit fürs Büro ist. Gegessen wird, weil der Magen knurrt und nicht, weil die Kantine gleich zumacht. Seeleute wissen, wie gut ein selbst gefangener Thunfisch schmeckt – ganz simpel in Olivenöl gebraten mit Knoblauch, Limone, Petersilie.

Ungefähr ein halbes Jahr lang ist das ein Traum. Danach wird´s nervig. Es ist entweder zu viel Wind oder zu wenig, die Enge an Bord beginnt die eheliche Harmonie empfindlich zu stören und das ewige Geschaukel braucht auch kein Mensch. Ein Königreich für eine vernünftige Zeitung und einen Schwatz mit intelligenteren Leuten als dem Hafenmeister von Neapel! Mit den Kollegen zum Beispiel. Am Ende entdecken die Sabbatreisenden, dass sie ihren Job vermissen. Mit einem Seufzer der Erleichterung kehren sie an ihren Arbeitsplatz zurück, teilen der verblüfften Umgebung mit, dass sie eigentlich wahnsinnig gerne arbeiten und stürzen sich ins Geschäft. In der Tat: Langzeiturlaub macht entschieden doof.

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