Zeitung Heute : Immer im Fluss

Die Restaurierung der Museumsinsel spiegelt 20 Jahre Planungen – und wird vom Humboldt-Forum „überholt“

Bernhard Schulz

1999 war es, an einem sonnigen Herbsttag, da der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Richtfest der Sanierung der Alten Nationalgalerie den Willen der Regierung kundtat, die Museumsinsel binnen eines weiteren Jahrzehnts fertigzustellen. Eine längere Wartezeit, so der Tenor aller Reden dieses schönen Tages, sei den Bürgern nicht zuzumuten.

Nun ist dieses zweite Jahrzehnt seit dem Fall der Mauer auch schon beinahe Geschichte – und die Museumsinsel ist weit davon entfernt, als rundum renoviertes Prachtstück Berlins dazustehen. Immerhin wird noch im Herbst dieses Jahres mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums eine veritable Nachkriegspremiere gefeiert werden, lag doch der 1855 vollendete Bau seit 1945 als Kriegsruine in Trümmern. Im Unterschied zu den anderen, gleichfalls aufs Schwerste in Mitleidenschaft gezogenen Bauten gelang es zu DDR-Zeiten nicht, das Bauwerk und sei es auch nur teilweise wieder instand zu setzen. So wird das an diesem ersten Märzwochenende zur Besichtigung in noch uneingerichtetem Zustand freigegebene Bauwerk ein vollständig neues Erlebnis bieten – und nebenbei daran erinnern, dass die Museumsinsel als Ganzes überhaupt nur neun Jahre lang zu erleben war, zwischen der Fertigstellung des Pergamonmuseums im Jahr 1930 und der Schließung der Museen im Zuge der Hitlerschen Kriegsentfesselung 1939.

Die Museumsinsel, dieses Ensemble aus fünf im Laufe eines vollen Jahrhunderts errichteten Bauten, hat sich nun doch als schwieriger erwiesen, als das in den Jahren der Wiedervereinigung der Staatlichen Museen erhofft worden war. Wie bei wenigen anderen Einrichtungen Berlins handelte es sich in der Tat um eine „Wieder“-Vereinigung, war doch die Zerreißung der Sammlungen zwischen Ost und West dem Zufall der Geschichte geschuldet, ohne dass sich die Museen jemals als getrennt empfunden (und auch noch lange Jahre nach 1945 verhalten) hätten. Unstrittig war, dass „die“ Insel, wie sie von den Mitarbeitern stets genannt wurde, erneut zum Mittelpunkt dieses Weltmuseums namens Staatliche Museen Berlin werden müsse; ungeachtet ihres seit den sechziger Jahren hinzugekommenen zweiten Hauptstandortes am Kulturforum nahe dem Potsdamer Platz.

Doch die Neuorganisation der Sammlungen, deren im Westen gelegene Teile mittlerweile kräftig gewachsen waren, ließ eine schlichte Rückkehr zum status quo ante nicht zu. Allein die Gemäldegalerie hatte einen Umfang erreicht, der die bereits vor dem Krieg höchst problematische Unterbringung in den beiden Häusern des Bode-Museums, des vormaligen Kaiser-Friedrich-Museums, und dem Nordflügel des Pergamonmuseums nicht mehr gestattete.

Und: Es war ja eine neue Gemäldegalerie als Ersatz für das jahrzehntelange Dahlemer Provisorium bereits im Bau. Um diesen Neubau am Kulturforum entbrannte der heftigste Streit, den die Staatlichen Museen je durchzustehen hatten. Hatte nicht erst 1985, vier Jahre vor dem Mauerfall, die Planung für das Kulturforum gestoppt werden müssen, weil die Ergebnisse in Gestalt des Kunstgewerbemuseums und der gemeinsamen Eingangshalle allzu unsinnlich, ja hässlich ausgefallen waren? Und war es andererseits nicht geboten, den Zusammenhang der abendländischen Kunst auf der Museumsinsel wieder sichtbar zu machen, wo ansonsten die Alte Nationalgalerie mit ihrem Bestand an Werken des 19. Jahrhunderts sowohl von den Alten Meistern als auch vom 20. Jahrhundert getrennt geblieben wäre, die beide am Kulturforum beheimatet sein würden?

Damals, Anfang der neunziger Jahre, setzte sich die einmal verfolgte Linie durch: Der begonnene und finanziell gesicherte Bau am Kulturforum wurde weiterverfolgt und genau so beendet, wie er für die Dahlemer Bestände konzipiert worden war. Es herrschte die – im milderen Licht des Rückblicks wahrlich nicht gering zu veranschlagende – Furcht, der Bund könnte sich ganz von der Finanzierung verabschieden; angesichts der Lasten, die die deutsche Einheit immer deutlicher zu erfordern begann.

Es kam dann doch anders; versöhnlicher vor allem. Das Bode-Museum, um dessen Existenz die Ost-Berliner Museumsleute erbittert rangen, erhielt nicht nur die Skulpturensammlung, sondern zumindest eine Reihe von ergänzenden Gemälden und Objekten; ganz so, wie es ihr Gründer Wilhelm von Bode einst im Sinn gehabt hatte. Ja, im Laufe der Zeit – und einer neuen Ära im Amt des Museums-Generaldirektors – reifte sogar der Plan, eine weitere, neue Gemäldegalerie in Nachbarschaft des Bode-Museums zu errichten, die gerade mal erst 1996 eingeweihte Galerie am Kulturforum hingegen für die ausufernden Bestände des 20. Jahrhunderts umzuwidmen.

Dem Museumsbesucher schwirrte der Kopf ob all der „Masterpläne“, die da einer nach dem anderen hervorgezaubert wurden; von all den Rochaden, denen die Kunstwerke unterliegen sollten. Wie lange wird es allein noch dauern, etwa die – völlig unstrittige – Vereinigung aller Bestände des Ägyptischen Museums auf „der“ Insel zu bewerkstelligen! Denn erst mit der Sanierung des Pergamonmuseums werden die architektonischen Großmonumente der Ägypter hier zu sehen sein, während die Büste der Nofretete nach mehrmaligem Umzug bereits im Herbst dieses Jahres ihren endgültigen Standort im Neuen Museum einnehmen wird.

Und doch scheinen diese Probleme vergleichsweise klein gegenüber dem Plan des Humboldt-Forums, der erst im vergangenen November ein architektonisches Bild in Gestalt des Entwurfs des Italieners Franco Stella gewonnen hat! Wie viele Jahre ist um den Wiederaufbau des Hohenzollern-Schlosses gerungen worden, ehe mit dem kühnen Vorhaben, alle ethnologischen Sammlungen in die Mitte der Stadt zu bringen, ein tragfähiges Konzept für die Nutzung gefunden war!

Nun wird die Errichtung des Humboldt-Forums parallel zu den weiteren Arbeiten auf der Museumsinsel vonstatten gehen – und sie, wenn denn die Planungen greifen, sogar um einige Jahre überholen. Denn bereits 2013/14 soll das Humboldt-Forum seine (Schloss-) Portale öffnen und eine neuartige Verbindung von Ausstellungen und Veranstaltungen bieten, wie sie in den Häusern der Museumsinsel nicht möglich wäre. Das aber tut ihrer Anziehungskraft keinerlei Abbruch. Von Mitte Oktober an wird sich vielmehr das Neue Museum mit den Beständen (nicht nur) des Ägyptischen Museums als zweiter großer Magnet neben dem Pergamonmuseum etablieren. Und dessen weltweit einmaliger Bestand an Architekturmonumenten ist Schritt für Schritt in Restaurierung begriffen, so dass die furchtbaren Bilder insbesondere vom Pergamon-Saal der Jahre nach 1945 unwirklicher scheinen denn je.

Die wechselvolle Geschichte der Staatlichen Museen lässt die Bedrohung durch Krieg und Zerstörung deutlicher werden, als dies an anderen Stellen des wiedervereinten Berlin der Fall ist. Unendlich viel ist zumal in den letzten Kriegstagen, ja noch danach zugrunde gegangen. Darüber können die teils glanzvollen, teils bewusst zurückhaltenden Restaurierungen der Bauten nicht hinwegtäuschen. Der wunderschön wiederhergestellte Glanz der Alten Nationalgalerie und das karge Mauerwerk des Neuen Museums gehören zusammen. Sie sind die beiden Seiten ein und derselben Medaille.

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