Zeitung Heute : Immer mehr Frieden

Stefan Jacobs

Was wird heute wichtig?

Auf den Tag genau 65 Jahre ist es her, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselte. „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen“, lautete die Lüge, mit der Hitler den Angriff auf Polen rechtfertigte.

Zwölf Jahre nach Kriegsende, am 1. September 1957, rief der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erstmals zu Demonstrationen und Mahnwachen unter dem Motto „Nie wieder Krieg“ auf. Seitdem wird hier zu Lande alljährlich am 1. September der „Antikriegstag“ begangen. In der DDR hieß er „Weltfriedenstag“, im Kern ging es um dieselbe Sache – um Abrüstung und eine friedliche Welt.

Die Idee zu einem Weltfeiertag für den Frieden ist älter als beide deutsche Staaten: Sie kam schon 1845 in England auf und wurde in Deutschland bereits nach dem Ersten Weltkrieg von Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Friedensinitiativen aufgegriffen.

Neben dem Gedenken an Opfer bestimmen auch aktuelle Fragen den Antikriegstag. Heute wird die Friedensbewegung zwar keine so großen Menschenmengen mobilisieren wie zu Zeiten des Kalten Krieges und vor dem US-geführten Angriff auf den Irak, aber die Themen werden ihr nicht ausgehen. „Ich glaube nicht, dass die Friedensbewegung verschwunden ist“, sagt Matthias Jochheim. Der Mediziner aus Frankfurt am Main ist einer von etwa 8000, die sich in Deutschland für „Ärzte gegen den Atomkrieg“ engagieren. Beobachtet werden die Lage im besetzten Irak und der Wahlkampf in den USA. Der Friedensbewegung gilt Präsidentschaftskandidat John Kerry weniger als ein Hoffnungsträger, denn als das kleinere Übel gegenüber Amtsinhaber George W. Bush. Aber die unterschiedlichen Gruppen – von Kirchen über Globalisierungskritiker und Sozialdemokraten bis zu Künstlern – finden ihre Themen ganz in der Nähe. Die europäische Verfassung betrachten sie mit Sorge, weil die „eine Militarisierung der EU“ festschreibe, wie Christian Gollar vom Netzwerk Friedenskooperative in Bonn beklagt. Wenn die Verfassung die EU-Mitgliedstaaten zum Aufrüsten zwingt, ist das ein Thema für Diskussionsrunden vor und hinter den Kulissen. An letzteren wirken auch Europaparlamentarier mit.

Die politische Lobby der Friedensbewegten schwächelt ein wenig, seit die Grünen sich nicht mehr so beteiligen wie früher. Die PDS kommt als Ersatz kaum in Frage, weil sie aus Sicht der Friedensbewegung zu wenig pazifistische Tradition und zu viel Opportunismus verkörpert. In Deutschland sind heute mehr als 100 Kranzniederlegungen, Lesungen und Kundgebungen geplant, darunter die Gedenkfeier mit dem polnischen Botschafter Andrzej Byrt in der Neuen Wache in Berlin. Dass es im vergangenen Jahr noch mehr Veranstaltungen waren, beunruhigt die Friedensaktivisten nicht: Der nächste Anlass, auf die Straße zu gehen, kommt bestimmt, sagen sie.

www.friedenskooperative.de

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