Zeitung Heute : Immer mehr Unternehmen nutzen das alternative Betriebssystem

Markus Rimscha

Das freie UNIX-Betriebssystem Linux ist in aller Munde. Mit unglaublichen Wachstumsraten macht es auf sich aufmerksam. Mittlerweile beginnen auch die großen Software-Konzerne, ihre Produkte für Linux zu entwickeln. So hat SAP auf der diesjährigen CeBIT die Standardsoftware R/3 als Linux-Version vorgestellt und investiert in den Linux-Distributor Red Hat. Auch IBM sieht in Linux eine potenzielle Alternative für den Anwender und will das System daher umfassend unterstützen. Welche Chancen hat Linux als Betriebssystem-Alternative, beispielsweise gegenüber den verschiedenen Windows-Varianten? Wie interessant ist es für den Einsatz in Unternehmen und wo liegen momentan die größten Probleme?

Roland Appel ist Manager des Technical Marketing von Borland/Inprise. In seinem Haus wird unter anderem die sehr populäre Programmiersprache Delphi entwickelt. Er sieht in Linux bereits heute eine ernsthafte Konkurrenz zu Windows NT, zumindest im Serverbereich. Hier sei Linux eine stabile, leistungsfähige und preiswerte Alternative. Berührungsängste mit dem System, das lange als Hacker-Plattform für Computer-Freaks betrachtet wurde, sieht er schwinden. Insbesondere der Einsatz als Server im Internet biete gute Chancen für Linux, wenn auch der Haupt-Server, der die Internetseite "borland.com" verwaltet, unter dem kommerziellen UNIX Solaris betrieben wird.

Ein Manko von Linux sei - wohl resultierend aus dem nicht-kommerziellen Vertrieb der Software - der vergleichsweise schwache Support. Dieser Aspekt wird allerdings nicht als sehr schwerwiegend betrachtet, da sich das Internet mit sehr zeitnahen Informationen zum Support-Medium entwickle. Bei Borland/Inprise selbst wird Linux bereits in einigen Teilbereichen eingesetzt. Schon wegen der zunehmenden Produktentwicklung für diese Plattform wird auch über den weiteren Einsatz nachgedacht.

Auch Dieter Schmitz von GFA Software Technologies hält Linux für ein interessantes Thema. Ein wesentlicher Hemmschuh für die Verbreitung von Linux im Firmenbereich seien die zahlreichen, weitgehend etablierten Windows-Anwendungen. Ein guter Windows-Emulator, mit dessen Hilfe diese Software auch unter Linux betrieben werden könnte, wäre eine große Erleichterung. Daher wird das freie System intern auch noch nicht eingesetzt. Das "Computer-Freak"-Image verblasst nur langsam. Erst seit etwa zwei Jahren präsentiert sich Linux mit einer vergleichsweise einfachen Installation über eine ansprechende Oberfläche und sei so für den Laien überhaupt zugänglich. Wegen der zunehmenden Bedeutung der Plattform ist geplant, das bekannte GFA-Basic gegen Anfang 2001 auch für Linux vorzustellen. Das viel gelobte open-source-Prinzip, nach dem Linux verbreitet wird, hat nach Schmitz nicht nur Vorteile.

Zwar sind hier Fehler leichter zu finden, da der Programmtext öffentlich zugänglich ist, so kann die Qualität von Software gesteigert werden. Andererseits kann jeder das System speziell an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Für einen Softwareentwickler könnten Schwierigkeiten entstehen, wenn eine Anwendung 100-prozentig laufen soll. Eine Standardisierung des Systems würde so zu einer wichtigen Voraussetzung für dessen Erfolg, die guten technischen Werte allein seien hier nicht ausreichend.

Eine weitere Schwierigkeit seien die hohen Investitionen, die viele Unternehmen bereits in das Windows-System getätigt haben. Neben Lizenzen und Hardware haben insbesondere Anwendungssoftware und Mitarbeiterschulungen stark zu Buche geschlagen. Diese Investitionen sollen sich auch lohnen, weswegen viele Firmen nicht ohne weiteres umsteigen können und wollen. Jochen Kaiser von starcon information systems sucht bei Linux vergeblich den Support. Die bei gängigen kommerziellen Systemen üblichen Support- und Wartungsverträge vermisst er ebenso wie Business-Lösungen und Anwendungen für Linux. Die mächtige grafische Oberfläche KDE wird als noch zu unstabil eingestuft. Insgesamt wird Linux wegen seiner im Vergleich zu Windows NT überlegenen Stabilität als Alternative im Server-Bereich gesehen, da hier eine grafische Schnittstelle keine Rolle spiele. Der Endanwender sei aber auf eine komfortable Oberfläche mit einfach zu bedienenden Office-Anwendungen angewiesen. Obwohl hier noch Nachholbedarf besteht, sieht Schmitz gute Perspektiven für Linux.

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