Zeitung Heute : Immer nur lächeln

Vor vier Wochen starb seine Frau. Jetzt macht er Wahlkampf. Wie der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen das aushält

Jan Pfaff[Bremen]

Nachdem Jens Böhrnsen sich bei Jägereintopf die Sorgen der Menschen im Stadtteil Marßel angehört hat, steht er in der Frühlingssonne und wartet, dass sein Fahrer den Dienstwagen vorfährt. Ein älterer Mann tritt auf ihn zu. „Wie geht’s dir?“, fragt er. „Einigermaßen“, antwortet Böhrnsen. Mehr muss er nicht sagen. Die Menschen hier verstehen ihn schon.

Böhrnsen ist seit November 2005 Bremer Bürgermeister. Bei der Landtagswahl am 13. Mai tritt er das erste Mal als SPD-Spitzenkandidat an. Der 57-Jährige soll die SPD im kleinsten Bundesland wieder zu einem klaren Sieg führen. Stärke und Zuversicht soll er ausstrahlen – und muss zugleich einen schweren Schicksalsschlag verkraften.

Vor vier Wochen brach seine Frau Luise Morgenthal während der Arbeit zusammen. Zwei Tage lag sie mit einer Gehirnblutung im Koma, dann starb sie, 58 Jahre alt. Morgenthal war Leiterin des Frauenstrafvollzugs, engagierte sich ehrenamtlich für verwaiste Kinder. Seit 1996 war sie mit Böhrnsen verheiratet. Die Anteilnahme der Bremer am plötzlichen Tod der Bürgermeistergattin war groß. 500 Menschen kamen zur Trauerfeier, hunderte von Kondolenzbriefen gingen im Rathaus ein. Für zwei Wochen sagte Böhrnsen sämtliche Termine ab. Dann kehrte er an seinen Schreibtisch zurück, setzte den Wahlkampf fort. Alles hinzuwerfen, daran habe er nie gedacht, sagt er. „Wenn mir meine Frau noch etwas hätte raten können, dann hätte sie sicher gesagt, ich soll diese Arbeit fortsetzen. Das war auch ihr wichtig.“

Und so ist Böhrnsen wieder jeden Tag von früh bis spät unterwegs, ein Termin reiht sich an den nächsten. An diesem Nachmittag das Frühlingsfest der Arbeiterwohlfahrt Bremen-Nord. In dem großen Saal sitzen an langen, weißen Tischen etwa 200 ältere Menschen. Jeder hat ein Stück Apfelkuchen mit Sahne vor sich, Kaffee aus Thermoskannen wird gereicht. Der Bürgermeister bekommt zur Begrüßung freundlichen Applaus. Er spricht kurz über soziale Gerechtigkeit, die notwendige Solidarität zwischen den Generationen. Seit mehr als 25 Jahren sei er überzeugtes Mitglied der Arbeiterwohlfahrt.

Dann macht Böhrnsen die Runde im Saal, an jeden Tisch setzt er sich für ein paar Minuten – Basisarbeit im Wahlkampf. Die Leute fragen ihn, den gebürtigen Bremer, in welcher Straße er aufgewachsen ist, wo er zur Schule ging. Aber an jedem Tisch gibt es auch Bürger, die ihm noch kondolieren. Böhrnsen nickt dann bedächtig. Er empfinde die vielen Beileidsbekundungen im Wahlkampf nicht als unangenehm, sagt er. „Die große Anteilnahme zeigt, dass meine Frau bleibende Spuren in der Stadt hinterlassen hat. Das macht mich stolz.“

Dennoch sind die öffentlichen Auftritte für ihn eine Gratwanderung. Zu den Aufgaben eines Spitzenkandidaten gehört es, viel zu lächeln, sympathisch und zuversichtlich zu wirken. Böhrnsen erfüllt diese Erwartungen, er lächelt oft auf dem Frühlingsfest der Senioren. Wie macht er das, wenn er ständig auf den Tod seiner Frau angesprochen wird? „Trauer um einen Menschen und Zuversicht, was die Zukunft Bremens angeht – das ist für mich kein Widerspruch“, sagt er. Der Wahlkampf sei für ihn keineswegs eine Flucht. „Ich verdränge die Trauer nicht, ich integriere sie in meinen Alltag.“ Er habe nie für Spaßpolitik gestanden, deswegen müsse er sich auch jetzt nicht verbiegen. Man könne im Wahlkampf dennoch lächeln. Morgens, abends und in der Nacht gebe es noch genug lange, einsame Stunden zum Nachdenken, sagt Böhrnsen.

Bisher ist der Wahlkampf in Bremen wenig kontrovers. Das ist aber nicht so sehr der Rücksichtnahme auf Böhrnsen geschuldet, das hat vielmehr Tradition. In der Hansestadt tut man sich nicht wirklich weh. Ob er bei den Wählern einen Mitleidsbonus bekommen könnte, darüber weigert er sich nachzudenken. „Jede Gedanke in diese Richtung käme mir würdelos vor“, sagt er.

Seit 1995 wird Bremen von einer Großen Koalition aus SPD und CDU regiert. Anders als sein Vorgänger Scherf will Böhrnsen sich aber nicht vor der Wahl auf eine Fortsetzung der Großen Koalition festlegen. „Über die Regierungskonstellation entscheidet der Wähler, niemand sonst“, sagt er. Manche in Bremen halten bereits das für gewagt.

In einem Prunksaal des Rathauses diskutiert Böhrnsen am Abend mit seinem Regierungspartner Thomas Röwekamp. Der 40-Jährige ist Spitzenkandidat der CDU. Ölgemälde hängen an der Wand, die Stühle haben das Stadtwappen eingeprägt. Persönliches spielt bei dieser Veranstaltung keine Rolle, es geht um Sachpolitik. Der Moderatorin fällt es schwer, überhaupt Unterschiede zwischen den Kandidaten herauszuarbeiten. Beide wollen sparen, um den Schuldenberg von 14 Milliarden Euro abzutragen, beide wollen die Betreuungsangebote für Kinder verbessern. Röwekamp schließt Studiengebühren nicht aus, Böhrnsen lehnt sie rigoros ab – viel mehr Streit gibt es nicht.

Als der CDU-Kandidat zu einer längeren Rede ausholt, faltet Böhrnsen auf dem Tisch sein Hände übereinander. Sein Blick schweift nach oben zur Saaldecke. Für einen Moment wirkt er entrückt – als wäre der Wahlkampf für Jens Böhrnsen auf einmal sehr weit weg.

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