Zeitung Heute : Immer unter Strom

Solaranlagen kennen nur eitel Sonnenschein. Sie lassen sich bei Bränden praktisch nicht abschalten. Doch neue Sicherheitsschalter können nun die Gefahr eines Stromschlags bändigen

Vom Dach in die Steckdose. Seit der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zur Jahresmitte 2010 gibt es für selbst produzierten Sonnenstrom eine gesetzlich garantierte Vergütung, wenn der eigene Haushalt den Strom nutzt. Foto: Jochen Zick / Keystone
Vom Dach in die Steckdose. Seit der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zur Jahresmitte 2010 gibt es für selbst...Foto: Jochen Zick / Keystone

Das Thema ist gesetzt, und für die Besitzer von Fotovoltaik-Anlagen auf dem eigenen Haus wird es inzwischen zum Thema Nummer eins – die nachrüstbare Sicherheitstechnik für die Solardächer. Denn die Investition in die erneuerbare Energie vom Typ Sonnenkraft kann auch eine Schattenseite haben: Wenn es brennt, wenn eine Explosion oder ein Sturm das Haus beschädigt, wenn unerwartet hohe Schneelasten das Dach eindrücken. Wenn Rettungskräfte anrücken müssen, gibt es es unter dem Solardach eine komplizierte Lage.

Präsentiert wurde die Nachrüst-Technik, die einen Teil der Probleme mit der Fotovoltaik (FV) lösen kann, auf der Fachmesse Intersolar Anfang Juni in München. Und der Berliner Ralf Haselhuhn, weithin anerkannter Experte für Sicherheitsfragen von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie e. V. (DGS), stimmte auf der parallelen Fachkonferenz in einem Workshop das Thema „Fotovoltaik und Brandschutz“ an.

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die Solarmodule auf dem Dach bei Sonnenschein oder auch nur bei sanftem Tageslicht gar nicht aufhören können, Strom zu produzieren: An den Leitungen vom Dach durch das Haus liegen je nach Größe und Bauart der Anlage 400 bis 1000 Volt an. In Gleichstrom, das macht die Sache noch ungemütlicher. Üblicherweise werden die Solarmodule auf dem Dach installiert und zu Gruppen zusammengeschlossen. Der Gleichstrom wird in einem Kabelstrang durch das Haus zu einem Wechselrichter geleitet, die Solarenergie in Wechselstrom umwandelt und in das öffentliche Netz einspeist. Wechselrichter werden überwiegend neben dem Zählerkasten der öffentlichen Stromversorgung aufgestellt.

Hier beginnt das schöne Leben für den Solaranlagen-Besitzer – die Einspeisungsvergütung fließt. Richtig unschön wird es erst im Havariefall. Die Rettungskräfte müssen sich schnell einen Überblick über die Eigenheiten einer jeden FV-Anlage verschaffen, und das hat seine Tücken. Verbindliche Einbau-Normen gibt es immer noch nicht. Die Berliner Bauordnung und die Landesbauordnung Brandenburg lassen den privaten Bauherren nahezu freie Hand. Wer aber hat im Notfall die Dokumentation über den Einbau seiner Fotovoltaik-Elemente zur Hand – wenn es überhaupt eine gibt.

Profis vom Schlage der Berliner Berufsfeuerwehr trauen sich einiges an Geschick für besondere Gefahrenlagen zu, gut trainierte Freiwillige Feuerwehren auch. Nach der teils heftigen Diskussion über FV-Dächer („Abbrennen lassen oder löschen“) sollten die Wehrmänner landesweit vorgewarnt sein. Ralf Haselhuhn ist da um einiges vorsichtiger: „Was passiert, wenn die Rettungskräfte in ein völlig verrauchtes Haus eindringen müssen, um Menschen zu bergen? Und da hängt frei ein Gleichstromkabel mit beschädigter Isolierung, das bis zu 1000 Volt führt?“. Nur diese Antwort ist gewiss: Ab 120 Volt Gleichstrom besteht bei Berührung Lebensgefahr. Löschgruppen müssen Sicherheitsabstände haargenau einhalten.

Für das Ding, das jetzt helfen soll, hat sich der Begriff „Feuerwehrschalter“ herausgebildet. Einer der ersten auf dem Markt ist SOL30-Safety, den Eaton, ein Spezialist für Energiemanagement aus Cleveland (USA) entwickelt und auf den Markt gebracht hat. Feuerwehrschalter unterbrechen den Stromabfluss direkt an den Fotovoltaik-Modulen und schalten somit die Gleichstrom-Verkabelung spannungsfrei. Der Eaton-Schalter wird per Fernbedienung, im Notfall automatisch ausgelöst. Auch von Hand kann der SOL30-Safety geschaltet werden, was bei Wartungsarbeiten oder Umbauten sinnvoll sein kann. Für den DGS-Spezialisten Haselhuhn kann man den Feuerwehrschalter gar nicht oft genug überprüfen, denn noch fehlen die Erfahrungswerte, ob diese Schutzschalter auch in zehn, zwanzig Jahren noch einwandfrei arbeiten werden. Auch hier, so Haselhuhn, fehlen noch die Produktnormen: „Sie müssen einfach verlässlich funktionieren.“ Es muss immer Klick machen. Übersichtlich sind dagegen die Kosten einer Nachrüstung: Bei Eaton rechnet man vor, dass sich ein Privathaus mit rund 300 Euro für den Feuerwehrschutzschalter und Einbaukosten von 200 Euro schützen lässt. Der Solarexperte von der DGS ist ähnlicher Ansicht – „mit 1000 Euro kommt ein Einfamilienhaus-Besitzer gut hin“.

Bleibt Problem Nummer zwei, für das es noch keine wirkliche Lösung gibt: Zwar ist die Verkabelung im Haus bei umgelegtem Feuerwehrschalter frei von Gleichstrom, aber die FV-Module auf dem Dach stehen weiter unter der hohen Spannung. Das wäre dann der große Umbau auf dem Fotovoltaik-Dach, der auf die Besitzer von FV-Anlagen zukommen müsste. Allerdings: Geeignete Modulabschalter, die den Gleichstrom auf ein ungefährliches Spannungsniveau bändigen können, gibt es noch nicht. Die Branche bleibt aufgefordert, schreibt Haselhuhn in dem Fachmagazin „Elektropraktiker“, Lösungen zu entwickeln, „die auch wirtschaftlich umsetzbar sind“.

Weitere Informationen unter: www.dgs.de

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