Zeitung Heute : Immer wieder montags

Déjà vu in Leipzig: Die Menschen demonstrieren – und es ist wie ’89 im Herbst

Lothar Heinke[Leipzig]

Die Kirche ist eine Baustelle, und dennoch folgen die Leute dem Geläut von St. Nikolai, zwängen sich in die engen Sitzreihen und versuchen, durch die Rohre des bis in den Himmel wachsenden Stahlgestänges wenigstens den provisorischen Altar mit Kreuz, Kerzen und Blumen zu sehen. Scheinwerfer, Kameras und Tongalgen von Fernsehteams aus Mainz, Köln, Wien, Tokio und Berlin versperren zudem den Blick auf den stadtbekannten Nikolai-Pfarrer Christian Führer mit der blauen Jeans-Weste und dem grauen Igelschnitt. Aber jeder kann hören, was er seiner „lieben Friedensgebetsgemeinde“ sagt: dass ihm manchmal „angesichts der Nachrichten und der Kriegsmentalität regelrecht schlecht“ zu werden droht. Dass, wer das Schwert zieht, durch das Schwert umkommen werde. Und dass wir „ohne Friedensgebet und ohne die montäglichen Friedensdemonstrationen der Resignation hilflos ausgeliefert“ wären. Doch das ist eben nicht so: „Leipzig kommt, wenn es drauf ankommt – diese Erfahrung gibt uns in beängstigenden Zeiten Mut und Zuversicht.“

St. Nikolai ist die Kirche der Friedensbewegung. Seit Anfang der achtziger Jahre treffen sich junge Christen jeden Montag zum Friedensgebet – im Westen gehen die Antikriegsdemonstranten auf die Straße, hier, in den Gassen der Leipziger Innenstadt, bietet nurmehr die Kirche in ihrem spätgotischen Hallenschiff den freien Raum zu (argwöhnisch beäugter) Verkündigung von Sanftmut und Frieden. Doch 1989 sprengt dieses „Wir sind das Volk!“ alle Mauern – auch aus dieser Kirche kommt der Geist der Friedfertigkeit über die Stadt, die sich später „Heldenstadt“ nennen sollte, in der am 9. Oktober 1989 die Lunte brannte und alles auf der Kippe stand – bis die brennenden Kerzen der Gewaltlosigkeit über eine waffenstarrende Macht obsiegten. Hunderttausende zogen damals montags um den Ring – wiederholt sich das 13 Jahre danach vor einem drohenden Krieg?

Pfarrer Führer meint, Inhalte und Bedingungen seien zwar andere, doch die Sehnsucht der Menschen, nicht einfach über sich verfügen zu lassen, sei dieselbe. „Die Leute haben erlebt, dass es sich lohnt, sich einzubringen und damit Unmögliches zu machen. Diese Erfahrung lebt weiter.“

Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, der in der ersten Reihe kraftvoll mit der Gemeinde das „We shall overcome“ singt, sieht das Verbindende zwischen den Demonstrationen vor 13 Jahren und heute darin, dass sich die Leipziger und die von außen in die Stadt strömenden Freunde des Friedens einem bedrängenden politischen Thema stellen. „Wir kommen aus der Zeit der friedlichen Revolution von 1989 und wissen, dass es ganz klein beginnt und ganz groß endet, wenn am Ende ein Weltsystem zusammenbricht. „Wichtig ist, dass man seine Stimme erhebt, wenn es darauf ankommt.“ Und hier, heute, jetzt, komme es sehr wohl darauf an, denn die Sorge ist groß, dass aus dem Aufmarsch von Soldaten ein Krieg mit unabsehbaren Folgen entstehen könnte. „Es muss einen anderen Weg geben, diesen Diktator und seine Diktatur zu beseitigen“, sagt der OB, der sich auf seine Leipziger verlassen kann, weil sie politische Themen nicht nur auf dem Sofa diskutieren, „sondern die Straße unter die Füße nehmen, um ihre Haltung zu zeigen, und da bin ich sehr dankbar, dass es das gibt“.

Es ist wie eine Lawine, wie eine Flut: Kurz nach Weihnachten ziehen 18 Leute nach einer Mahnwache gegen den drohenden Irak-Krieg durch die engen Straßen der City, von Woche zu Woche werden es mehr, vor zehn Tagen sollen es 18000 gewesen sein, die den alten Weg „von damals“ rund um den Ring genommen hatten, und an diesem Montag sprechen die Veranstalter nach der Abschlusskundgebung auf dem Augustusplatz von 20000, während die Polizei die Zahl von 10000 schätzt.

Der Zug formiert sich nach dem einstündigen Friedensgebet, das mit seinen Worten und Liedern auf den Kirchplatz übertragen wird. Bei ihrem stillen Marsch über die Grimmaische und die Petersstraße zum Ring und Augustusplatz tragen die Demonstranten die Worte dieser Tage über den Köpfen: Gegen Bush, gegen Saddam Hussein – die Welt kein Rumsfeld, lesen wir, und immer wieder die historische Losung „Schwerter zu Pflugscharen“. Die Bibelworte hat Wilfried Güldner noch zu „wilden DDR-Zeiten“ auf ein weißes Betttuch gemalt und damit damals in Meißen die Stasi geärgert, „ich muss mit meinem Schmied, der das Schwert umbiegt, sehr öffentlichkeitswirksam gewesen sein, denn die Stasi hat seitenlang darüber berichtet“, sagt der arbeitslose Schweißer, der inzwischen in Leipzig wohnt und nicht geglaubt hätte, dass er sein Transparent noch einmal aus dem Keller holen und damit durch die Straßen ziehen muss. „Ich bin froh, dass meine Regierung tapfer durchhält und ihrer Antikriegslinie treu bleibt“, sagt er.

Damals riefen wir „Keine Gewalt!“ – heute wieder. Dies ist eine Parallele, sagt die Bauingenieurin Karola Michaelis. Sie hält eine Kerze in der Hand, um zu zeigen, „dass ich Christ bin und mein Protest aus dieser Richtung kommt und nicht aus der der PDS“. Deren rote Fahnen flattern neben denen der SPD im Zug, es gibt keine Sprechchöre und keine Musik. Man spürt eine Mischung aus Stolz, Angst, Hoffnung, Zuversicht und Trotz – und Zorn.

„Ich habe die Hölle von Krieg erlebt. Ich habe die Belagerung von Leningrad überstanden. Ich war mit Kurt Masur im Gewandhaus, als das Politbüro abgewählt wurde. Ja, auch das haben wir hier erreicht. Heute laufe ich hier durch Leipzig, damit kein neues Stalingrad entsteht, wo auch immer. Für meine Kinder. Für meine Enkel. Und ich bin stolz, dass meine Regierung entschieden nein sagt.“ Nake Flock, Witwe eines stadtbekannten Wissenschaftlers, erinnert sich, wie das damals war: „Wir sind auf die Straße gegangen für freie Rede, freie Bewegung, Unabhängigkeit, und wir hatten Erfolg. Jetzt können wir als freie Menschen mit hoch erhobenem Haupt durch die Straßen unserer neu erblühenden Stadt gehen, ohne Angst vor der Staatsmacht, aber mit Angst vor jener fremden Macht, die Krieg heißt: Wir glauben an die Vernunft“.

Es ist spät geworden und kalt auf dem Augustusplatz, der früher Karl-Marx-Platz hieß und auf dem die Oper steht, dort gibt es an diesem Abend Igor Strawinskys Ballett „Das Frühlingsopfer“.

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