Zeitung Heute : „Imperiale Schlussinszenierung“

Hans-Olaf Henkel, Präsident der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz

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Sonntagsfragen ohne Differenzierung nach Erst- und Zweitstimme werden den kleineren Parteien nicht gerecht. Kein Wunder, dass das Meinungsforschungsinstitut Allensbach, welches schon über viele Wahlen hinweg den mit Abstand besten „record“ hat, von allen Instituten der FDP die höchsten Umfragewerte und damit Schwarz-Gelb einen uneinholbaren Vorsprung bescheinigt. Eigentlich ist die Sache gelaufen.

Eigentlich, denn Gerhard Schröder wird nicht so leicht aus seinem Arbeitszimmer zu vertreiben sein. Man sieht förmlich, wie Stoiber ihn aus dem Arbeitszimmer zieht, er sich an Schreibtisch und Wänden festkrallt und beim Verlassen die Tapeten von den Wänden zieht. Kohl war immerhin 16 Jahre Kanzler. Müsste Schröder nach nur vier Jahren gehen, er wäre jämmerlich gescheitert. Kein Wunder, dass er sich auf alte Tricks seines Vorgängers besinnt.

Seinen ersten Gegenangriff führte er mit Einsetzung der Hartz-Kommission. Er steht damit in bester Kohl’scher Tradition. Kohl verstand es meisterhaft, durch zahlreiche erst Ost-, dann Kanzler- und schließlich Bündnisrunden – letztere hatte nicht etwa Schröder erfunden – durch viel Gerede über Reformen den Eindruck zu vermitteln, es würde tatsächlich reformiert. Beim Wähler kommt das nicht mehr an. Dieser Hartz-Zwischenspurt wird trotz oder gar wegen der imperialen Schlussinszenierung den Abstand zu Schwarz-Gelb wohl kaum verringern.

Der zweite Akt folgte mit einer neuen Auflage des „deutschen Weges“. Zwar hatte auch Kohl gern von deutschen Sonderwegen gesprochen: von der Mitbestimmung, des als Tarifautonomie getarnten Tarifkartells oder von der Handwerksrolle. Aber hier verließ Schröder die Spur seines großen Vorbildes in Sachen Taktik. Von außenpolitischen Sonderwegen haben die Deutschen die Nase voll. Statt Boden gut zu machen, geriet er ins Stolpern.

Aber nun die große Flut! Machte nicht schon 1962 eine Flut aus einem unbekannten Hamburger Innensenator einen späteren Bundeskanzler? Glaubt Matthias Platzeck selbst, dass er ohne seine damalige als Umweltminister auf allen Deichen allgegenwärtige Präsenz heute Ministerpräsident in Brandenburg wäre? Konnte nicht schon Kohl mit ergriffener Miene den Geist vom Oderbruch beschwören und von seinen Schwächen für kurze Zeit ablenken? Das traue ich Schröder auch zu. Es muss ja nur noch für vier Wochen reichen. Foto: dpa

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