Import Shop : Shoppen unterm Funkturm

1962 startete die Messe „Partner des Fortschritts“ als Plattform für Informationen über die Dritte Welt und Entwicklungshilfeprojekte.

Eröffnungsfeier. Ludwig Erhard und Willy Brandt mit Mannequins aus Ghana bei der Premiere 1962. Foto: Messe Berlin
Eröffnungsfeier. Ludwig Erhard und Willy Brandt mit Mannequins aus Ghana bei der Premiere 1962. Foto: Messe Berlin

Prickelnde Klänge einer ghanaischen Kapelle, acht afrikanische Schönheiten, die auf dem Laufsteg neben traditionellen Kente-Gewändern Berliner Schick zeigen, und ein begeistertes Publikum: Diese Sensation im Palais am Funkturm war Anfang der 60er Jahre das Debüt für den heutigen Import Shop Berlin. Im September 1962 zog die im Rahmen der Deutschen Industrieausstellung unter dem Leitgedanken „Partner des Fortschritts“ eingeleitete Afrika-Schau das Interesse Tausender Besucher auf sich. Heute ist aus der Sonderschau eine exotische Shoppingmeile geworden, die aus dem Veranstaltungskalender der Hauptstadt nicht wegzudenken ist. Jedes Jahr an trüben Herbsttagen entführen Aussteller aus über 50 Ländern zu einer Weltreise und präsentieren dabei eine Fülle an hochwertigen Waren, von Kunsthandwerk bis zu außergewöhnlichen Weihnachtsgeschenken.

Trotz allen schmückenden Beiwerks ist der Import Shop Berlin mehr als nur ein kunterbuntes Einkaufsparadies. Er ist zugleich eine Plattform für Informationen über die Dritte Welt und Entwicklungshilfeprojekte sowie ein Forum zur Förderung sozialer Kompetenzen. Dazu trägt das von den Veranstaltern initiierte Partnerlandkonzept bei. Nach Indonesien, Ägypten, Kolumbien und Namibia erhält in diesem Jahr Marokko die Gelegenheit, sich mit seinem Potenzial vorzustellen.

Schon 1962 während der Eröffnung der Ausstellung durch den damaligen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard und den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt wurde deutlich, dass ihr Charakter politischer Natur war. Nach dem Bau der Berliner Mauer musste ein Weg gefunden werden, Berlin international nicht zu isolieren. Mit der Blickrichtung auf die Entwicklungsländer sollte nun ein Zeugnis über die Zusammengehörigkeit Berlins zur Welt abgelegt werden. Vom „Symbol am Funkturm“ hatte der Tagesspiegel am 22. September 1962 berichtet: „Das Motto ,Partner des Fortschritts’ ließe sich auf den Wunsch Berlins verwenden, Partner der westlichen Welt und des kulturellen, technischen und wirtschaftlichen Fortschritts zu sein“. Das neue Gesicht der Schau solle dieses Bestreben spiegeln und ein Symbol werden für die ungebrochene Kraft Berlins, trotz der Mauer.

Die Idee ging auf: Durch die enorme Anziehungskraft des Afrikaramas wurde langfristig eine Brücke zum schwarzen Kontinent geschlagen und West-Berlin zum Schaufenster des freien Westens. Eine weitere Entwicklung nahm die Überseeimportmesse 1966 an, als Manfred Busche in ihrem Rahmen die erste Tourismusveranstaltung aus der Taufe hob. Die aus Not geborene Initiative „Partner des Fortschritts“ wurde schließlich zur Wiege der weltgrößten Tourismusbörse ITB und hat so einen neuen Markstein in der Geschichte der Hauptstadt gesetzt.

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