Zeitung Heute : „Impulsgeber für Musikindustrie“

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INTERVIEW

Berlin brüstet sich mit seinen vielen Clubs. Es gibt wohl keine Broschüre über die Stadt, in der nicht mit dem Nachtleben geworben wird. Doch was tut die Stadt für ihre Clubs? Darüber sprachen wir mit Ingrid Walther von der Senatsverwaltung für Wirtschaft. Sie leitet dort das Referat für die Innovationsfelder Medien, Informations- und Kommunikationstechnologie.

Sind Berlins Clubbetreiber für Sie professionell?

Ja. Jeder, der es schafft, seinen Club mit einem attraktiven Programm am Laufen zu erhalten, hat meine Hochachtung. Das Problem bei Clubs, kleinen Labels, Veranstaltern ist jedoch der Wechsel von der eher künstlerischen Tätigkeit zur Professionalität.

Sie meinen das Geldverdienen.

Genau. Viele Clubs und auch Musiklabels schrecken vor allem zurück, was nur den Eindruck erweckt, kommerziell zu sein. Aber irgendwann ist es Zeit, einen Businessplan aufzustellen. Dabei kann der Senat mit vielfältigen Initiativen unterstützen.

Wir haben das Gefühl, dass die blühenden Clublandschaften verdorren.

Es mag sein, dass die Zeit der Industriehallen und Keller vorbei ist. Doch die Szene wird sich halten, weil die Musik lebendig ist. Durch städtebauliche Veränderungen sind leider viele Clubs von Schließung bedroht. Wir unterstützen diese Clubs, indem wir sie in den Gesprächen mit den Immobilienbesitzern beziehungsweise Vermietern begleiten, und ihnen bei der Suche nach Räumen helfen. Allerdings können wir nichts daran ändern, dass durch die zunehmende Entwicklung Berlins interessante Locations wegfallen. Eine staatlich geförderte Clubszene kann ich mir nicht vorstellen.

Aber irgendwas unternehmen Sie schon, oder?

Es gibt ja die Vertretung der Clubs, die Clubcommission. Mit der sind wir im Gespräch. Ich gebe zu, dass die ersten Kontakte etwas eigenartig waren. Man begegnete uns recht misstrauisch. Die Szene gibt sich bewusst staatsfern und hat große Furcht vor staatlicher Majorisierung. Uns liegt nichts daran, eine bevormundende Rolle zu übernehmen. Inzwischen hat sich das Klima gebessert.

Dann hat man Ihnen also irgendwann das Herz ausgeschüttet?

Dabei stellte sich heraus, dass es häufig Probleme mit den Grundstücken gibt. Das Überraschende: Bei einem Gespräch zu dem Thema haben sich die Immobilienfirmen darum gerissen, dabei zu sein. Denn die Clubs sind als Zwischennutzer sehr beliebt: Sie sind dafür bekannt, ihre Miete zu zahlen. Zudem machen sie mit ihren Veranstaltungen das Gelände bekannt und üben eine Art soziale Kontrolle aus.

Wie bitte?!

Weil ständig etwas los ist, gibt es weniger Vandalismus.

Die Clubbetreiber schimpfen über zu viel Bürokratie.

Dies ist ein Vorwurf, der sich gegen die Bezirke richtet. Wir planen, uns gemeinsam mit der bezirklichen Bauaufsicht das Baurecht daraufhin anzusehen, ob es Ermessensspielräume für befristete Nutzungen gibt. In der Zusammenarbeit zwischen Bezirksverwaltungen und Clubbetreibern hilft es bereits, die Mitarbeiter in diesen Bezirken für die Probleme der Clubs und ihre wirtschaftliche Relevanz zu sensibilisieren. Die Clubbetreiber sollen nicht als lästige Bittsteller behandelt werden.

Vielleicht sollte man den Bezirken verdeutlichen, dass Clubs ein Wirtschaftsfaktor sind. Wie viel Geld wird da eingenommen?

Das Umsatzvolumen der Clubs, Discos und Tanzlokale lag nach den letzten Erhebungen von 1998 bei elf Millionen Mark. Darin nicht enthalten sind die Umsätze der kleineren Konzerthallen, und die Abgrenzung zwischen Club und Veranstalter ist ziemlich schwierig. Clubs sind auf jeden Fall Impulsgeber für die Musikindustrie und der Grund, dass sich die großen Musikkonzerne in Berlin ansiedeln. Außerdem sind sie ein Magnet für junge Berlinbesucher und tragen zur Belebung des Tourismus bei. Das heißt, die wirtschaftliche Bedeutung lässt sich nicht nur an Umsatzzahlen ablesen.

Mehr Geld bringen vermutlich die großen Firmen. Bald sitzt die Plattenfirma Universal mit 500 Leuten in Berlin. Um die Großen kümmern Sie sich doch wohl mehr als um die Kleinen?!

Der Eindruck ist falsch. Wir kümmern uns fast nur um die Kleinen. Etwa 8500 der 9000 Medienfirmen in Berlin sind kleine oder mittlere Unternehmen. Eines der Strukturprobleme der Berliner Medienwirtschaft besteht darin, dass hier zu wenig große Unternehmen sind, die auf die kleineren ausstrahlen. Deswegen ist der Umzug von Universal eine Chance für andere Unternehmen.

Das Gespräch führte Björn Seeling

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