Zeitung Heute : In 60 Stunden um die Welt

Australische Kunst gastiert in Berlin – auch auf der Messe

Ulrich Clewing

Eine Tagesreise – dieser doch eher altmodische Ausdruck hat für Gitte Weise eine ganz aktuelle Bedeutung. Fünfundzwanzig Stunden dauert der Flug von Sydney nach Frankfurt. Rechnet man noch den Transfer nach Berlin hinzu, so ergibt sich für Hin- und Rückweg eine Reisezeit von rund sechzig Stunden. Womit für die australische Galeristin die Teilnahme am Art Forum eine fast heroische Dimension annimmt: Zweieinhalb Tage unterwegs sein für fünf Tage Messe, das nennt man vollen Einsatz.

Gitte Weise ist nicht die einzige Kunsthändlerin, die sich auf den Weg um die halbe Welt gemacht hat, um in den nächsten Tagen in Berlin Präsenz zu zeigen. Außer ihr nehmen noch David Pestorius aus Brisbane, der bereits seit 1997 auf dem Art Forum vertreten ist, sowie die Anna Schwartz Gallery aus Melbourne an der Messe teil. Und auch die Kunstzeitschrift „Artlink Magazine“ aus Adelaide hat einen Messestand gemietet, was die Organisatoren der Messe dazu verleitet hat, in diesem Jahr von einem Australien-Schwerpunkt zu sprechen.

Ganz unbegründet ist das nicht. So viel australische Kunst wie derzeit gab es noch nie in Berlin. In den letzten Monaten hat es zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen des Festivals Arts Australia gegeben wie die Tanzperformance „Legs on the Wall“ von Nigel Jamieson, bei der sich die Tänzer von der Fassade eines Hochhauses abseilten. Den Abschluss des Festivals bildet die Ausstellung „Face up – zeitgenössische Kunst aus Australien“, die ab Donnerstag im Hamburger Bahnhof zu sehen sein wird. Im Neuen Berliner Kunstverein stehen Vorträge von australischen Künstlerinnen auf dem Programm. Und auch die Messe widmet einen der „Art-Forum-Talks“ der aktuellen australischen Kunstszene (3. Oktober, 17.30 Uhr).

Das alles ist kein Zufall. Seit geraumer Zeit schon ist zu beobachten, dass der Austausch von Kultur international eine immer größere Rolle spielt, wenn es darum geht, das nationale Image zu pflegen. Spätestens seit den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 weiß man auch in Australien um solche Mechanismen, die bis in feinste Verästelungen reichen: Nigel Jamieson zum Beispiel, im Übrigen ein gebürtiger Brite aus dem Nordosten von London, war nicht nur der Impresario von „Legs on the Wall“, sondern auch der Regisseur der eindrucksvollen Eröffnungsfeierlichkeiten von Olympia 2000. Manchmal freilich bringt es die globale kulturelle Zirkulation mit sich, dass die Wege auch ausgesprochen kurz sind. Gitte Weise, die Galeristin aus Sydney mit der Sechzig-Stunden-Anreise, vertritt auch die Malerin Renate Anger. Und die ist Berlinerin: Ihr Atelier befindet sich in Kreuzberg, in der Axel-Springer- Straße 39.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar